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Ein radikaler Kritiker

Ein radikaler Kritiker

„Auch die resozialdemokratisierte postmoderne Gesamtlinke kann sich inzwischen einen Kapitalismus ohne Welt leichter vorstellen als eine Welt ohne Kapitalismus“, schrieb Robert Kurz im Februar in der Konkret. „Bobby“ hat hartnäckig dagegen angeschrieben – bei seinen Kollegen von Exit!, lange Zeit auch häufiger im Freitag, regelmäßig im Neuen Deutschland. Und vor allem: in Büchern. Kurz war einer der einflussreichsten Wertkritiker der vergangene Jahrzehnte, ein engagierter Journalist und Linker, der sich über den autodestruktiven Charakter der kapitalistischen Produktionsweise keine Illusionen machte, mehr noch: dessen Denken um die Unausweichlichkeit ihres Zusammenbruch kreiste. In dieser Woche ist Robert Kurz in Nürnberg gestorben. „Die kritische Theorie verliert in ihm einen streitbaren Denker und radikalen Kritiker in einer Zeit, die mehr denn je danach verlangt, ,alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist‘“, schreibt die Redaktion der Exit! und der Vorstand für kritische Gesellschaftswissenschaften. Die Wertabspaltungskritik verliere ihren „prägenden Theoretiker – es wird nicht leicht werden, diese Lücke zu füllen.“ Harry Nick würdigt Kurz im Neuen Deutschland als „angesehenen Wissenschaftler“ und „zu Recht hoch gelobten Buchautor“ – mit dem er freilich „eine wichtige Meinungsverschiedenheit“ hatte: „Kurz konnte wie Karl Marx sich den Sozialismus nur ohne Warenproduktion und Geldwirtschaft vorstellen, was ich für nicht möglich halte. Als bekennender Marxist war ich in nicht geringer Verlegenheit bei dem Versuch, mich mit den Ansichten von Kurz, dem profunden Marx-Kenner, auseinanderzusetzen.“ Die Junge Welt hat einen ausführlichen Nachruf angekündigt. Stefan Meretz erinnert daran, wie „Bobby“ dem Traditionsmarxismus „eine verkürzte Analyse und Kritik“ vorgeworfen hat, „die nur auf die Ebene der Verteilung des Reichtums abzielt, aber Form und Zustandekommen dieses Reichtums außen vor lässt“. Und er verschafft uns eine Ahnung davon, wie einflussreich Kurz gewesen ist – der Name des Projekts keimform.de ging einst auf einen Artikel von ihm zurück, worauf Robert Kurz mit einer geharnischten Kritik antwortete. Unnachgiebig, ja beinahe rechthaberisch, aber theoretisch auf höchstem Niveau und so auch für die eigene Position eine Herausforderung. Robert Kurz wird auch denen sehr fehlen, die mit ihm nicht einer Meinung waren. (tos)

Nachträge:

Die Tageszeitung berichtet unter Berufung auf die Witwe, Kurz sei in “Folge eines Operationsfehlers” gestorben. “Versehentlich habe man ihren Mann an der Bauchspeicheldrüse operiert.” – hier

Auf Spiegel online wird in einer kleinen Notiz zum Tode von Kurz auf sein kommendes Werk hingewiesen: “Geld ohne Wert. Grundrisse zu einer Transformation der Kritik der politischen Ökonomie” wird nun posthum erscheinen und, so der Verlag, eine “kategoriale Kritik des Kapitalismus” formulieren, vor der “die gesamte demokratisch domestizierte Linke bislang zurückscheut”. – hier

In der Taz würdigt Helmut Höge das Werk von Robert Kurz. Der habe “linken Aktivisten nicht viel mehr zu bieten (gehabt) als ein radikales Zerdenken von dem, was die Gesellschaft zusammenhält. Das tat er jedoch ebenso einleuchtend wie enthusiastisch”. – hier

In der Jungen Welt schreibt Gerd Bedszent, die deutsche Linke verliere in Robert Kurz “einen ihrer profundesten Denker”, und erinnert an die Reaktionen auf Kurz’ Schwarzbuch Kapitalismus: “Die Schönschreiber der kapitalistischen Gesellschaft fühlten sich damals getroffen: Die Berliner Zeitung empfahl dem Eichborn-Verlag, doch bitte eine Zeitlang der Frankfurter Buchmesse fernzubleiben; das Handelsblatt empörte sich über diese »imposante Schmähschrift« und die FAZ mokierte sich über eine »Hetzschrift gegen Marktwirtschaft und Kapitalismus« – ein schöneres Lob gibt es bis heute nicht.” – hier

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Ein Kommentar zu “Ein radikaler Kritiker”