Hör mir auf mit Krise
„Die Welt verliert das Vertrauen in den Kapitalismus“, titelte Welt.de vor ein paar Tagen. Für die Deutschen, das wird in den Zeitungsberichten über die Ergebnisse der Pew-Studie sogleich ergänzt, gelte das aber nicht. Nun gibt es eine ganze Reihe an Gründen, weshalb man diese Großumfrage nicht für einen besonders guten Spiegel der Wirklichkeit halten sollte: die Art der Fragestellung, die Fehlerquoten und anderes mehr. Hinweise auf die Entwicklung des Bewusstseins in der Krise in verschiedenen Ländern geben die Ergebnisse aber trotzdem; es käme nun darauf an, sie mit anderen Studien abzugleichen und eine Diskussion darüber zu entwickeln, was das, gerade wegen der Widersprüchlichkeit, für linke Politik heißt.
Im Neuen Deutschland hat Aert van Riel auf einen Aspekt hingewiesen, den er etwas missverständlich „zentristisches Denken“ nennt: In der Bundesrepublik, wo die Zustimmung zur „freien Marktwirtschaft“ in der Pew-Studie so hoch ist (69 Prozent) wie vor zehn Jahren, scheine es zahlreichen Menschen „nicht klar zu sein (…), dass die eigene wirtschaftliche Entwicklung nicht getrennt von der Lage in anderen Ländern bewertet werden kann“. Während in Deutschland – bei aller Hartz-Politik, Prekarisierung, Umverteilung von unten nach oben – doch ein gewisser Teil der Lohnabhängigen von jenen Ungleichgewichten profitiert hat, die den Abwärtssog in den südeuropäischen Krisenstaaten nun mindestens beschleunigen, scheint ihnen das nicht in einem politisch-kritischen Maße bewusst zu werden.
Die Frage bleibt unbeantwortet, warum das so ist und wo die Ansetzpunkte für linke Politik wären. Eine Erklärung, die sich vor allem darauf kapriziert, dass eine aktive Verblendungschoreografie „den Eindruck einer wirtschaftspolitisch positiven Bilanz zu erwecken“ sucht und dies „bei vielen Bundesbürgern offensichtlich mit Erfolg“ getan hat, greift jedenfalls zu kurz. Nicht, weil es „durch Konjunkturpakete erzwungene Wachstumsraten und geschönte Arbeitslosenstatistiken“ nicht geben würde. Sondern weil das Bewusstsein der ganz unterschiedlichen Klassenmilieus in der Krise nicht nur eine abhängige Variable von Herrschaftsdramaturgie und parteipolitischer Propaganda ist. Das gilt gerade in der Krise.
Diese Krise, so wird jetzt Bernd Riexinger zitiert, sei „eine sehr abstrakte Problematik, die nicht ordentlich erklärt wird“. Auch nicht durch die Partei, deren Vorsitzende der 56-Jährige ist: „Wir bilden da keine Ausnahme.“ So richtig es einerseits ist, von der Linkspartei zu verlangen, sie müsse besser über die ökonomischen und politischen Zusammenhänge aufklären, so falsch wäre es andererseits, zu glauben, dies sei mit einem krisentheoretischen Passepartout möglich, durch den man die Leute blicken und gewissermaßen Erleuchtung erreichen lässt. Diesen Eindruck hatte jene Kommunikation des alten Linken-Vorstandes hinterlassen, in der es oft hieß: Die Partei habe die einzige Lösung für die Krise im Sinne der Interessen der Mehrheit. Aber was sind die Interessen der Mehrheit in diesen Zeiten, wie kann das Unterschiedliche dabei in einem Gemeinsamen gedacht werden und wie kommt man als Linker darüber ins Gespräch mit anderen?
Diese Fragen haben weder die Linkspartei noch unabhängige Linke befriedigend geklärt. Es wird darauf sicher auch nie eine abschließende Antwort geben können. Aber die Pew-Studie verweist so gesehen auf eine Leerstelle, vielleicht sagt man besser: eine Herausforderung. Horst Arenz hat im aktuellen Sozialismus darauf hingewiesen, dass in der Linken zur Frage des Krisenbewusstseins hierzulande und in anderen europäischen Staaten „nur Andeutungen“ zu hören sind. Wer „das Massenbewusstsein“ nach links verändern will, so Arenz, „muss von seinem aktuellen Zustand und seinen Widersprüchen in der Krisenwahrnehmung ausgehen“. Hier habe der Reformerflügel außer Appellen „nichts Substanzielles“ beigetragen; und auf dem linken Flügel der Linken dominiere „die Abscheu nach dem Motto: Hör mir auf mit dem Alltagsbewusstsein, die Masse hängt eh nur vor der Glotze, will am liebsten wieder die D-Mark haben und Griechenland aus dem Euro-Verbund werfen.“ Es gibt, schreibt Arenz, „begründeten Anlass für den Verdacht“, dass die Frage, wie eine linke Partei mit dem widersprüchlichen und fragmentierten Denken und Fühlen der Leute in Zeiten wie diesen umgeht, die Frage also, „wie diese Methode (des Anknüpfens) konkret auszusehen hat, wie die Krise sich im Alltagsbewusstsein hierzulande konkret niederschlägt, breite Teile der Partei nicht interessiert“.
Dass dies geschieht, wird niemand bestreiten. Joachim Bischoff, Hasko Hüning und Björn Radke kommen im selben Heft von Sozialismus zu der Ansicht, dass sich „sowohl die Endloskrise in der Euro-Zone als auch die Entdemokratisierung (…) sich auf das Alltagsbewusstsein“ auswirkt. In ihrem Beitrag tragen sie dazu eine beachtliche Zahl von Hinweisen zusammen, demoskopische Splitter, die zusammengesetzt dann aber doch kein einfaches Bild vom Krisenbewusstsein ergeben, sondern aus „differenzierten und zum Teil widersprüchlichen Angaben“ bestehen. Insgesamt sehen Bischoff, Hüning und Radke zwar Hinweise, die „auf eine massive Verbreitung eines allgemeinen Unbehagens am Kapitalismus“ hindeuten. Auch machen sie „deutliche Handlungs- und Deutungsansätze für eine linkssozialistische Partei“ aus. Worin diese genau bestehen und wie sie an die verschiedenen Ausdrucksformen des Krisenbewusstseins andocken – das bleiben drängende Fragen für die Linke und die gleichnamige Partei. Die Pew-Umfrage hat darauf jetzt noch einmal den Blick gelenkt. (tos, Grafik: Böckler impuls)
Redaktion Sozialismus:
Momentaufnahmen des Alltagsbewusstseins – hier
tos: Relativ gut, relativ schlecht
Zum Krisenbewusstsein – hier
Wolfgang Lieb:
Der Placeboeffekt des Relativismus – hier
Allensbach in der FAZ:
Das Unbehagen am Kapitalismus – hier
Thomas Goes:
Krise, Bewusstsein, Kämpfe? – hier
R. Detje, W. Menz, S. Nies, D. Sauer:
Krise ohne Konflikt? Interessen- und Handlungsorientierungen im Betrieb – hier
K. Dörre, A. Hänel, H. Holst, I. Matuschek:
Guter Betrieb, schlechte Gesellschaft? – hier
Kornelia Koppetsch (Hg.):
Nachrichten aus den Innenwelten des Kapitalismus – hier
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Ein Kommentar zu “Hör mir auf mit Krise”