Von allen akzeptiert

Von allen akzeptiert

Einen Anzeigenboykott der Linksfraktion bei der Jungen Welt wird es nicht geben. Das war einerseits schon in den Wochen nach der Danke-Provokation vom 13. August klar geworden, in denen Abgeordnete des „linken“ Flügels demonstrativ in dem Blatt inserierten. Nun ist es gewissermaßen offiziell: Im Bundestag hat sich einem Bericht des Tagesspiegel zufolge eine kleine Linken-Runde am Mittwoch auf eine Regelung geeinigt, künftig „von Fall zu Fall“ über Anzeigen zu entscheiden, eine Abstimmung in der Fraktion zu der Frage findet nicht statt – sie wäre wohl so ausgefallen, dass man später von einer Niederlage Gregor Gysis gesprochen hätte, der sich früh aus dem Fenster gelehnt hatte und durchsetzen wollte, dass die Fraktion das Blatt nicht mehr als Werbemedium nutzt. Haben nun jene gewonnen, die eine Kampagne gegen den Boykott gestartet hatten? Oder ist es vielleicht sogar etwas wie ein kleiner Sieg der Vernunft?

Zumindest was die Konfliktdynamik der Partei angeht: Der Kompromiss, schreibt der Tagesspiegel unter Berufung auf Ulrich Maurer, sei „von allen akzeptiert worden“. Ausgehandelt haben den in Gysis Büros Sevim Dagdelen und Heike Hänsel vom „Junge-Welt-Flügel“ sowie Petra Pau und Rosemarie Hein aus dem Lager der Kritiker. Die Auseinandersetzung über eine geschichtspolitische Haltung, welche Oskar Lafonatine „Satire“ nennt, die aber nicht etwa nur auf dem reformsozialistischen Flügel, sondern insgesamt in der Linken auf viel Widerspruch stieß, erledigt sich damit allerdings nicht. Wenn die Einigung vom Mittwoch dazu beiträgt, den Modus der symbolischen Konfrontation zu mindern, der in der Partei derzeit der vorherrschende ist, wird eine inhaltliche Auseinandersetzung vielleicht irgendwann einmal wieder möglich.

Was die Junge Welt selbst angeht, deren „natürlicher“ parteipolitischer Bezugspunkt bei den Wahlen in Berlin übrigens ganze 3.614 Zweistimmen errungen hat, und die das Fair Play des innerlinken Flügelstreits stets am besten beherrscht hat, wird „von Fall zu Fall“ nicht nur eine Entscheidung über Anzeigen getroffen, sondern auch darüber hinaus: Linken-Schatzmeister Raju Sharma hat jetzt eine Interviewanfrage des Blattes abgelehnt und das in einem Brief begründet. Darin sagt der religionspolitische Sprecher der Fraktion „Nein, danke“. Mit der Mauer-Provokation falle die Zeitung „jedem Menschen in den Rücken, der es ehrlich meint mit dem Ziel eines demokratischen Sozialismus“.

Am Donnerstagabend übrigens findet die verschobene Runde der Jungen Welt statt, auf der über einen „jW-Titel und seine Folgen“ diskutiert wird. Mit Winfried Wolf sitzt dann (neben Manuel Kellner) auch ein Kritiker nicht nur der Danke-Provokation auf dem Podium, sondern auch ein Linker, welcher die DDR nicht bei jeder Gelegenheit als „bessere Alternative“ reflexhaft herbeizitieret, sondern immer beides konnte: sie gegen Antikommunismus verteidigen und Kritik an der politischen Realität in den realsozialistischen Staaten üben. Winfried Wolf,  langjähriger Autor der Jungen Welt, schickte nach dem Mauerbau-Titel einen Brief an die Redaktion, der dann gekürzt im Neuen Deutschland erschien. „Wie viel Prozent der DDR-Bevölkerung“, fragt er da, „waren es, die nach 28 Jahren Club Cola und FKK 1990 sagten, dass die DDR irgendwie zu verteidigen sei? 10 oder vielleicht 17 Prozent?“ Und: „Warum bloß?“

In der Ankündigung der Diskussionsrunde macht die Junge Welt nicht den Eindruck, dass sie begriffen hat, warum sich gerade Linke diese Frage stellen und es nachgerade absurd ist, wenn die Kritik am Mauer-Titel als böse Strategie von irgendwelchen „Parteirechten“ denunziert wird. Das Blatt sieht sich vielmehr als Opfer und will reden über eine „Kampagne, die da losgetreten wurde“ und die „neben Fragen nach der historischen Wahrheit auch solche, die die Pressefreiheit allgemein betreffen“, berührt. Apropos Pressefreiheit: Für deren Variante à la DDR hatte sich die Junge Welt am 13. August gar nicht bedankt. (tos)

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69 Kommentare zu “Von allen akzeptiert”

  1. Heinz sagt:

    ” Für die DDR-Führung stellte sich diese Frage rein machtpolitisch.”

    Ein reine Phrase sonst nichts. Was ist die DDR-Führung? Das Politbüro, das ZK, die SED, der FDGP, die bewaffneten Organe die Kampfgruppen? Die Mehrheit , die Minderheit der DDR-Bevökerung? Was ist mit der Sowjetunion , mit den USA? Was ist mit der Arbeiterklasse, mit den Imperialisten..usw.? Fragen über Fragen……

  2. Arbeitszeit sagt:

    Als Ergänzung: Als der BRD immer klarer wurde, daß die DDR die Abwerbung nicht tatenlos hinnehmen kann, begann die Abwerbung aus anderen Ländern:
    http://www.migration-info.de/mub_artikel.php?Id=100308
    Türkei 1961
    Portugal 1964
    usw.

    Als Kuba drohte alle ausreisen zu lassen, die das wollten, schlossen die USA mit Kuba dazu ein Abkommen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kuba#Emigration
    “Um diese Einwanderungswelle zu beenden, schloss die US-Regierung unter dem Präsidenten Carter mit der kubanischen Regierung ein Abkommen, das die legale Einreise über festgelegte Quoten regeln sollte, aber von der nachfolgenden Reagan-Regierung nicht mehr eingehalten wurde.”

    Oder

    “… wies Castro am 7. August die Aufhebung der Küstenüberwachung an und löste damit erneut eine große Massenflucht aus Kuba aus, welche auch als Balsero-(Flößer-)Krise bekannt ist und während der wohl mehr als 33.000 Kubaner in die USA flüchteten. [44]

    Die Vereinigten Staaten unter der Regierung von Bill Clinton handelten daraufhin mit Kuba ein Migrationsabkommen aus.”

    Die DDR hat der BRD wiederholt den Abschluß von Abkommen angeboten.

  3. Calvados sagt:

    Was die verflossene DDR doch noch für Gefühlswallungen hervorruft…

    Daß eine sozialistische Entwicklung in Europa heute nicht im Gewand einer Parteidiktatur denkbar ist und daß Sozialismus auch nicht von der PDL am Reißbrett entworfen und dann implementiert wird, dürfte ja jedem klar sein, der nicht ein ganz komisches Kraut raucht. Insofern könnte man die ganzen Debatten zur DDR ruhig mit etwas weniger Schaum vorm Mund und größerer innerer Distanz zum Objekt führen.

    M.E. war die DDR-Gesellschaft partiell ziemlich fortschrittlich, partiell ziemlich reaktionär, und sie hat zudem wahrscheinlich Elemente aufgewiesen, wie sie in jedem autoritären Regime vorzufinden sind, das eine Strategie wirtschaftlicher Entwicklung fährt. In den 80-er Jahren gab es auch etliche vergnügliche Nischen, die mit zunehmender Ineffizienz der offiziellen Herrschaftsinstitutionen zu tun hatten; sie gaben der DDR, wie ich sie erlebt habe, so einen gewissen dekadenten Charme, den man erst richtig nach deren Dahinscheiden erkennen konnte. Vielleicht ähnlich der Endphase der k.u.k. Herrschaft in Österreich. Die Schlamperei machte die späte DDR liebenswert, zumal sie nicht mit einer durchgehenden Kriminalisierung einherging, wie das parallel in der Sowjetunion der Fall war. Die ökonomische Rationalität der DDR war m.E. im wesentlichen schon lange die einer verlängerten Werkbank des Westens.

    Wenig von alledem dürfte in zukünftigen Transformationsprozessen in Europa eine Rolle spielen, zumindest nicht in dieser Konfiguration, weder im Guten noch im Bösen. Also könnte man einfach sagen: R.I.P., liebe DDR… Es braucht weder symbolische Identifikation mit diesem Staat noch symbolische Abgrenzung.

    Das beste was man zur DDR sagen kann, ist m.E., daß es dort nicht diesen Statusdünkel und dieses innergesellschaftliche Abgrenzungsstreben gegeben hat, wie es im heutigen Deutschland zu einem Merkmal geworden ist, das die Gesellschaft bis in ihre Mikrostrukturen hinein durchdringt. In der Beziehung war die DDR wirklich egalitär, obwohl es natürlich auch unterschiedlichen Zugriff auf Ressourcen gab.

  4. snooker sagt:

    @Heinz: Was für eine komische Frage. Wer soll schon die DDR-Führung gewesen sein? Das Politbüro natürlich, wie Sie schon geahnt haben, erst Ulbricht, später Honecker, plus jeweils ein paar Vertraute. Alles andere war pseudodemokratische Garnitur. Hieß übrigens demokratischer Zentralismus. Das sollte doch inzwischen jeder wissen.

  5. Heinz sagt:

    “der PDL am Reißbrett entworfen und dann implementiert wird” Na Gott sei, Dank. Da kann man ja weiter wie einige Genossen vor sich hin schwafeln ohne konkret zu werden….Schlim m dabei ist das man den Menschen was vormacht……

    Ich frage solche Menschen bis heute was die Alternative zur Diktatur des Proletariats unter der Führung einer kommunistischen Partei ist……Seit 20 Jahren keine Antwort…….;-)

  6. Karl Sorgen sagt:

    Calvados
    wenn es doch gelingen würde, ungefähr einen solchen Konsens zu erreichen…könnte ich damit leben, aber dazu müssten unsere Juristen, Historiker, Philosophen und andere Experten hier und wo anders, anfangen zeitgemäß und in politischen Kategorien zu denken und zu handeln und dazu gehört vor allem auch Kompromisfähigkeit ; Psychologie oder anders gesagt, Hineinhören in die gesamte Breite der potentiellen Wählerschaft. Scheinwissenschaftiche Dogmen und rechthaberische Postulate helfen jedenfalls nicht weiter…und werden den vermeintlich oder tatsächlich jeweils so anders denkenden wohl kaum versöhnen…in ihren Fachzirkel gilt selbstverständlich die Wissenschaftsfreiheit-und dort können sie sich dann auch richtig austoben…

  7. js. sagt:

    Könnte es sein, dass die DDR (jetzt mal stellvertretend für den gesamten realen Sozialismus) ein derart abschreckendes Gebilde/Beispiel (also mitnichten so “liebenswert” war, wie Calvados zu wissen glaubt), dass es die Entwicklung sozialistischer Bewegungen im Resteuropa und darüber hinaus vielleicht sogar nachhaltig erschwert hat, somit vielleicht mitverantwortlich ist für das bedeutungslose und manchmal erbärmliche Erscheinungsbild, das europäische Linke z.T. bis heute abliefern, dass also das alles möglicherweise bis heute nachwirkt und auch noch der PDL das Leben schwer macht – und dass das alles natürlich ganz viel mit schlimmer Propaganda, aber eben auch mit Wirklichkeit, mit ge- und erlebter Erfahrung zu tun hat,was (erfreulicherweise) am Ende wirkmächtiger war und ist, als das ganze begründende, “erklärende” bis rechtfertigende Theoriegeblubber?

  8. Linksman sagt:

    Hallo Sebald,
    “Vor diesem Hintergrund finde ich es auch falsch, wenn Winfried Wolf schreibt, dass die Junge Welt die iranische Politik verherrlichen würde. Dies ist mit Sicherheit nicht der Fall.”

    Full Ack.
    Die JW hat ja einen Jürgen Elsässer (“Glückwunsch Achmadinedschad”) schon 2008 rausgeschmissen. Dem Parteiblatt ND war der noch ein Jahr länger gut genug.

  9. ahallbauer sagt:

    Hallo,

    egal wie man im Einzelnen zur untergegangenen DDR steht, ob man sie für einen realen Sozialismus mit ein paar kleinen Fehlern gehalten hat, oder für einen autoritären Staatssozialismus oder was alles noch die Varianten seien mögen.

    Eins ist auf jeden Fall sicher: Es ist im Nachhinein ausgesprochen tragisch, dass sich der untergegangene Realsozialismus als nicht reformfähig erwiesen hat.

    Man stelle sich doch nur einmal kurz vor, es gäbe noch einen, natürlich reformierten Sozialismus in Osteuropa – reformiert im sozialistischen Sinne – jetzt an der Schwelle zu einer neuen Weltwirtschaftskrise, auf dessen Funktionieren die Linken hier im kriselnden Kapitalismus verweisen könnten !!!

    Aber, leider, leider, tempi passati.

    Das künftige Transformationsprozesse vor allem Dingen in Europa Anderes hervorbringen werden, da ist Calvados zuzustimmen und das ist natürlich auch gut so – im Guten wie im Bösen.

  10. Jens Raabe sagt:

    ahallbauer

    Ein Sozialismus heute in Europa oder sonst wo wäre wieder wirtschaftlicher und politischer Repressionen der “wahren Demokraten” bzw. der folternden und mordenden “freien Welt” ausgesetzt. Abwerbung – Sabotage usw. Es würde sich vermutlich alles wiederholen – solange sich strukturell und geschichtlich schwächere Staaten gegen die geschichtlich und strukturell stärkeren behaupten müssten. Der größte Witz an der ganzen Sache ist – das jetzt (auch hier in Deutschland) die unteren “Schichten” wieder die finanzielle Zeche zahlen müssen für die über Jahrzehnte angehäuften Staatsschulden des ach so überlegenen westlichen Wirtschaftssystems.

    Was da auf uns (auf mich weniger) zukommt ist eine grassierende Altersarmut und sich verstärkende Ausbeutung der Masse und eine weitere Konzentration von Einfluss und Wohlstand bei wenigen. Es wird spannend werden….

  11. Sissy Fuß sagt:

    @Linksman: Mach dich nicht lächerlich. Elsässer schied im Streit von der jW, weil in deren Redaktion nicht für mehrere große Geister Platz ist. Er hat eine zu hohe Meinung von sich, um sich von einem Schölzel oder Pirker was sagen zu lassen. Aber über weniges dürften die Herren sich so einig gewesen sein wie über den Iran.

  12. Jutta sagt:

    Um es vorwegzunehmen: Mir hat der Beitrag von Calvados gefallen.
    Sicher kann man über dieses und jenes streiten, aber irgendwie hatte alles einen unaufgeregten Charme…

    Und bevor hier gleich wieder großes Geschrei einsetzt : ich würde die DDR auch nicht als ” soz.Land mit kleinen Fehlern” bezeichnen, sondern bestenfalls als “autoritärer Staatssozialismus”, den keiner mehr anstrebt, keiner mehr will !
    Ja und noch was. Auch ich habe Walter Janka gelesen, und mich in Grund u. Boden geschämt und vor Zorn geheult.

    Nur: eine differenzierte Betrachtung muß gestattet sein ! Ist es nicht auch dieses verlogene und ahistorische schwarz/weiß Gemale, dass viele in Verteidigungsbereitschaft bringt ?! Dort der goldene Westen – hier der böse Osten…
    Bsp.
    Ich habe vor kurzem eine junge Frau aus dem Westen kennengelernt. Könnte im Alter meines Sohnes sein, also ca.35. Sie machte anfangs einen freundlichen u. gebildeten Eindruck. Nur als ich bemerkte…” mir schmeckt dieses ganze fade Wasserfleisch nicht mehr” ( wir standen an einer Steakbude und aßen Schweinekamm), na da konnte ich mir aber was anhören.So etwa: Als Ossis sollten wir doch alle froh und dankbar sein, dass wir nun nicht mehr hungern müssen…von der Freiheit mal ganz abgesehen…
    Manometer, 20 Jahre nach der Einheit noch soviel Dummheit, da soll man nicht verrückt werden ?
    Und gibt das denn keinem zu Denken…
    Da wird eher ein Mann wie A.Müller, der sich um ein bißchen Aufklärung bemüht, unqualifiziert von der stellv. Parteivorsitzenden angemacht…(und Sahra Wagenknecht hieß die nicht! )

    Aber was reg ich mich auf, meine Partei ist die PdL nicht mehr.Naja einige sind froh, dass wir “Alten” gehen, aber ich fürchte Jens Raabe hat Recht, wenn er meint, daß, wenn die erst mal alle weg sind, auch im Osten die Wahlergebnisse schlechter werden..
    .
    Mein Sohn ist übrigens noch bei Euch. Der war sogar bei der “Wahlparty” hier in Schwerin. Nach `ner Stunde kam er gelangweilt nach Hause……” da saßen son paar fein gekleidete Herrschaften….”
    Nun gehen wohl auch bald die frechen Rebellen…und dann seid ihr nur noch ein “hochintellektueller” Debattierklub – schade!

  13. Calvados sagt:

    @ js. – “also mitnichten so “liebenswert” war, wie Calvados zu wissen glaubt”

    Oh, ich glaube nicht zu wissen… “liebenswert” ist ja kein analytischer Ausdruck, sondern ein Anspielen auf subjektive Befindlichkeiten. Ich für mein Teil war damals Anfang 20, in einem Alter bevor man sich so ganz ernsthafte Gedanken machen mußte, wie weit man sich auf die Spielregeln gesellschaftlichen Aufstiegs in jenem System einläßt. Vermutlich hatte ich mehr einen Blick für die individuellen Optionen in den sich auftuenden gesellschaftlichen Nischen, als jemand, der zu jener Zeit 50 war… Und natürlich spielt beim Rückblick auch eine Rolle, daß damals rein altersbedingt das Feld der Möglichkeiten weiter war, als dies heute der Fall ist. Das sagt erst mal nichts über die Systeme aus. Nur spielen diese biographisch bedingten Affekte natürlich eine Rolle. Um es mal so salopp zu sagen: Ich tät ja schon in Kauf nehmen, wieder in der Diktatur zu leben, wenn ich noch mal 20 sein könnt’. Ist natürlich eine kleinbürgerlich-individualistische unpolitische Betrachtung…

    Nun kann man sich Gedanken machen, ob ein Erfolg des Prager Frühlings in Osteuropa zu einem Sozialismus geführt hätte, der nicht ob seiner wirtschaftsgeographisch peripheren Lage früher oder später doch von einer kapitalistisch verfaßten und wirtschaftlich potenteren Europäischen Union aufgesogen worden wäre. Aber das ist eine kontrafaktische Überlegung, die sicher einen gewissen Reiz hat, die für heute anstehende Fragen m.E. aber wenig bringt (zumal man dabei, wie es das Kontrafaktische nun mal so an sich hat, auch keine gültige Antwort finden wird).

    So auch der ganze DDR-Diskurs. Gegenwartsbezogen analytisch oder politisch-strategisch ist der m.E. ziemlich irrelevant. Er ist aber, zumal wenn er so apodiktisch geführt wird, dazu geeignet, persönliche Verletzungen wegen der Involviertheit jeweils eigener Biographien hervorzurufen – in der einen oder anderen Richtung. Nicht bei Leuten meiner Generation, aber bei den noch einmal 10-15 Jahre Älteren. Die einen haben in der DDR in Positionen mit gestalterischem Einfluß gesessen, was nicht zwangsläufig Parteilinientreue bedeutete. Die anderen haben den Repressionsapparat des Systems in einer sanfteren oder weniger sanften Form kennengelernt. Für viele gilt sowohl als auch. Da hat der Karl Sorgen m.E. völlig recht damit, daß “scheinwissenschaftliche Dogmen und rechthaberische Postulate” überhaupt nicht weiterhelfen und der wahrgenommenen Lebenswirklichkeit nicht gerecht werden können. Das gilt für den reflexhaften DDR-Exorzismus genauso wie für die wagenburgartige Apologetik.

  14. ahallbauer sagt:

    @Jens Raabe

    wenn wir es angesichts erwartbarer wirtschaftlicher und politischer Repressionen der Gegner eines neuen sozialistischen Anlaufs in Europa nicht schaffen, die Massen in einem erheblich größeren Ausmaß hinter dieses Projekt zu versammeln, als dies der Realsozialismus schaffte, dann wird es sich nicht entfalten können und leider ebenfalls untergehen, wie der alte Realsozialismus, da die Menschen es nicht in ausreichendem Ausmaß verteidigen werden.

    Wir sind also auf Teufel komm raus darauf angewiesen, die Mehrheit der werktätigen Menschen und ihren Anhang in die Entwicklung und den Aufbau eines neuen Sozialismus von vornherein mit einzubeziehen.

    Die Frage der Massendemokratie erweist sich so als eine Schlüsselfrage eines zukünftigen Sozialismus.

  15. Calvados sagt:

    @ Heinz – “Ich frage solche Menschen bis heute was die Alternative zur Diktatur des Proletariats unter der Führung einer kommunistischen Partei ist……Seit 20 Jahren keine Antwort…….;-)”

    Na, damit es wenigstens im 21. Jahr einen kurzen Antwortversuch gibt:

    Ein weitgehend basisdemokratisch verfaßter Staat mit öffentlichem Eigentum an/ öffentlich-kommunitärer Kontrolle über die wirtschaftliche Infrastruktur – einschließlich des Geldsystems – sowie sämtlichen für die die gesellschaftliche Reproduktion unerläßlichen Wirtschaftssektoren (Energie, Immobilien, Gesundheitswesen etc.), bei Pluralität von Eigentumsformen im produzierenden Bereich.

  16. Linksman sagt:

    Hallo Sissy Fuß,
    machen Sie sich nicht noch lächerlicher:
    Es ist bekannt, dass es schwere inhaltliche Differenzen zwischen der JW und Elsässer gab – auch beim Thema Iran.

  17. js. sagt:

    @calvados:
    In vielem stimme ich ihnen zu. Nur, gerade “politsch-strategisch”
    ist der “DDR-Diskurs” m.E. mitnichten “irrelevant”, weil er in vielem im Grunde über Zukunftsvorstellungen, über Ziele, über Methoden, Gesellschaftsbilder jener Auskunft gibt, die für “demokratischen Sozialismus” streiten. Und genau das macht ja seine Brisanz aus. Ob 10 oder 15 Euro Mindestlohn, ob Grundeinkommen oder nicht, darüber lässt sich trefflich streiten und ob so oder so – ans “Eingemachte” geht das jedenfalls nicht (es sei denn diese Fragen stünden nur stellvertretend). Wenn es um die DDR geht, geht es aber eben nicht um Kitas oder Polikliniken, sondern um Gesellschaftsmodelle und mithin insbesondere um Demokratie-, Partizipations-, Macht- und Herrschaftsfragen. Und deshalb gibt dieser Streit oft viel mehr Auskunft über die tatsächliche Kompatibilität der perspektivischen Vorstellungen (also der “Geisteshaltungen”) der PDL-Akteure als der um die “Eurorettung”. Der Streit ist also hochaktuell und überaus zukunftsbezogen und wird eben deshalb so gerne und heftig geführt. Für die Zusammenarbeit und den Zusammenhalt ist die Frage, ob autoritäre, repressive Sozialismusmodelle für die MitstreiterInnen vorstellbar sind, von erheblicher Bedeutung – was übrigens zunächst mal nichts über die Bedeutung oder Wirkung dieser Debatte außerhalb der eigenen Reihen aussagt. Oder ganz einfach: Einer Antwort auf die Frage, ob ein Leben unter der Herrschaft von jw-Fans erstrebenswert wäre, sind spätestens jetzt Viele viel näher gekommen.

  18. Frank Heinze sagt:

    LZ-Interview mit dem entlassenen Junge Welt Redakteur Rainer Balcerowiak

    “Jeder Redakteur bei „bürgerlichen” Zeitungen wie FAZ oder SZ hat mehr Rechte als bei der jW.”

    http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=12825&Itemid=1

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