Jörges’ Thesen

Auf der Klausur der Linksfraktion hat vor einigen Tagen der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges Thesen zur Linkspartei und ihrer öffentlichen Wahrnehmung vorgetragen. Die Überlegungen des Journalisten waren von vielen Abgeordneten als interessante Denkanstöße begrüßt worden. Harald Weinberg hat eine Zusammenfassung von Jörges Thesen inzwischen auf Facebook gepostet und uns freundlicherweise erlaubt, diese und einige kurze Gedanken dazu hier als GASTBEITRAG zu dokumentieren

 

Von Harald Weinberg

Völlig unabhängig von den aktuellen Veröffentlichungen zu dem “Gegenströmungs-Dossier” wollte ich in diesen Tagen mein Versprechen einlösen und mein Gedächtnisprotokoll zu den Thesen von Hans-Ulrich Jörges (Stern) auf der Fraktionskalusur in Facebook veröffentlichen. Ich tue das mit dem nächsten Positing. In Teilen passt es gut zur aktuellen Lage.

Auf der Klausur der Linksfraktion im Januar 2012 hatten wir Jörges, scharfgeistiger und -züngiger Kommentator des stern, eingeladen, um von ihm eine Aussensicht auf die LINKE zu erfahren. Jörges erfüllte die Erwartungen und formulierte fünf provokante Thesen, denen man sicher nicht in jeder Facette zustimmen muss, die aber sicher bedenkenswert sind. Nachfolgend möchte ich sie aus meinem Gedächtnis darstellen:

1. These: Die LINKE ist unsolidarisch Gemeint ist die mangelnde Solidarität nach innen, die in einem eklatanten Widerspruch steht zum eigenen politischen Anspruch, DIE Partei der Solidarität zu sein. Die LINKE habe im Vergleich zu ihrer Größe eine große personelle Breite und viele gute Politiker_innen, nutze dies aber nicht zum produktiven Meinungsstreit und zur Darstellung einer linken Pluralität. Stattdessen führe diese Breite ständig zu Machkämpfen und damit zu einer Verengung der Partei auf einige wenige. Damit bleibe die LINKE weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Diesen Punkt hätte die LINKE auch ziemlich exklusiv und es sei daher auch das Hauptproblem in der momentanen Situation.

2. These: Die LINKE scheut die Demokratie An dem gerade abgesagten Mitgliederentscheid könne man das sehen. Das sei – jenseits von allen juristischen Fragen – ein kardinaler Fehler. Das Signal sei, dass man die Mitglieder oder gar Außenstehende nicht einbeziehen will und statt dessen die Entscheidungen in kleinen Zirkeln vordiskutieren möchte. Das sei jedoch nicht mehr zeitgemäß. Offene Vorwahlen (wie in Frankreich bei der PS) und Plebiszite seinen das Gebot der Stunde. Raus aus den Hinterzimmern auch bei innerparteilichen Personalentscheidungen. Dies könne auch zur Politisierung genutzt werden und mache die Partei attraktiver. Die Vorwahlen bei der PS in Frankreich hätten Zehntausende neue Mitglieder gebracht. Andere Parteien seien hier aber auch noch nicht viel weiter. Die SPD habe zwar die Möglichkeit in die Satzung aufgenommen, wolle es aber für die BT-Wahl 2013 ebenfalls noch nicht anwenden.

3. These: Die LINKE kommuniziert auf Steinzeitniveau Sie lasse in der eigenen Kommunikation keine Interaktivität zu, sondern verharre im Dozieren der eigenen politischen Positionen und Programmpunkte. Interaktive Kommunikation setze allerdings voraus, dass nicht immer die “Parteilinie” und die “reine Lehre” beibehalten bliebe. Offenheit, Pluralität und die Toleranz gegenüber abweichenden Positionen ist hier Voraussetzung. Macht man dies nicht, dann schneidet man sich auch von der Jugend ab. In der Diskussion räumt Jörges noch mit der Vorstellung auf, er meine hier Kommunikation via Twitter oder Facebook. Nein, er meint die parteieigene Kommunikation. Twitter hält er für “Schafskacke” und Facebook für eine große Maschine, um an Daten von Menschen zu kommen, um sie kommerziell zu verwerten. Besser sei hier sogar eine Kampagne gegen FB und für ein offenes Internet.

4. These: Die LINKE sei bei keinem Thema mehr Meinungsführer Bei den zentralen Themen der LINKEN in den letzten Jahren sei es so, dass SPD und Grüne sie tw. übernommen habe und damit auch die Meinungsführerschaft streitig gemacht habe. Bestimmte andere Themen seien zwar verhältnismäßig exklusiv bei der LINKEN, aber es würde noch zu wenig draus gemacht. Beispiele: Die LINKE lehne ein Europa der Banken und des Kapitals zwar ab, besetze aber das Thema nicht positiv, bleibe also die Antwort auf die Frage schuldig, wie das Gesicht Europas nach ihren Vorstellungen denn aussehen soll. Die LINKE sei die einzige Partei, die bei der Bildungs- und Schulpolitik auf den Wahnsinn eines föderativen Systems mit 16 verschiedenen Schulsystemen hinweise. Aber sie mache es auch nicht zu einem Kernthema, obwohl es ganze Eltern- und Großelterngenerationen beschäftigt. Das Thema Altersarmut sei zwar immer mal wieder angesprochen worden, aber nicht nachhaltig zum Kernthema gemacht worden, obwohl es das zentrale soziale Problem der nächsten Zeit sein werde.

5. These: Die LINKE praktiziert keine Alternativen, wo sie es könnte, also an der Macht beteiligt ist Das gelte für den Volksentscheid zu den Wasserverträgen in Berlin, aber auch für Rekommunalisierungen im Energiesektor, aber auch bei den Zinshöhen von Dispositionskrediten bei Sparkassen. Damit verspiele die LINKE Glaubwürdigkeit. Zusammenfassende Klammer aus all dem: Beteiligung des Volkes in Form von – Demokratisierung von Entscheidungen, auch innerparteilich – Beteiligung am Produktivvermögen – Ausweitung von Mitbestimmung in Betrieb und Gesellschaft Um aus der momentanen Defensive heraus zu kommen, brauche die LINKE in sich selbst eine Kulturrevolution.

Soweit die Thesen von Jörges, die ich gar nicht näher kommentieren möchte, sondern in erster Linie mal wirken lassen möchte. Nur soviel: In einem kann ich ihm uneingeschränkt recht geben. Die LINKE steht vor einer großen Herausforderung. Und ein einfaches “weiter so” reicht nicht aus.

 

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59 Kommentare zu “Jörges’ Thesen”

  1. Ignaz sagt:

    Oh, c’mon guys…. Es wird doch wohl zu mehr reichen, als der zehntausendsten Wiederholung irgendwelcher Plattitüden, wer wen “an die Macht” geschrieben haben solle. Ich sehe den Thread hier aber auch gerade in einer Sackgasse bzw. sind etliche Thesen ausgetauscht worden Wäre gut, wenn jemand noch ein paar Überlegungen beisteuern könnte hinsichtlich der Frage nach der Anwednung der KdpÖ.

  2. Michael Wendl sagt:

    Es wäre ein wesentlicher Fortschritt, wenn auf Argumente inhaltlich eingegangen würde. Ich habe nach dem Zitat von Stephan Krüger angefügt, dass für den Fall, dass dessen Interpretation der Marxschen Werttheorie (und der entsprechenden Geldtheorie) nicht gefolgt wird, eine Verbindung von expansiver Geldpolitik der Zentralbanken mit einer auf Wachstum orientierten Fiskal- und Lohnpolitik (also das Gegenteil einer Austeritätspolitik) die Wirtschaftskrise einigermaßen stabilisiert werden kann. Das hat mit einen ökonomietheoretischen “Attentismus” nichts zu tun, ganz im Gegenteil wird davon ausgegangen, dass eine wirtschaftspolitische Gegensteuerung möglich ist (das dies nicht das Konzept der Bundesregierung, aber vermutlich auch nicht von Rot-Grün ist, muss wohl nicht erklärt werden). Es ist auch nicht das Konzept der Linken.

  3. Eckernförder sagt:

    @Sebastian Chwala

    Interessant. Ähnliche Vorwürfe wurden – auf einer Ebene allgemein marxistischer Theoriebildung – auch an Althusser gemacht. Er hat diesen Vorwurf mangelnder Praxis aber konterkariert (siehe die Neuaugabe von Ideologie und ideologische Staatsapparate / 2 Bände bei VSA). Ich finde, du benutzt hier eine Art Totschlagargument. Es ist mMn Wendls gutes Recht, bestimmte Theoreme der LINKEN ideologie-kritisch zu hinterfragen. Politische Praxis ohne eine entsprechend schlüssige Theorie kann es nicht geben. Wer nicht erklären kann, wie und wodurch genau eine Verstaatlichung von Banken oder die Übertragung von “Anteilscheinen” am Betriebsvermögen Schritte zum Sozialismus sind, wird nicht ernst genommen.

  4. Calvados sagt:

    @ Ignaz – „…ich halte deren [Streecks/Beckerts] Aussagen für wenig originell, zudem entbehren sie einer Kapitalismusanalyse“

    Einspruch, Euer Ehren! Was letzteres angeht, so könnte man einem Artikel über das Artensterben auch den Vorwurf machen, er reflektiere nicht die theoretische Debatte über die Evolutionslehre. Was ersteres angeht: nun, „wenig originell“… das mag ja in heuristischer Hinsicht so sein… aber was ist das für ein Artikel? Es ist kein wissenschaftlicher Artikel, und es ist auch keine wissenschaftliche Fachzeitschrift, sondern eher ein politisches Diskursblatt, in dem Sozialwissenschaftler schreiben. Die Bedeutung des Artikels liegt m.E. darin, daß hier zwei renommierte und diskursprägende Sozialwissenschaftler in ziemlich unmißverständlichen Worten das Ende der europäischen Demokratien als Folge des jetzt eingeschlagenen Anpassungspfades (sozusagen an die „Anforderungen aus der Strukturebene“) benennen. Hier noch mal die Schlußpassage:

    „So bleibt die Demokratie in Europa eng an den Nationalstaat und seine Souveränität gebunden, die im Begriff sind, in der sich unter dem Krisendruck weiterentwickelnden Fiskal- und Währungsunion und nach den Bedürfnissen der internationalen Finanzindustrie geformten politischen Union gemeinsam unterzugehen.“

    Man wird solche Aussagen irgendwann mal lesen und sich erstaunt fragen, wie die europäischen Gesellschaften sehenden Auges ihre demokratische Verfaßtheit und Souveränität preisgeben konnten, und warum der nachhaltigste Widerstand auf staatlicher Ebene gerade von solchen eher prädemokratischen Projekten wie dem des Viktor Orban ausging. Eigentlich ist das eine ganz und gar irrsinnige Situation. So vor 2 Jahren habe ich pathetische Vergleiche mit den 30-er Jahren noch belächelt, aber das Lächeln vergeht einem mittlerweile. Und ich wiederhole mich: Eine politische Linke, die sich durch theoretischen Dünkel von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis zur Erhaltung und Wiedergewinnung elementarer Rahmenbedingungen eines demokratisch-politischen Primats abhalten läßt, wird es m.E. eines Tages bitter bereuen.

    Was Literatur zur Entwicklung des Finanzsektors in den letzten Jahrzehnten angeht: Zum einen wird man sicher hier fündig:

    http://www.uni-koeln.de/kzfss/archiv03-05/ks05shab.htm#eigentuemer

    Hab das selber gerade bestellt, obwohl es sündhaft teuer ist (60 Euronen). Aber Windolf, Höpner, Deutschmann etc. als Autoren sollten es lohnen.

    Ansonsten findet man bei Norbert Häring („Markt und Macht“) sehr umfangreiche Literaturangaben, wenn auch v.a. auf die Entwicklung im angelsächsischen Raum bezogen.

    An der Stelle noch ein Fundstück, sozusagen ein Beleg dafür, wie von einem bekannten Protagonisten die „Anforderungen der Strukturebene“ vor 5 Jahren kommuniziert wurden.

    http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/081010_Asmussen.pdf

    „… tiefere Fertigung von Finanzdienstleistungen am Standort Deutschland…“ … also allein welche Sprache uns da schon aufgeherrscht wird… Was erlauben Strukturebene?

    (Antwort an MW kommt gleich noch, abgetrennt.)

  5. Calvados sagt:

    @ Michael Wendl

    In der Ablehnung des Austeritätsregimes und der Bevorzugung einer expansiven wachstumsorientierten Fiskalpolitik stimme ich Ihnen ja zu. Auch ist es schwer einzusehen, warum Notenbankgeld böse und inflationär sein soll, von den privaten Geschäftsbanken geschöpftes Kreditgeld aber nicht. Meine Skepsis gegenüber „objektiven“, essentialistischen Wertlehren will ich nicht verhehlen. Was die Frage angeht, ob die Forderungen aus Finanzvermögen „werthaltig“ und die Renditeerwartungen durch zukünftige Wertschöpfung gedeckt sind, so reicht es wohl, sich den Anstieg der Kreditvolumina im Vergleich zum BIP und den zu erwartenden Wachstumsraten anzuschauen, um ohne zu zögern eine verneinende Antwort zu geben. Abgesehen davon sind Einkünfte aus Kapitalvermögen weitaus ungleicher verteilt als sonstige Einkünfte, weshalb die staatliche Garantie von Kapitalrenditen, zumal gegen eine fundamentale Marktlogik, m.E. nicht auf einer sozialistischen Politikagenda stehen sollte.

    Ich verstehe freilich Ihre offenbar zugrunde liegende Intention, über expansive Geldpolitik eine Stabilisierung von Vermögenspreisen zu bewirken und somit einer Schuldendeflationsspirale entgegenzuwirken. Allerdings würde ich hier wirklich die Frage in den Raum stellen, ob es nicht besser wäre, den elementaren und langfristig eh unvermeidbaren Prozeß des Deleveraging, auch über massive Forderungsausfälle, zuzulassen und dies eben durch eine expansive Fiskalpolitik, finanziert zum Notenbankzins, zu kompensieren. Plus umverteilende Steuerpolitik. – Weiter oben stellen Sie die Frage, was dann mit kapitalgedeckten Renten, KLV und so wird. Sind die weg oder zahlt die der Staat? Ich denke, es wird ohnehin am Ende darauf hinauslaufen: Teils so, teils so… eine Verlustallokation wird so oder so stattfinden müssen. Die Frage ist nur, ob sie politisch gesteuert, sozialverträglich und mit einer egalisierenden Tendenz abläuft, oder aber das Gegenteil von alldem.

    Mein inhaltliches Argument ist ja die ganze Zeit folgendes: Vermeidung von Forderungsausfällen durch expansive Geldpolitik verstärkt langfristig Anreizverzerrung und „moral hazard“ im Finanzsektor und trägt damit zur Verfestigung einer Akteurskonstellation bei, die eben die von Ihnen favorisierte „spätere“ gesteuerte Redimensionierung von Ansprüchen aus Finanzvermögen vollkommen unrealistisch werden läßt. Man muß ja immer sehen, wer da was aushandeln wird, wer welche Verhandlungsmacht und Vetoposition haben wird. Ist ja nun alles nicht nur meine fixe Idee.

    Schularick und Taylor etwa verweisen in ihrer Langzeitstudie „Credit Booms gone Bust“ (eine Betrachtung von 1870 bis 2008) darauf, daß der nach 1945 einsetzende Trend zur Bekämpfung von Kreditkrisen durch expansive Geldpolitik auch zu einer „reversen Kausalität“ geführt habe: Die Erwartung der Risikoübernahme durch einen öffentlichen Kreditgeber der letzten Instanz habe zu einer immer stärkeren Erhöhung der „leverage ratio“ (also des Fremdkapitalhebels) und zu einer Vergrößerung des Finanzsektors geführt – und damit sukzessive jene Instabilität verstärkt, zu deren Bekämpfung dann wiederum die Geldpolitik genutzt wurde. Das was Sie „Anforderungen der Strukturebene“ nennen, würde ich in Anlehnung an D.C. North eher „institutionelles Lock-In“ nennen – eine Symbiose aus Spielregeln und auf sie konditionierten Akteuren, deren wohlstandszerstörende Effekte wohl seit geraumer Zeit die wohlstandserzeugenden Effekte überwiegen.

    Der Dissens zwischen uns scheint mir u.a. der zwischen einer funktionalen und einer institutionalistischen Betrachtungsweise zu sein, und natürlich wird man es so oder so sehen können in Abhängigkeit vom zugrunde gelegten Zeithorizont. Im Falle der Eurokrise scheint mir aber als wesentliches Moment noch hinzuzukommen, daß die in den kumulierten Renditeansprüchen enthaltene Fiktion derzeit nur noch um den Preis einer vollkommenen Zerstörung der europäischen Demokratien und eines säkularen zivilisatorischen Rückschritts aufrechterhalten werden könnte. Eigentlich war mir Pathos immer fremd, aber ich sehe es inzwischen wirklich so. Auch da kann ich auf den Text von Streeck/Beckert verweisen:

    „Europapolitisch ist die gegenwärtige Schuldenkrise zweifellos das, was man in der Sprache des historischen Institutionalismus eine ‚critical juncture’ nennt. Jeder Schritt, den die Akteure heute tun, wird Folgen haben für das Verhältnis […] zwischen europäischen Institutionen und weltweiten Finanzmärkten und, nicht zuletzt, zwischen staatlicher Souveränität und Demokratie, auf nationaler ebenso wie auf supranationaler Ebene.“

    Oder, in Ihrer Terminologie, jeder Schritt auf der Handlungsebene wird Folgen haben für das, was morgen von den Akteuren als Strukturebene wahrgenommen wird. Da es überhaupt keine Aussichten auf eine radikale und sozialstaatliche Demokratisierung einer politischen Union Europas gibt, wird ein an den Gläubigerinteressen orientiertes Krisenmanagement wohl zwangsläufig auf die von Streeck/Beckert skizzierte Transfer- und Austeritätsunion hinauslaufen. Ist es so abwegig, den einzig noch denkbaren Ausweg darin zu sehen, die Krise zum Aufbrechen des institutionellen Lock-Ins zu nutzen, also die Gläubiger zu entmachten und ihre Forderungen (teilweise) zu entwerten? Also von mir aus: unter zwei realistischen Alternativen die kurzfristig problematische zu bevorzugen, um die mittel- und langfristig katastrophale zu vermeiden?

  6. Ignaz sagt:

    @ Eckernförder

    Zielt das mit Althusser-Kritik auf das Buch von E.P. Thompson (“Elend der Theorie”) ab? Wobei diese Kritik auch von Bourdieu oft vorgetragen worden ist, immer mit dem Verweis auf die SElbstbezüglichkeit der Theorie. Thompson und Bourdieu haben bemängelt, dass Althusser strukturaler Marxismus gar kein Subjekt mehr kennen würde und daher gar nicht in der Lage wäre revolutionäre oder nur allgemein politische Änderungen zu erklären. Ich glaube, bei Thompson sollte das dann eher über den Weg einer “Gegengeschichtsschreibung” von unten, statt einer an Herrschern oder der politischen Klasse orientierten Forschung geschehen, bei Bourdieu eben über das Konzept des Habitus. Aber das hatten wir im Nachbarthread übers Charisma nur mal kurz andiskutiert.

    Insgesamt stimme ich aber auch zu: Lafontaines Linke sollte auch dazu dienen, Diskussionen herzustellen und Selbstvergewisserungen aufzulösen aber auch zu produzieren. Ansonsten wäre es ja “nur” ein – durchaus brauchbares, aber erkenntnisarmes – Nachrichtenportal. Aber Sebastian C. zielt m.E. noch auf eine Zwischenebene: nicht allein der naive Ruf nach weniger Theorie und mehr Praxis, der in einem virtuellen Forum ja tatsächlich absonderlich wäre (das ist hier ja nicht facebook oder twitter mit “like it”-Buttons und kurzfristigen Up-to-date-Ansagen zur nächsten Demo), sondern auf die Frage, wie das praktische Element mehr in die Reflexion der Tagespolitik eingebunden werden kann. Wie man also die Dichotomie von Privatgelehrten, Intellektuellen (Ingo Schulze ante portas!), Parteiangehörigen, Parteiführern usw. eher in einen permanenten Dialog versetzen kann. Das ist ja mehrfach hier im Forum schon als Mangel attestiert worden und gerade angesichts der Statik des Jahresauftaktes (ich beziehe mich auf die recht müden Vorträge der Parteispitze von vor zwei Wochen in Berlin) angesprochen, aber kaum vertieft worden. Bis hin zur Frage, welche organisatorischen, visuellen, kognitiven Möglichkeiten und Grenzen dann ein solches Forum bieten sollte und können müsste…

    @ Calvados

    Danke für deine Antwort. Zunächst nur zu Streeck/Beckert: damit meine ich ja keinen vollständigen Verriss und klar, dass der Artikel in APuZ einen anderen Adressatenkreis hat. Ich wollte nur darauf hinaus, dass wir in unserem Finanzpolitik-Thread vom März 2011 schon (u.a. unter Rekurs auf Streeck) an diesem Punkt waren und wir noch nicht wirklich weiter scheinen. Ich kritisiere das nicht, sondern stelle erst mal nur fest, dass die beständigen Änderungen im Krisenmanagement wahrscheinlich auch die Theoriebildung in hohem Maße beanspruchen. Wobei unter Bezug auf Stephan Krüger et al. dies gar nicht so schwierig wäre, weil sich dies – die Krisenphäomene – selbst aus der Wertform ableiten ließe.

    Und danke für den Tipp mit Windolf. Ja, der Preis ist ein echter Schlag ins Gesicht (“Kauf mich nicht, bleib dumm!”) und zeigt an, dass das i.d.R. was für Unibibliotheken ist. Wahrscheinlich hätten sich Windolf et al. auch 2005 wenig träumen lassen, dass die Frage nach dem Regulationsmodell heute so viele fächerübergreifendes Interesse aufwirft. Ein (ggf. gekürzte) Taschenbuchneuausgabe im Angesichte der Krise heute wäre sicher nicht verkehrt. Ich bin noch fündig geworden bei Elmar Altvater: Der große Krach (Münster, 2011), wo ein Abschnitt der Rekapitualtion der Finanzmarktderregulierung zugeeignet ist, ansonsten natürlich “Politische Ökonomie der Finanzmärkte” und vielleicht auch für dich interessant: Susanne Lütz mit diversen Beiträgen zum Abrufen hier: http://goo.gl/60yn2
    Und die Schrift “Der Staat und die Globalisierung von Finanzmärkten” (2003) als Komplett-PDF: http://goo.gl/QIcdz
    Beim MPIfG finden sich etliche älterer Publikationen zum Download als PDF: http://goo.gl/ETVZN

    Die Beschaffung von Windolf (Hrsg.) muss erstmal warten, habe mir neben Krüger “Politischer Ökonomie” (immerhin 40 Öre) dieses institutionalistische Werk über die Handlungsmöglichkeiten kapitalmarktorientierter Unternehmen bestellt: http://goo.gl/xWvm5
    Daneben werde ich das Buch von David Graeber – “Debt” über die kulturgeschichtliche Bedeutung von Verschuldung und Schuldentilgung ansehen: http://goo.gl/0yRGZ (Rezension FAZ) und hier http://goo.gl/qIvhD (Blick ins Buch).

    Aber Google hilft zumindest bei Windolf jenen aus, die das Geld nicht mal eben für Lektüre auf den Kopf kloppen können. Zumindest der erste Teil des Buches wurde gescannt: http://goo.gl/a1g3T

    Auf Michael Wendl werden ich später eingehen.

    Off-topic: Wer auch davon genervt ist, lange URLs immer umständlich über einen Shortening-Dienst wie tinyurl.com abkürzen und kopieren zu müssen kann (als Nutzer von Google Chrome) das Plugin goo.gl URL Shortener installieren, sodass neben der Taskleiste im Browser nur ein Klick genügt, den je angesteuerten Link abzukürzen. Hier gehts zum Plugin: http://goo.gl/WFwhv
    und hier zu Chrome (m.E. der schnellste Browser derzeit): http://goo.gl/DmOhW

  7. Ignaz sagt:

    Nachtrag: An der Uni Trier scheint sich ein Zweig der kapitalismuskritischen Wirtschaftssoziologie zu etablieren. Neben Windolf, lehrt doch auch Ulrich Brinkmann (Ex-Jena um Klaus Dörre; http://goo.gl/Sg31d) und Oliver Nachtwey, der u.a. zur politischen Soziologie arbeitet (dessen Buch “Marktsozialdemokratie” hatte ich hier schon mal erwähnt). Windolf bietet etliche Artikel der 90er und 2000er zum Download an: http://goo.gl/E7Qbd

  8. sfr sagt:

    @ Ignaz: Kritik an Althusser von einem seiner früheren Schüler:

    http://www.amazon.de/Althussers-Lesson-Jacques-Ranciere/dp/144110805X

  9. Calvados sagt:

    @ Ignaz

    Paul Windolf ist in der Tat ein bemerkenswerter Autor, wie ich finde. Ich hatte hier auch schon mal zu seinem Artikel von 2008 über “die neue Dienstklasse des Finanzmarkt-Kapitalismus” verlinkt…

    http://www.uni-trier.de/fileadmin/fb4/prof/SOZ/APO/EigentuemerRisikoZfS.pdf

    … der m.E. ein gutes Beispiel dafür darstellt, daß eine substantielle Kritik des Finanzmarkt-Kapitalismus möglich ist, ohne in verschwörungstheoretische Regionen abzudriften oder sich dem oft allzu leichtfertig ausgesprochenen Verdikt eines “regressiven Antikapitalismus” aussetzen zu müssen.

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