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Ein Brief an Raul Zelik

Vor ein paar Tagen ist der Schriftsteller und Politautor Raul Zelik in die Linkspartei eingetreten. Der Schritt hat eine Debatte über das Verhältnis von unabhängigen Linken und der Partei angestoßen. Anne Roth fragt sich, wie es gelingen soll, diese Partei, in der gleich mehrere Flügel quasi mit Gewalt jede Veränderung bekämpfen, von innen zu ändern, nur weil der Vorstand gewechselt hat. Thomas Seibert sieht nach dem Göttinger Parteitag für die Linkspartei bessere Chancen, über ihr bisheriges Milieu hinaus attraktiv zu werden – will aber lieber im Rahmen der Mosaiklinken und nicht als Mitglied die Zusammenarbeit fortsetzen. Wir setzen die Debatte hier  mit einem GASTBEITRAG von INGO STÜTZLE fort.

Lieber Raul,

etwas erstaunt habe ich deinen Eintritt in die Linkspartei zur Kenntnis genommen – und meine Überraschung hat weniger damit zu tun, dass du diesen Schritt getan hast, sondern wie das geschehen ist. Du hast deine Mitgliedschaft öffentlich erklärt, deshalb möchte ich dir öffentlich darauf antworten.

Deiner Meinung nach sollte linke Kritik an Parteien, deren Politik auf Parlamente und den Staat ausgerichtet ist, angesichts der aktuellen Entwicklungen in Europa und der Veränderungen innerhalb der Linkspartei relativiert werden. Die für deinen Eintritt angegebenen Beweggründe beanspruchen also eine gewisse Allgemeingültigkeit. Es scheint für dich gegenwärtig politisch richtig und wichtig, dass Linke in die Linkspartei eintreten.

Ich wurde von GenossInnen gefragt, warum du das gemacht hast. Einige haben vermutet, es ginge dir vielleicht um einen Parteiposten. Ich weiß: Solche Standardreflexe mancher radikaler Linker werden weder deinem Anliegen noch dir als politischem Menschen gerecht. Wir kennen uns seit fast 15 Jahren und haben lange gemeinsam Politik gemacht. Gerade deshalb aber halte ich eine Auseinandersetzung mit den Gründen, die du vorbringst, für nötig.

Noch eine letzte Vorbemerkung. Ich bin kein „Parteienhasser“, meine Identität als politischer Linker ist nicht auf eine antiparlamentarische Attitüde gebaut. Trotz meiner Kritik an der Linkspartei ist und war es mir nie egal, was mit ihr und in ihr passiert. Ich habe 2005 den offenen Brief an WASG und PDS mit initiiert, in dem wir beide Parteien dazu aufgefordert haben, im Wahlkampf antirassistische Positionen offensiv zu vertreten. Als Redakteur bei ak – analyse & kritik habe ich mich seit Jahren dafür eingesetzt, dass die Zeitung über die Linkspartei berichtet und außerparlamentarische Linke über die Partei und deren Politik diskutieren. Ich habe mich an Diskussionen mit VertreterInnen der Linkspartei beteiligt, unter anderem mit Katja Kipping, die 2006 mit anderen Abgeordneten die Kontaktstelle für soziale Bewegungen ins Leben gerufen hat und die immer wieder dafür gesorgt hat, dass AktivistInnen aus Initiativen und sozialen Bewegungen mit Teilen der Linkspartei ins Gespräch kamen. Was das alles gebracht hat oder ob die Kontaktstelle für die Linksfraktion mehr als eine Alibieinrichtung war und ist steht auf einem anderen Blatt.

Wenn du aus Kolumbien wieder zurück bist, würde ich deinen Entschluss gerne mit dir diskutieren. Ein paar Nachfragen und kritische Anmerkungen an dieser Stelle schon einmal vorweg.

Du beschreibst die Linkspartei als feine und dissonante Stimme der Vernunft, als die politische Kraft, die „wesentliche Fragen überhaupt erst wieder thematisiert“ hat. Deine Ausführungen hierzu sind etwas knapp, ich habe die vergangenen Jahre durchaus anders erlebt.

Es stimmt zwar: Mit der Linkspartei ist in Deutschland endlich europäische Normalität eingezogen, es gibt eine parlamentarische Kraft links der Sozialdemokratie, die, wenn auch mit Abstrichen, medial ernst und wahrgenommen wird. Sie setzt die Sozialdemokraten von links unter Druck – ohne Linkspartei hätte sich die SPD wohl nie derart beim Mindestlohn in die Offensive gewagt, was dann sogar die Union zum Einsatz für eine „Lohnuntergrenze“ gedrängt hat. Und das ist nicht das einzige Beispiel.

Auch die gesellschaftliche Debatte hat sich verändert. Linke Positionen scheinen nicht mehr ganz so jenseitig – aber dass wir im Kapitalismus leben, hat seit Ausbruch der Krise 2007 niemand mehr bestritten. Die Financial Times organisierte eine Debatte zur Zukunft des Kapitalismus, die Frankfurter Allgemeine druckte Auszüge aus Keynes BBC-Radiobeiträgen und ließ über die Krisenhaftigkeit des Systems diskutieren. Bücher zu Marx fluten den Markt, das Manifest „Der kommende Aufstand“ oder jüngst David Graebers „Schulden“ wurden breit rezipiert, Stefan Hessels Schrift „Empört euch!“ gab es als Quengelware an den Kassen.

Wenn Positionen der Linkspartei in der Öffentlichkeit präsenter waren und Sahra Wagenknecht oft und gerne in Talkshows eingeladen wurde, dann war das also eher Ausdruck einer tiefen bürgerlichen Verunsicherung. Der Beinahe-Kollaps des Kapitalismus warf die Frage auf, wie die Gesellschaft reformiert werden muss, um, und das ist entscheidend, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten. An einer besonderen Leistung der Linkspartei lag diese temporäre Öffnung des Diskurses jedoch nicht. Und auch sinnvolle Deutungsangebote oder neue Politikoptionen habe ich in der letzten Zeit von der Linkspartei nicht gehört.

Statt von Klasseninteressen haben deren Politiker von der „Mehrheit der Bevölkerung“ gesprochen und von der „Gier der Banker“. Du schreibst, die Linkspartei habe Krisenanalysen mit Tiefgang geliefert. Worauf beziehst du dich? Auf die Bücher von Sahra Wagenknecht? Gibt es in der Linkspartei Kritik am kapitalistischen Wachstumszwang? Hast du dazu mal eine Umfrage beim gewerkschaftlichen Flügel und der Sozialistischen Linken gemacht?

Die Linkspartei konnte von der Krise des Kapitalismus nicht profitieren, im Gegenteil. Sie ist selbst in die Krise geraten – und das hatte Gründe, die nichts mit Personalquerelen zu tun haben, aber trotzdem bei der Linkspartei selbst liegen. Sie kritisierte oft nur, dass Maßnahmen wie die Re-Regulierung der Finanzmärkte oder die Einführung einer Finanztransaktionssteuer nicht konsequent umgesetzt werden würden. Es ging also um die politische Agenda von anderen – von der Linkspartei selbst war wenig Neues oder Radikaleres zu hören. Und macht es wirklich Sinn, die Verstaatlichung von Banken zu verlangen, wenn genau dieser gerade stattfindet – als Vergesellschaftung von exorbitanten Schuldenbergen?

Was mir in deiner öffentlichen Erklärung zum Eintritt in die Linkspartei auch fehlte: Es steht darin nichts über die Erfahrungsprozesse und Mobilisierungserfolge, welche die Bewegungslinken in den vergangenen Jahren gemacht und erreicht haben. Nichts von Heiligendamm, nichts von Castor Schottern, nichts von Blockupy, nichts von Dresden Nazifrei und den vielen Konferenzen und Kongresse. Mehr noch: Es sind ja gerade diese Beispiele, die zeigen, dass es bereits seit Jahren eine vertrauensvolle und gute Kooperation zwischen organisierten Teilen der Bewegungslinken und der Linkspartei gibt – mit Höhen und Tiefen und sicherlich auch mit Konflikten.

Es geht nicht darum, Erfolge der Bewegung gegen die Linkspartei auszuspielen. Aber bei dir tauchen die wichtigen Etappen der vergangenen Jahre nicht einmal auf. Und das, obwohl es hier um das letztlich auch für deine Entscheidung zum Eintritt in die Linkspartei so wichtige Verhältnis von Partei und Bewegung geht. Hier wird gern auf die Metapher von der Mosaiklinken zurückgegriffen, aber damit ist zu ungenau beschrieben, was die einzelnen Teile einer solchen Linken wie zusammenhält und was ihre Anordnung bestimmt – erst das macht ein Gesamtbild aus.

Zu Beginn deiner Erklärung führst du wichtige Punkte einer linken Parteien- und Staatskritik an – nimmst sie dann aber leider weder auf noch ernst. Sonst hättest du nämlich skizzieren müssen, wie diese Kritik auf die politische Praxis der Linkspartei zutrifft, wo sie zum Teil relativiert werde kann und was man innerhalb der Partei zum Beispiel gegen die „Parlamentarisierung“ linker Politik machen kann. Was willst du als neues Parteimitglied in dieser Frage unternehmen? Wo innerhalb der PdL siehst du den Ort, wo du in Zukunft linke Politik vorantreiben kannst? Auf eine Antwort auf diese Fragen bin ich gespannt.

Eine Klassenpartei, wie du suggerierst, kann die Linkspartei nicht werden. Es sei denn, sie würde ihren Charakter grundlegend verändern. Davon ist aber nicht auszugehen. Parteien, die um parlamentarische Mehrheiten kämpfen, können keine Klassenorganisationen werden. Das zeigt nicht nur die Geschichte. Claus Offe hat es einmal exemplarisch anhand des „Formprinzips der Konkurrenzpartei“ beschrieben: „Die Logik der nach ,Regierungsverantwortung‘ strebenden Konkurrenzpartei legt es den Parteien nahe, Wählerstimmen zu suchen, wo immer sie zu bekommen sind, sich also jeder Bezugnahme auf (klassenmäßige, konfessionell oder sonst wie) spezialisierte ,Einzugsbereiche‘ zu erhalten. Dementsprechend wird der Bürger als abstraktes Willenssubjekt, als ein mit Stimmrecht ausgestatteter Jedermann angesprochen.“

Wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, klingt deine Aussage, nach der es dich wenig interessiert, ob die Linkspartei Wahlen gewinnt oder nicht, sehr naiv. Eine Partei muss Wahlen gewinnen. Dass die, in die du eingetreten bist, es momentan nicht tut, macht einen guten Teil ihrer Krise aus. Die Fokussierung auf den Wahlerfolg wird auch in Zukunft die inhaltlichen Debatten und die politischen Auseinandersetzungen in der Linkspartei prägen. Und da du oft von den „Orten“ sprichst, die es braucht für ein neues gesellschaftliches Projekt der Veränderung, für die Formulierung von Erfahrungen, für das Gespräch über Widerstand: Warum sollte ausgerechnet die Linkspartei dieser Ort sein?

Eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft und das Ende von Herrschaft wird nur erreicht werden können, wenn die Linke und soziale Bewegungen dem Staat Organisationsleistungen für die Gesellschaft abringen. Staatliche Politik ist immer herrschaftsförmig. Für eine wirklich linke Partei als Teil des Staatsapparats bedeutet dies also, dass sie in der Perspektive ihre eigene Existenz überflüssig machen muss. Das steht zur Zeit nicht auf der Agenda, das stimmt. Aber für neue Projekte der Veränderung bedarf es eben auch neuer Orte der Verständigung – und keinen Eintritt in die Linkspartei, die, um im Bild zu bleiben, ein „alter Ort“ ist.

Du selbst schreibst, dass du nicht wüsstest, ob die Linkspartei der richtige Ort ist. Lieber Raul, was liegt denn für jemanden wie dich, der selbst Kritik an Parteipolitik formuliert, nahe? Was hat sich in der Linkspartei in dieser Frage verändert? hat sich überhaupt etwas verändert? Ist sie durch offenen und solidarischen Streit mit den sozialen Bewegungen aufgefallen? Protestaktionen wie Blockupy finden zwar alle GenossInnen der Partei toll – doch werden solche „Events“ vor allem als Bühne für die Repräsentationspolitik der Linken benutzt. Das liegt in der Logik der Sache: Die Straße ist nur bedingt der Ort einer Partei.

Noch ein Wort zur Rosa-Luxemburg-Stiftung. Ich stimme dir zu: Ohne Linkspartei gebe es die Stiftung nicht, und ohne Stiftung würde wiederum ein Raum für viele parteiunabhängige Linke fehlen. Ich selbst verdiene bei der Stiftung mit Kapitalkursen einen Teil meiner Brötchen. Aber muss ich deshalb auch in die Linkspartei eintreten? Liegt die Bedeutung der Luxemburg-Stiftung für die gesellschaftliche Linke nicht gerade in ihrer Unabhängigkeit von der Partei? Eine Unabhängigkeit übrigens, die zum Beispiel von Oskar Lafontaine öffentlich angezweifelt wurde und immer wieder verteidigt werden muss.

Diese Autonomie der Stiftung ließe sich nutzen, um linke Parteipolitik und außerparlamentarische Bewegung ins Gespräch zu bringen. Denn wenn es tatsächlich Interesse an gemeinsamen Debatten, Initiativen und Projekten gibt, dann müssen diese an Orten außerhalb der Partei entwickelt werden, jenseits von der ihr immanenten politischen Logik. Und ja: Dafür braucht es institutionalisierte Formen, die einen solchen Austausch auch unabhängig von Einzelpersonen ermöglichen. Für diesen Schritt ist große Bereitschaft nötig – von allen Seiten. Aber ein Parteibeitritt kann nicht Voraussetzung für eine solche Diskussion sein. Genauso wenig wäre es richtig, wenn die unabhängigen Linken den Genossen der Linkspartei ständig vorhalten, dass sie in der Partei und in Parlamenten Politik machen.

Lieber Raul, ich habe vieles nur nur angerissen und manches noch nicht einmal. Ich würde mich freuen, wenn wir diese Fragen in einigen Wochen in Berlin zusammen weiter diskutieren könnten.

Beste Grüße,
Dein Ingo

Ingo Stützle ist Redakteur von ak – analyse & kritik und in der Interventionistischen Linken aktiv. Was er sonst so macht, kann man auf seinem Blog nachlesen.

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10 Kommentare zu “Ein Brief an Raul Zelik”

  1. Heinz-Dieter Lechte sagt:

    Bezieht sich die Kritik an der Partei, dort, wo du Kritik äußerst, auch auf das Erfurter Parteiprogramm? Oder wird die Praxis der Partei der Theorie nach deiner Einsicht nicht gerecht?

  2. Janis Ehling sagt:

    Hi,
    nur soviel an dieser Stelle:

    Erstens, Zelik lehnt sich bei seinem Staatsverständnis an Poulantzas an und da geb ich ihm recht. Der Staat ist ein Herrschaftsinstrument, aber auch immer ein Ort, wo Linke manchmal hier und da etwas machen können. Man sollte ihn daher nicht komplett verdammen.

    Zweitens, ich finde, wir müssen momentan keine Idee haben, wie wir die gesellschaftliche Linke vernetzen. Auf einen Nenner bekommen wir sie nicht und daher ist es um so wichtiger, wie Zelik, die “leere Signifikante” stark zu machen. Wir brauchen einen Slogan auf den wir uns beziehen können, aber im Kern wird der leer sein, denn unsere Ideen sind zu unterschiedlich. Eine zu genaue Festlegung schließt viele aus, dass wollen wir nicht.
    Was ich deiner Kritik aber anrechne, ist dass du klar machst, dass die Gesellschaft nicht über die Parlamente geändert wird. D’accord, da braucht es immer Kritik von der Bewegungslinken, aber sagt Zelik das nicht auch? Zelik bleibt ja immer ein wenig beliebig und das bewusst. Ich meine, deine Position lässt sich in dieses Konzept integrieren. Eine Parteimitgliedschaft ist dafür nicht notwendig, stimmt!

    Beste Grüße

    Janis

  3. Hajo Zeller sagt:

    Verehrter Ingo Stützle,

    Ein wenig verwundert nehme ich Ihre Äußerungen zum Eintritt von Raul Zelik in die Partei DIE LINKE zur Kenntnis. Die Positionen der Partei DIE LINKE auf die Anzahl der Auftritte von Sahra Wagenknecht in den Talk-Shows dieser Republik zu reduzieren oder auf den durchaus umstrittenen Inhalt ihres letzten Buches, ist mutig. Auf der einen Seite zuzugeben, über die Rosa-Luxemburg-Stiftung einen Teil der Brötchen zu verdienen – diese Stiftung wird nur so lange relevant sein wie die Partei DIE LINKE bundesweit relevante Wahlerfolge erzielt – um auf der anderen Seite zu fordern „eine wirklich linke Partei“ möge auf Dauer ihre eigene Existenz überflüssig machen, sorry, das ist eine ziemlich verquere Logik.

    Warum mischt sich Ingo Stützle nicht mit inhaltlich gehaltvollen Beiträgen in die innerparteiliche Debatte ein? Warum nimmt Ingo Stützle zum Beispiel die Positionen der ökologischen Plattform zum Wachstumszwang nicht wahr? Es ist zwar nur eine Petitesse: 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 wurden von einem Mandatsträger einer politischen Partei zuerst von Wolfgang Methling (immer noch Mitglied im Parteivorstand DIE LINKE) erhoben. Und diese Forderung fand Eingang in Wahl- und Parteiprogramme.

    Wer nicht davon träumt, eines Tages mit Waffengewalt eine Systemveränderung herbeizuführen, dem bleibt nur der mühselige Weg durch Überzeugungsarbeit eine Systemveränderung zu befördern. Eine wertende Trennung zwischen denen, die in parlamentarischen Abstimmungen mühselig Mehrheiten organisieren und denen, die theoretisch den richtigen Weg wissen, aber trotzdem keinen Zentimeter vorankommen, ist irrelevant. Nur wenn parlamentarisch und außerparlamentarisch eine gemeinsame Bewegung zustande kommt, wird sich diese Gesellschaft verändern. Warum will Ingo Stützle nicht Parteimitglied werden? Vor allem seitdem die Partei DIE LINKE „fragend voranschreitet?“

  4. @Heinz-Dieter: Ja, natürlich beziehe ich mich auch auf das Erfurter Parteiprogramm. Aber schon die Nachfrage zeigt, dass ich mich nicht richtig verständlich machen konnte. Meine Kritik ist nicht, dass ein Programm nicht gut umgesetzt wird. Mein Punkt ist, dass eine Partei, die Wahlen gewinnen und Regierungsmehrheiten erringen will etc. eine noch so radikale Programmatik nicht umsetzen kann. Erst recht dann nicht, wenn es keine sozialen und politischen Bewegungen und Kämpfe gibt. Das alles sind keine linksradikalen Flausen. Dafür muss man nur ein wenig kritische Staatstheorie und Parteien- und Bewegungsforschung zur Kenntnis nehmen. Die Grünen hatten das Problem in ihrer Anfangszeit mit der Metapher vom Stand- und Spielbein noch zumindest auf dem Schirm. Sie sind aus einer breiten sozialen Bewegung entstanden. Bei der Linkspartei würde ich mir in dieser Frage etwas mehr Problembewusstsein wünschen.
    @Janis: Ja, Poulantzas. Mit dem Guten kann ich auch viel anfangen. Ich habe mir mit Genossen sogar die Mühe gemacht, einen Sammelband zu dessen Staatstheorie herauszugeben. Poulantzas zufolge ist der Staat aber eben KEIN Instrument. Das ist gerade die Vorstellung, die er kritisiert, Janis. Poulantzas geht es eher um die Herrschaftsleistungen des Staates – und die gehen nicht Repression auf. Auch soziale Zugeständnisse können Zustimmung zu Herrschaft organisieren. Das kann in Form von Sozialleistungen subalternen Klassen zugute kommen. Gleichzeitig bleibt es eben Herrschaft und genau hier müsste linke Kritik (nicht zuletzt feministische) und Analyse ansetzen. Mit Poulantzas ist es möglich zu begreifen, dass der Staat einerseits Errungenschaften von sozialen Kämpfen garantieren muss und dass dies sich dies jedoch andererseits nur unter kapitalistischem und deshalb herrschaftsförmigem Vorzeichen vollzieht.
    Ich finde es aber ehrlich gesagt etwas erschreckend, wenn du für eine „Politik des leeren Signifikanten“ plädierst. Das ist ja fast eine Parodie auf DIE PARTEI: „Inhalte überwinden!“. Dazu passt dann auch die Idee, manchmal hier und da etwas machen. Ist linke Politik wirklich so beliebig? Linke sollen sich nicht vernetzen? Wie bitte soll ohne „Vernetzung“ eine gesellschaftliche Kraft links von der Sozialdemokratie entstehen? Im ISM passiert das doch zum Beispiel hinsichtlich von Bedingungen und Möglichkeiten von Regierungsverantwortung. Was wäre eine adäquate Form der Auseinandersetzung zwischen GenossInnen der Linkspartei und VertreterInnen außerparlamentarischer Politik?
    Auch ich gehe fragend voran, aber um Fragen stellen zu dürfen, muss ich nicht in die Partei eintreten müssen. Weil meine Fragen dort nicht oder ganz anders gestellt werden. Das, lieber Hajo, ist mein zentraler Punkt, den du dir wohl nicht zu eigen machen möchtest.

  5. André sagt:

    Hajos “Eine wertende Trennung zwischen denen, die in parlamentarischen Abstimmungen mühselig Mehrheiten organisieren und denen, die theoretisch den richtigen Weg wissen, aber trotzdem keinen Zentimeter vorankommen, ist irrelevant.”

    …erinnert mich an die Diskussion zw. Gregor Gysi und Karl Held:
    http://www.farberot.de/texte/linke/nachdenken_in_ingolstadt.htm

  6. Janis Ehling sagt:

    Ok, bei Poulantzas bin ich d’accord, dass habe ich verkürzt argumentiert. Ich kann deinen Ausführungen dazu durchgehend zustimmen.

    Bei den anderen Punkten muss ich dir widersprechen. Beim wiederholten Lesen deines Briefs haben sich auch noch eins-zwei Nachfragen ergeben.

    Mit der “leeren Signifikante” meinte ich selbstverständlich nicht, dass die Linke beliebiger werden soll. Es geht aber schon darum einen Slogan zu haben, auf den sich möglichst viele beziehen können. Ein gutes Beispiel wäre das bekannte Beispiel “Eine andere Welt ist möglich.” Ein linkes Projekt ist auf breite Unterstützung durch unterschiedlichste Akteure angewiesen; auch um wieder punktuelle Diskurs- und Hegemonieverschiebungen zu erreichen. Eine zu klare, nichtoffene Festlegung ist zu ausschließend – so wäre die Linke auch keine lernende Partei mehr. Was Beliebigkeit und was klare Linien sind, da gebe ich dir Recht, ist eine Gradwanderung.

    Bei der klaren Linie wäre ich schon beim nächsten Punkt.
    Du sagst, die Linke kann keine Klassenpartei sein. Warum nicht? Und was meinst du heute mit Klasse? Wen subsumierst du darunter?

    Nur in einem breiten Bündnis aus Parteien, Bewegungen, Genossenschaften etc. lässt sich Veränderung organisieren. Ein Teil kann nicht ohne die anderen.
    In einem Punkt hast du recht: Die Parteien neigen immer dazu sich zu hierarchisieren und zu korrumpieren (Michels Analyse ist da immer noch aktuell). Als Korrektiv zu diesem Strukturproblem und als treibende Kraft sehe ich kritische Menschen in der Partei und Bewegungslinke.

    Eine Vernetzung und kritische Distanz ist daher vonnöten, kann aber auch als Basismitglied artikuliert werden. Parteiferne ist also nicht nötig – die würde ich dir auch nicht unterstellen. Vernetzung kann also zweierlei meinen: 1. regelmäßige, institutionalisierte Treffen auf Augenhöhe und/oder 2. eine bewegungsorientiertes Netzwerk in der Linken.

  7. Janis Ehling sagt:

    Ich war noch nicht ganz zufrieden, daher hier noch diese Ergänzung:

    1. Du kannst nicht bestreiten, dass aus der PdL zu den unterschiedlichsten Themen intelligente Anregungen kamen. Das ist nicht immer und nicht von allen Seiten der Fall; gerade bei den von dir genannten Themen gibt es einiges an Expertise. Wie dir sicher bekannt ist, gibt es viele unterschiedliche Konzepte in der Partei und ich bin in der Partei um (auch von dir genannte) Ansätze stark zu machen. Das Problem ist meines Erachtens eher, dass intelligente Beiträge selten medial zu Kenntnis genommen werden. Die Wahrnehmung der Partei liegt deshalb immer ein Stück in der Medienlogik. Es kommt also darauf an, sich von den Mainstreammedien und ihren Mechanismen zu emanzipieren. Die Linke kommt deshalb nicht umhin wieder Mitgliederpartei zu werden. Und an dieser Stelle finde Zeliks Eintritt begrüßenswert. 2. Ich stehe der Bewegungslinken mit großer Sympathie gegenüber. Sie hat aber zwei strukturelle Probleme – große Bewegungen und Proteste lassen sich nicht künstlich erzeugen. Womit wir beim zweiten Problem wären, wie will die Bewegungslinke gesellschaftliche Hegemonien schaffen ohne eine breite Basis zu haben? Eine Organisation als parlamentarische Partei bringt viele Probleme mit sich, deshalb auf sie zu verzichten, halte ich aber für falsch. Gerade die permanente Einbindung, Bildungsarbeit und mediale Öffentlichkeit sind wichtig für die Schaffung einer gesellschaftlichen Gegenhegemonie. Fast alle linken Konzepte sind bereits gescheitert. Nach Zelik kommt es also darauf an, sie gleichzeitig stattfinden zu lassen. Partei und Bewegung ist daher kein Widerspruch, beides muss sich bedingen!

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