Fragwürdige Liste

Die Auseinandersetzung um antisemitische Tendenzen in der Linken hatte sich beruhigt, nun folgt ein später Nachhall: Das Simon Wiesenthal Center setzte den Duisburger Linksfraktionschef Hermann Dierkes auf eine Top-Ten-Liste der Antisemiten des Jahres. Dierkes war wegen eines Boykottaufrufs gegen Israel und wegen fragwürdiger Äußerungen über das Existenzrecht Israels mehrfach in die Kritik geraten, auch innerhalb der Linken. Er hat sich dabei immer gegen den Vorwurf des Antisemitismus verwahrt und sein Recht auf Kritik an Israels Politik, namentlich seines Palästina-Kurses, verteidigt.

Auf die Wiesenthal-Liste, wo er etwa neben Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas, Filmregisseur Lars von Trier und einem libanesischen Bischof rangiert, geriet er wegen eines offen antisemitischen Flugblatts, das auf der Website der Duisburger Linksjugend platziert worden war – von wem auch immer, aber offenbar nicht von Dierkes. Das hindert die Autoren der Liste nicht an der Behauptung, Dierkes selbst habe das Machwerk gepostet. Angesichts neonazistischer Gewalttaten, Holocaustleugnungen und Hasskampagnen – in Deutschland und anderswo – ist eine solche Liste eine Farce. Sie dient nicht dem notwendigen Kampf gegen Antisemitismus, sie führt ihn auf Nebengleise. (wh)

zuerst erschienen im Neuen Deutschland vom 16. Dezember

Der Kommentar von wh ist in potemkin-zeitschrift.de auf heftige Kritik gestoßen: “Ganz offen stellt man sich hier vor einen Dierkes, der schon seit Jahren ohne Konsequenzen innerhalb der Linken seinen antisemitischen Wahn ausleben kann und damit offensichtlich auf Zustimmung bis in höchste Kreise der Partei bauen kann.”

Dierkes hat sich inzwischen auch zur Aufnahme in die Liste geäußert – die Rheinische Post zitiert ihn mit der Bemerkung, das Wiesenthal-Center sei eine “Propagandaagentur der rechtesten und schäbigsten Regierung, die Israel je hatte”.

Die Thüringer Landtagsabgeordnete Katharina König hat den Fall Dierkes kommentiert: “Nun mag man die Liste und die Auswahl der Personen kritisieren. Ebenso mag man den vom Simon-Wiesenthal-Center ausschlaggebenden Grund, Hermann Dierkes auf die Liste zu setzen, hinterfragen. (…) Es sind Nebenschauplätze. Es ändert nichts an der Notwendigkeit dieser Liste. (…) Dem jedoch immer noch verbreiteten Irrglauben, „Linkssein“ verleihe Immunität gegen antisemitische Einstellungen gilt es auch unsererseits entgegenzutreten: mit einer wahrnehmbaren Debatte und Auseinandersetzung sowie Klarheit in der Argumentation und im Handeln. (…) Setzen wir dem Pluralismus die Grenzen, welche der Name DIE LINKE implizit beinhaltet: Verweisen wir Antisemiten auch aus der Partei DIE LINKE.”

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