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Sonntags nie

Vor ziemlich genau einem Jahr hat SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles für politikfreie Sonntage plädiert, nun hat auch Katja Kipping die Forderung aufgegriffen. Und womöglich schließt sich bald auch noch die CDU-Familienministerin der Phalanx an: Kipping, die sich mit Kristina Schröder über Kinderbetreuung ausgetauscht hat, sei sich mit ihr „in einem Punkt einig: Wir brauchen politikfreie Sonntage. Vielleicht werden wir da mal eine parteiübergreifende Initiative starten.“ Was die drei Frauen verbindet: Sie haben kleine Kinder, doch der Politikzirkus nimmt darauf kaum Rücksicht. „Die Parteien sollten sich darauf verständigen, dass an einem festgelegten Wochentag – idealerweise am Sonntag – in der Regel alles ruht, was mit Politik zu tun hat“, hatte Nahles im Juli 2011 vorgeschlagen. So könnten auch Politiker mehr Zeit mit ihren Familien verbringen und Kraft tanken. Kipping sieht das genauso: „Es muss auch in der Politik einen freien Tag geben und darf nicht zum Standard werden, einfach durchzuarbeiten.“

Da kann man nicht viel gegen sagen, außer: So einfach ist das gar nicht. Und das liegt nicht nur daran, dass Wahlen hierzulande am Sonntag stattfinden. Sondern unter anderem an einem Strukturverhältnis der Parteiendemokratie: Ihr eignet in den höheren Etagen das Berufspolitikertum an, welches aber auf einem breiten Fundament aus ehrenamtlichem Engagement fußt. Das will hin und wieder verschränkt sein, zwecks Mitbestimmung und Legitimation, wozu es Parteitage gibt, die nur am Wochenende stattfinden können, weil der „Souverän“ der jeweiligen Gliederungsebene unter der Woche meist arbeiten muss. (Das müssen die anderen, also die Berufspolitiker, freilich auch.) Manuela Schwesig hat vor ein paar Monaten auf dieses Dilemma hingewiesen. Die SPD-Vizevorsitzende, die auch Mutter eines kleinen Kindes ist, gehört ebenfalls zu denen, die die Idee politikfreier Sonntage gut finden. „Wir sollten bei dieser Debatte allerdings bedenken: Im ehrenamtlichen Bereich nutzen die Parteimitglieder gerade die Wochenenden, weil sie sonst keine Zeit haben.“ Trotzdem hält auch die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern nichts vom Dauerstress. „Es ist fatal, dass wir auch noch Parteitage und wichtige Sitzungen auf Sonntage legen. Das gilt nicht nur für die SPD, sondern für alle Parteien.“

Und wenn nun Parteitage nur an Samstagen abgehalten würden? Dann müsste es derart viele davon geben, dass  kein Zeitvorteil darin bestünde: Bekanntermaßen dauert allein das bürokratische Procedere zu Beginn von Delegiertentreffen, diese Sinfonien des Durchwinkens, in denen mehr oder weniger Protokollarisches absolviert wird, schon ziemlich lange. Listenaufstellungen, Programmdebatten – das alles braucht aber seine Zeit, und diese Zeit müssen nicht nur die Berufspolitiker aufbringen, sondern die ehrenamtlichen Parteiengagierten müssen sie auch haben. Also wird es vermutlich dabei bleiben: Parteitage fallen auch auf Sonntage. Aber sie sind ja auch nicht so häufig. Bliebe die Frage, was sonst noch die Terminkalender von Politikern am letzten Tag der Woche füllt: Sitzungen, Auftritte, Talkshows. Muss das alles sein?

Mit dem Aufstieg einer Generation von Politikerinnen, die als berufstätige Mütter das Parteiengeschäft, Partnerschaft und Kinder unter einen Hut bekommen müssen, hat auch die Debatte über das zugenommen, was heute gern Work-Life-Balance genannt wird. Neben Wahlen (eher nicht verschiebbar) und Parteitagen (siehe oben) kommt die Diskussion dabei nicht selten auf das Polittalkshow-Unwesen zu sprechen, das offenbar zu einem integralen Bestandteil des Politikerdaseins gehört. Die seien ohnehin, hat Patrik Schwarz vor einigen Monaten in der Zeit geschrieben, „das Extrembeispiel für personalisierte Unentbehrlichkeit: Kommt Manuela Schwesig nicht zu Günther Jauch, dann sitzt dort womöglich eine Konkurrentin. Doch wer sonntagabends nicht in jede Talkshow jettet, ist auf Dauer am Montag frischer bei der Sache. Verordnen aber lässt sich dieser Mut nicht.“ Das ist wohl richtig, aber der Mut könnte größer und wirksamer sein, wenn immer mehr Politikerinnen und Politiker darauf drängen – und selbst beispielhaft vorangehen. Es wäre wahrlich kein Schaden an der politischen Kultur, wenn die TV-Sonntagsrunden mangels Teilnahmebereitschaft abgesetzt werden müssten. Vielleicht sollte die „parteiübergreifende Initiative“, von deren Möglichkeit Kipping spricht, genau hier ansetzen. Das würde zwar noch keinen politikfreien Sonntag erschaffen. Aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung – nicht nur für Berufspolitikerinnen mit Kind. (tos)

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