Lesetipp: Sozialismus
Wer sich nach den Diskussionen um Mitgliederentscheid und Bartsch-Kandidatur auch wieder anderen Fragen zuwenden will, dem sei die neue Ausgabe des Sozialismus empfohlen. Drei Texte befassen sich mit der Linken und ihrer Politik – (einer davon leider nicht online) drei wichtige Beiträge zu den Debatten um inhaltliche Konzepte, gesellschaftliche Strategien und politische Ökonomie.
Horst Kahrs analysiert rückblickend das Wahljahr 2011 und wirft die Frage auf: „Die schiefe Bahn vor Augen?“ Die Linke habe sich im Zyklus nach den Wahlen 2009 „behauptet. Sie hat gewonnen, verloren und stagniert. Auf jeden Fall teilt sie nicht das Schicksal der anderen Gewinnerpartei von 2009, der FDP.“ Kahrs skizziert am Beispiel von Wählerbewegungen den elektoralen Ort der Linkspartei, ihre Chancen und Potenziale in bestimmten Klassenmilieus und das Verhältnis von bundespolitischer und landespolitischer Erwartung. „Von einem Teil ihrer Wählerschaft, man kann es auf ein Drittel der Bundestagsstimmen schätzen, wird sie nur als bundespolitische Kraft wahrgenommen.“ Es ist jener Teil der Wählerschaft, für den die Linke ihre politischen Projekte „auch und vor allem“ entwickelt hat, die besonders stark von der „sich ausbreitenden Erfahrung der sozialen Ausgrenzung und politischen Abkoppelung“ betroffen ist. Hier Mobilisierungserfolge zu erzielen, so Kahrs, dürfte für den Ausbau des eigenen Wählermilieus maßgeblich sein.
Unter der Überschrift „Sozialpolitisches Irrlicht“ unterzieht Johannes Steffen, der seit Jahren bei der Arbeitnehmerkammer Bremen die Debatte begleitet, die rentenpolitischen Beschlüsse der Linken einer Kritik. Es geht im Kern um die „solidarische Mindestrente“ von 900 Euro netto, die Anhebung des allgemeinen Sicherungsniveaus, einen Mindestlohn von zehn Euro, den Ausbau des Solidarausgleichs sowie die Stärkung der Alterssicherung von Frauen. Steffen zielt vor allem auf die Höhe des Rentenniveaus sowie der Mindestsicherung, da „die Relation zwischen beiden Größen“ von „zentraler Bedeutung für die gesellschaftliche Akzeptanz und die politische Überlebensfähigkeit des auf einkommensproportionalen Pflichtbeiträgen basierenden Versicherungssystems“ sei. Steffen kommt nach ausführlichen Berechnungen zu einem für die Linke niederschmetternden Ergebnis: „Mit ihren rentenpolitischen Eckpunkten“ verfüge die Partei „nicht mehr über ein linkes, aufklärerisch angelegtes Gegenmodell zum Abbau der ehemals auf Lebensstandardsicherung zielenden und um Ergebnis armutsfesten gesetzlichen Rentenversicherung.“
In einem dritten Text setzt Michael Wendl die Diskussion über Sahra Wagenkenchts Anleihen beim deutschen Ordoliberalismus – also über ihr Buch Freiheit statt Kapitalismus fort. Wendl, der unlängst die Linkspartei enttäuscht verlassen hat, verweist resümierend auf „das Problem, dass weder die Partei Die Linke noch die politische Linke (einschließlich SPD, Grünen und Gewerkschaften) insgesamt über eine konsistente ökonomische Theorie verfügen – weder über eine im Rahmen des keynesianischen oder monetär-keynesianischen Paradigmas, noch über eine marxistische, die auf der Höhe der Zeit ist. Dieses Defizit“, so Wendl, sei nur wenigen bewusst, „weil politische Ökonomie permanent mit einer politischen Moral- und Tugendlehre verwechselt wird.“ (tos)
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Horst Kahrs Beitrag ist unter http://www.horstkahrs.de abrufbar.
@Sören
Danke
Den Wendl-Artikel gibt es hier:
http://www.linksnet.de/de/artikel/27106
Horst Kahrs ist ja im Parteiapparat als Leiter der Grundsatzabteilung nicht zuletzt zuständig für Fragen der Strategie, insofern hat das, was er in Sozialismus 12/2011 ausführt, schon einige Bedeutung und ist daher einer genaueren Betrachtung wert:
Leider kann man ihm in den wichtigsten Punkten seiner Darlegungen nicht folgen. Im Gegenteil die Partei wäre gut beraten, wenn sie gerade bei diesen Fragen zu anderen Schlussfolgerungen kommen würde.
Das betrifft vor allem drei Kernfragen:
1. Den Stand er Akzeptanz der Linkspartei.
2. Die grundsätzliche Selbstdefinition der Partei – auch im Verhältnis zur SPD
3. Die Reichweite der politischen Vorschläge der Linkspartei.
Zu 1.
Der Genosse Kahrs sieht den Stand der Akzeptanz der Linkspartei zu positiv, wenn er schreibt “Sie hat gewonnen, verloren und stagniert.” Er konstatiert im ganzen “Anzeichen der Stabilität”:
Seit Beginn des Jahres 2011 ist aber die Unterstützung der Linkspartei als Ganze deutlich zurück gegangen, sie hat sich im Vergleich zum Ergebnis der Bundestagswahl 2009 fast halbiert. Betrachtet man nur die Umfrageergebnisse im Westen der Republik, so muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Partei dort sogar noch mehr als die Hälfte an Unterstützern verloren hat. Würde die Partei darüber hinaus nur im Westen antreten käme sie nicht mal mehr in den Bundestag.
Das ist insgesamt ein dramatischer Einflussverlust, der natürlich Fragen nach den Gründen aufwerfen müsste.
Zu 2.
Horst Kahrs empfiehlt der Partei, von einer “scharfen Abgrenzung gegen die SPD” Abstand zu nehmen und empfiehlt ihr stattdessen eine stärkere “eigenständige Profilierung neben der SPD”: Sie solle sich als “entschiedenere Sozialstaatspartei” darstellen. Diese Empfehlung läuft aber darauf hinaus, dass die Linkspartei die “bessere SPD” werden soll.
Mit diesem Selbstverständnis der Linkspartei wäre sie aber allein auf Reformen innerhalb des Kapitalismus beschränkt.
Macht die SPD eine Linksdrift und nimmt sich wieder ihrer kernsozialdemokratischen Aufgaben an, wäre die Linksapartei schon überflüssig, da ihr keine weiteren Aufgaben mehr zustehen würden. Systemüberwindung ist in diesem Konzept nun mal nicht vorgesehen.
Zu 3.:
Das korrespondiert auch mit der Stutzung der Reichweite der politischen Vorschläge, die Horst Kahrs der Linkspartei empfiehlt. Man muss tatsächlich zweimal lesen um zu verdauen was er schreibt:
“Die LINKE wird von ihren Wählern nicht gebraucht, um die Banken- und Finanzwelt zu regulieren, sondern um ihr soziales und gemeinsames Eigentum in der Krise zu bewahren: Arbeit, Einkommen, Verkehr, Schulen, Sozialstaat, Gesundheit.”
Mal davon abgesehen, dass zur Bewahrung des sozialen Eigentums der Bevölkerung gerade die Regulierung der Banken und Finanzwelt zwingend notwendig ist und alles ohne dies nur Stückwerk wäre, findet sich auch hier wieder ein Zurückschneiden der Politik der Linkspartei auf reine tagespolitische Intervention.
Schaut man jedoch ins gerade verabschiedete Programm
der Linkspartei, dann will sie entschieden mehr.
Wer`s noch nicht weiß, dem sei es hier verraten: Das Ziel der LINKEN ist der Demokratische Sozialismus.
Die Partei wäre verrückt, wenn sie angesichts der tiefen Doppelkrise des Kapitalismus – der Akkumulations- und Umweltkrise – den Empfehlungen ihres Chefstrategen Horst Kahrs folgen würde und sich auf sozialdemokratische Herumbastelei im Kapitalismus beschränken würde.
Natürlich müsste auch eine Linkspartei, die eine politische Strategie entwickeln wollte, die sich auf der Höhe ihres Programms befindet an den Alltagssorgen und Reformwünschen ihrer sozialen Basis ansetzen – das ist unstrittig.
Will sie aber mehr als nur Reformen im Kapitalismus, dann muss sie dies mit weitergehenden Interventionen verbinden.
Wer wissen möchte, wie eine solche Strategie heute in etwa aussehen könnte, der möge sich zwei Aufsätze vom Autor dieser Zeilen ebenfalls in der Zeitschrift Sozialismus
anschauen:
Reformalternative heute – ein neuer New Deal ?” in Heft 1/2011
und
“Bausteine für eine Offensive der LINKEN” in Heft 11/2011
danke an die link-wisser.
Die Kritik Wendls zum Erkenntnisstand verstehe ich voll und ganz.
Wendl, spielt sich auf wie der Schlaumeier der Republick, da kommt mir die Kotze. Er ist nur neidisch das ihn keiner beachtet, dann kratzt er schnell die Kurve.
@Peter
… ihm kommt also die Kotze. Das ist ja höchst interessant. Hat unser Peter denn den Text von Wendl überhaupt gelesen? Geschweige denn zu verstehen versucht? Da kommen mir Zweifel.
Ich bin jedenfalls gespannt auf Sachargumente, die Wendl widerlegen. Sein Aufsatz erscheint mir als äußerst lesens- und bedenkenswert – auch wenn oder gerade weil unser wohl nicht allzu schlauer Peter Probleme mit der Magensäure bekommt.
Richtig ist, dass derzeit niemand über eine “konsistente ökonomische Theorie”, die vor der Wirklichkeit Bestand hat, verfügt. Mit Ausnahme einiger Andeutungen beschäftigt sich Wendl auch weniger mit einer solchen Theorie, sondern mehr mit deren Geschichte. Daraus leitet er eine Analogie zwischen Ordoliberalismus und staatsmonopolistischem Kapitalismus, die er beide als “ideologisch” bewertet, ab. Das Ganze wird dann noch mit ein paar Marx-Zitaten garniert, und schon sind viele beeindruckt. Die empirisch nachvollziehbaren Schwachstellen werden dabei leicht übersehen.
“To big to fail” – dieser Spruch ist ebensowenig aus der Luft gegriffen wie das Wörtchen “systemrelevant”. Es kennzeichnet schlicht die Situation, dass es Banken und Unternehmen gibt, deren Konkurs zumindest temporär ein größeres volkswirtschaftliches Problem hervorrufen würde, dass Regierungen aus reinem Selbsterhaltungstrieb zu vermeiden suchen. Das hat mit Verschwörungstheorien nichts zu tun.
Hilferding und später Lenin, als dessen Propagandist, führen jede Menge empirisches Material an um nachvollziehbar einen Qualitätssprung in der kapitalistischen Entwicklung zu behaupten. Von den damaligen 6 deutschen Großbanken sind heute nur noch zwei übrig. In den Industriesparten Energie, Stahl, Automobile, Flugzeuge, Schiffe, Chemie und Elektrotechnik ist die Konzentration in den 100 Jahren seit Hilferding derartig fortgeschritten, dass einem das damalige empirische Material geradezu lächerlich erscheint.
Für Wendl spielt das alles keine Rolle. Von den daraus empirisch nachgewiesenen (ISW München) Profithierarchien, der Umverteilung des in den kleinen und mittleren Unternehmen (zumeist Dienstleister und Zulieferer) zu den Großen, von der spätestens mit Basel IV daraus resultierenden Schwierigkeit, Kredite zu bekommen, kann er nichts gehört haben, sonst würde er nicht fernab jeglicher Realität die Macht der Banken über das industrielle Kapital bestreiten.
Hier hilft ihm auch das Marx-Zitat »Das zinstragende Kapital bewährt sich nur als solches, soweit das verliehene Geld wirklich in Kapital verwandelt und ein Überschuss produziert wird, wovon der Zins ein Teil.« nicht weiter. Es macht vielmehr das Problem deutlich. Der real zu erzielende gesellschaftliche Durchschnittszins kann nicht über dem real gesellschaftlich erzielten Durchschnittsüberschuss liegen, weil er eben nur ein Teil davon ist. Dies kollidiert allerdings mit den deutlich höheren Zinsforderungen. wer das nicht sieht ist m.e. blind.
Lesetipp: Junge Welt
@ Rolf Köhne: Ich kenne eine Organisation, die über eine solche ökonomische Theorie verfügt, wodurch sogar weitergehende Aussagen zum Sozialismus gemacht werden können: http://www.gesellschaftlicher-fortschritt.de
@DialelecticProgress: Wie schön. Dann gib uns doch ein paar Kostproben.
Die Kostproben kannst du auf der genannten Seite finden. Oder hast du konkrete Fragen?
@Rolf Köhne,
ich glaube, dass man weder Hilferding noch Lenin so verstehen sollte, dass sie Marx’ zentrale Einsicht, Profit, Zins und Rente als je unterschiedliche Erscheinungsformen des Mehrwerts zu betrachten, in irgendeiner Weise bestreiten oder relativieren. Sie betrachten nur verstärkt das Verhältnis zwischen den einzelnen Kapitalformen zueinander. Das sehen Sie ebenso, als bei Ihnen erhebe ich keinen Einwand. Ich habe aber auch bei Wendl nichts gefunden, was darauf hinweisen würde. Er unternimmt halt nur den Versuch, die Positionen von Wagenknecht und dann etwas generalisiert der Linkspartei vor dem Hintergrund des Marxismus zu bewerten. Es kann sein, dass er dabei auch Falsches macht, aber das müsste Gegenstand der Diskussion sein.
Nicht, wie es bei Ihnen anklingt, Positionen bestreiten, die er wohl teilt.
Bisher wurden hier keine stichhaltigen Argumente vorgetragen, die Wendls Ausführungen widerlegen. Na mal sehen – vielleicht kommt ja noch was? Die Fettnäpchen stehen bereit.
Auch noch was zu dem Wendl-Artikel. Erst mal muß man sagen, daß das ein sehr substantieller Beitrag ist, und es wäre sicher gut, wenn strategische Klärungsprozesse innerhalb der politischen Linken sich insgesamt auf diesem Niveau vollziehen würden.
Ein paar Anmerkungen. Zum ersten, was den Bezug auf Wagenknechts Anknüpfung an den Ordoliberalismus angeht: Da hat MW so eine Perspektive, wie sie für Leute mit einem umfassenden makroökonomischem Theoriehintergrund in gewisser Weise typisch ist, wenn sie politisch urteilen. Ich würde dem entgegenhalten: Wissenschaft (und Wissenschaftsgeschichte) kann in der Politik nicht so kommuniziert werden… wie in der Wissenschaft selbst.
Politisches Handeln ist m.E.in einem Maße Restriktionen durch pressure groups und der Logik eines Mehrebenenspiels unterworfen, daß Politik aus einem Guß nach Maßgabe einer konsistenten Wirtschaftstheorie ohnehin illusorisch ist. Institutioneller Umbau ist mehr eine Frage von Akteurskonstellationen und Gruppeninteressen, die vielfach nicht so eindeutig bestimmbar sind und sich ad-hoc so oder so konfigurieren können (siehe auch Link weiter unten). Insofern kann der Rückgriff auf Theoriegeschichte in der politischen Debatte meist auch eher als Hebung symbolischer, moralischer Ressourcen verstanden werden, nicht aber als langfristig gültiger Kompaß für Regierungshandeln.
Mit dem Postkeynesianismus kenne ich mich nicht so recht aus. Ich vermute aber, daß Michael Wendl recht hat mit seinem Argument, daß eine substantielle Kritik an einer durch neoklassische Theorieversatzstücke legitimierten Politik nicht zu haben ist ohne Rezeption der ganzen postkeynesianischen Ansätze seit den 60-er Jahren – und daß der Rückgriff auf den Ordoliberalismus seltsam archaisch und theoretisch unbefriedigend anmuten muß. Aber das ist eine Sicht, die einer wissenschaftlichen, keiner politischen Logik folgt. – Eine substantielle, moderne AKADEMISCHE Kritik ist vermutlich so nicht zu haben, wie es Wagenknecht versucht.
Faktisch ist aber allein schon die ganze Cambridge-Cambridge-Debatte eine Angelegenheit, die letzten Endes nur von einigen Fachökonomen an Universitäten verstanden wird. Auf deren Grundlage wird man schwerlich ein wirtschaftspolitisches Sachbuch schreiben können, das auch von Nicht-Ökonomen in nennenswertem Maße rezipiert werden könnte und so in die breitere politische Debatte eingehen würde.
An dem deutschen Ordoliberalismus der Nachkriegszeit hängt demgegenüber so ein Wirtschaftswunder-Mythos, wie MW ja selbst schreibt. Also im Gegensatz zu den Debatten, die MW referiert, hat der Ordoliberalismus so einen festen Platz im normativen Koordinatensystem des deutschen Bildungsbürgertums. Das ist sicher so unter der Logik einer “Invention of Tradition” zu verstehen, aber es ist dennoch eben eine moralische Ressource, die sich in den aktuellen politischen Auseinandersetzungen mobilisieren läßt – zugunsten von demokratischen UND sozial ausgleichenden institutionellen Reformen, die in einem überschaubaren Zeitraum innerhalb von bestehenden Akteurskonstellationen zu realisieren sind.
SW ist hier sicher weniger Wirtschaftstheoretikerin mit einem akademischen Anspruch, sondern Realpolitikerin, die im Sinne einer kulturellen Hegemonie den öffentlichen Diskurs prägen will.
Die im letzten Jahrzehnt vorherrschende Politik läßt sich wohl als eine Art Bastard-Keynesianismus beschreiben, der eine durch expansive Geldpolitik bedingte Kreditausweitung mit gleichzeitiger institutioneller Begünstigung zunehmender Einkommens- und Vermögenskonzentration verband. Selbst wenn die Protagonisten wie Alan Greenspan dem Bekenntnis nach eigentlich Monetaristen waren… Das europäische Establishment (incl. SPD) scheint in diesem Sinne ja immer noch weitgehend bastardkeynesianisch zu ticken, auch wenn die aktuelle Bundesregierung da querschießt und so ein irrsinniges prozyklisches Brüning-Revival in Südeuropa veranstalten möchte. Aber man muß sich in dieser Sache ja nicht der einen Seite in die Arme werfen, weil man die Haltung der anderen Seite genausowenig mag…
Innerhalb der Linken sollte ja zumindest Einigkeit bestehen, was die Zentralität der Umverteilungsfrage betrifft, und da sehe ich in bezug auf denkbare konkrete Politikmaßnahmen (deren Durchsetzung mehr oder weniger schrittweise und konflikthaft erfolgen wird) erst einmal keinen unüberbrückbaren Widerspruch zwischen Forderungen, wie sie sich aus einem Umverteilungs-Keynesianismus ergeben würden – und einem auf links gebürsteten Ordoliberalismus.
Das gleiche sollte für transparente Re-Regulierung (statt Ad-hoc-Interventionismus) gelten.
Zudem ist SWs Position ja nun zunächst einmal SWs Position, nicht aber ein Programm, auf dessen theoretische Grundannahmen sich die PDL oder darüber hinaus die politische Linke verpflichten würde.
Noch zu einer anderen Sache. Im zweiten Teil seines Artikels beklagt MW auch die verschwörungstheoretischen Implikationen, wie sie sich angeblich aus einer Abkehr von der Makroökonomik und einer Hinwendung zu soziologischen Machttheorien ergeben. Ich finde, hier macht er es sich entschieden zu einfach. Zwar verstehe ich sehr gut den dahinterstehenden Impuls; wenn man sich eine Weile mit den kruden Verschwörungstheorien auseinandersetzen muß, wie sie auch in der Linken (und hier im Blog) kultiviert werden, dann kommt einem wohl irgendwann die Galle hoch. Aber MW schüttet hier m.E. das Kind mit dem Bade aus, wenn er, wie ich ihn jedenfalls verstehe, jeden Verweis auf Akteursmacht grundsätzlich als eine Mystifizierung abtun will.
Seiner kritischen Sicht auf das Hilferding-Revival würde ich allerdings zustimmen. Hilferding und in der Folge Lenin bezogen sich ja auf einen spezifisch kontinentaleuropäischen und v.a. deutschen Entwicklungspfad, der innerhalb der “Varieties of Capitalism” vorübergehend in einen bankenzentriert-korporatistischen Kapitalismus (Stichwort Deutschland AG) einmündete. Nun ist im letzten Vierteljahrhundert die Deutschland AG weitgehend abgewickelt worden und auch hierzulande hat sich eine mehr kapitalmarktzentrierte Wirtschaftsordnung durchgesetzt. Jetzt mit dem Hilferdingschen Finanzkapital-Begriff zu kommen, hieße m.E. eine alte Kategorie gerade zu dem Zeitpunkt wiederbeleben zu wollen, wo ihr der zugrunde liegende Untersuchungsgegenstand abhanden gekommen ist.
Nichtsdestotrotz gibt es in der neueren institutionalistischen Literatur ja viele Ansätze zur Thematisierung von wirtschaftlicher Akteursmacht (auch: im Finanzsektor) und deren Verflechtung bzw. Wechselwirkung mit der politischen Sphäre. Auf Paul Windolf (“Dienstklasse des Finanzmarktkapitalismus”) hatte ich bereits mal verwiesen, auch auf Norbert Härings sehr instruktives Buch “Markt und Macht”, in dem dieser eine Fülle empirischer Studien referiert. Ein anderer interessanter Autor ist Martin Höpner, der sich u.a. mit
Fragen von Unternehmenskontrolle und politischen Interessen großer Stakeholder-Gruppen in Kapitalgesellschaften befaßt. Ein in den hier verhandelten Zusammenhängen sehr lesenswerter Text zum “parteipolitischen Paradox des Finanzmarktkapitalismus” findet sich hier:
http://www.mpifg.de/pu/mpifg_ja/PVS_3-06_Cioffi-Hoepner.pdf
Also die politische Linke muß m.E. nicht auf archaische Theoriekorsette oder gar verschwörungstheoretische Regressionen zurückgreifen, wenn sie Fragen von Akteursmacht in Wirtschaft und Politik thematisieren will. Im Gegenteil: Ein Verzicht auf die Analyse und Thematisierung von Akteursmacht scheint mir politisch zu einer gewissen Zahn- und Orientierungslosigkeit der Linken zu führen. Und angesichts der Untersuchungsgegenstände des neueren akteursorientierten Institutionalismus erschiene mir solch ein Verzicht auch seltsam unzeitgemäß…
Entschuldigt die Länge – aber ich fand, daß der Artikel von Wendl es wert ist, sich darüber einige ausführlichere Gedanken zu machen. Trotz der von MW gelegentlich gepflegten Superoberchecker-Attitüde hat er im Gegensatz zu vielen anderen doch nie sinnfreie Polemiken ohne Sachargument geliefert. Sein Weggang ist für die PDL zweifellos ein Verlust.
Aber wenn schon von Kritik an den Politikentwürfen der PDL die Rede ist… Das steuerpolitische Konzept der PDL sollte wohl mal dringend revidiert werden! Es ist überhaupt nicht zu begreifen, daß bei der Einkommensteuerreform noch das achte Einkommensdezil (!) entlastet werden soll und stattdessen die Finanzierung der linken Projekte ganz überwiegend an der Substanzsteuer hängt, deren prognostiziertes Aufkommen mit 80 Mrd. € in einer Höhe liegt, die von wirtschaftspolitischen Insidern der PDL selbst als vollkommen unrealistisch bezeichnet wird (schon aus verfassungsrechtlichen Gründen).
@Calvados
Die fiskalpolitischen Vorschläge der LINKEN gehören tatsächlich neuentwickelt.
Aber es gibt hierzu keine ausreichende “Nachfrage” in der MItgliedschaft. Lust da was zu machen?
Den Anspruch, eine konsistente ökonomische Theorie in einem Zeitschriftenaufsatz zu entwickeln, habe ich nicht, zumal ich die Einlösung eines solchen Anspruchs für einen kollektiven Prozess halte. Meine Rolle ist da ziemlich bescheiden: ich versuche, einige fachökonomische Debatten für ein politisch interessiertes Publikum zu übersetzen. Was die Hilferding-Kritik betrifft: hier geht es mir nur darum, darauf aufmerksam zu machen, dass Hilferdings Konstruktion des Finanzkapitals mit der Marxschen Theorie des Kredits als fiktiven Kapitals nicht übereinstimmt. Ich bestreite damit überhaupt nicht den Einfluss von Banken auf das industrielle Kapital, sondern es geht darum, zu zeigen, dass das Geldkapital von den Erfolgen des industriellen oder reproduktiven Kapitals nach wie vor abhängig ist und die sog. Verselbständigung der Finanzkapitalakkumulation relativ ist und nur für eine bestimmte Zeit funktionieren kann. Eine Hierarchie der Profitraten zugunsten der großen Unternehmen ist nach meiner Kenntnis empirisch nicht nachweisbar, auch das ISW München hat eine solche Untersuchung nicht vorgelegt. Das ISW versucht die Weltwirtschaft gerade aus dem Paradigma von Hilferdings Finanzkapital zu interpretieren, also einem theoretischen Modell, das ich für falsch halte. Hier werden gesamtwirtschaftliche Zahlen über die Lohn- und Gewinnentwicklung dann mit einzelwirtschaftlichen Zahlen konfrontiert, die gesamtwirtschaftliche Größen quasi illustrieren, aber kein Ersatz für eine systematische Analyse sind. Der Hinweis auf das ISW ist leider ein Bluff, als Fördermitglied dieses Instituts lese ich ihre Publikationen seit der Gründung dieses Instituts. Das ISW praktiziert einen kritischen Wirtschaftsjournalismus, aber leider nicht mehr (was auch bei den Arbeitsbedingungen der Institutsmitarbeiter nicht verlangt werden kann). Mir geht es zunächst darum, zu verdeutlichen, dass mit dem Rückgriff auf Versatzstücke aus Hilferdings Finanzkapital oder gar Lenins Imperialismusschrift nur ideologische Sackgassen betreten werden, aus denen kein Weg mehr herausführt. Die neoklassischen Ökonomen tun sich heute schwer zuzugeben, dass sie die letzten 35 Jahre theoretischen Schrott gelehrt und gelernt haben und die Post-68-er tun sich ebenso schwer, sich auch inhaltlich von ihrem ML-Schrott der letzten 45 Jahre zu verabschieden. Dass in der LINKEN Kritik in der Regel nicht inhaltlich und argumentativ ausgewiesen , sondern “ad personam” formuliert wird, demonstriert gerade die Substanzlosigkeit der Kontroversen.
Zum Artikel von Michael Wendl: “Linke Wirtschaftspolitik als Tugendlehre”:
Ich verstehe durchaus die Kritik an den Ordoliberalen der Freiburger Schule, dennoch finde ich es wichtig Menschen darüber aufzuklären, was für Ideen hinter der echten sozialen Marktwirtschaft stehen. Warum er Rüstow so positiv hervorhebt, hingegen Müller-Armack so wegschiebt verstehe ich nicht. Ist es doch gerade Müller-Armack, der einem Keynesianer in einigen Punkten doch nahe steht.
Ich finde es wichtig die Ordoliberalen der Freiburger Schule den Menschen näher zu bringen. Es ist kein Schaden für DIE LINKE dies zu tun. Die soziale Marktwirtschaft ist als Nachkriegswunder bei den Menschen positiv verankert und dies wird aktuell von vielen Parteien reichlich mißbraucht, obwohl diese sich nicht auf die Ordoliberalen der Freiburger Schule bei ihrer Politik berufen können.
Ich denke mit wörtlichen Zitierungen, die man immer wieder einfließen läßt, kann man viele Menschen durchaus zu einer kritische Nachdenklichkeit anregen. Oskar Lafontaine macht das bemerkenswert gut.