Kein Segen
Der Papst hat im Bundestag gesprochen, und die große Mehrheit der Linksfraktion fehlte. Mit rund 100 Papst-Boykotteuren insgesamt hatte man vorher gerechnet; wie viele es wirklich waren, konnte bislang niemand genau sagen. Was auch daran liegt. dass bei anderen Fraktionen frei gebliebene Plätze mit ehemaligen Abgeordneten besetzt wurden, die man eingeladen hatte. Darauf hatte die Linksfraktion verzichtet, und so waren die Lücken deutlich zu sehen. Nur 28 von 76 Linke-Abgeordneten hörten sich die wolkige Papst-Rede an; die meisten Anwesenden trugen als kleines Zeichen der Widerspenstigkeit rote Aids-Schleifen. Gregor Gysi, der wie die anderen Fraktionsvorsitzenden und auch die Mitglieder des Bundestagspräsidiums Joseph Ratzinger vor der Rede die Hand schüttelte, wies nach der Ansprache auf drei Leerstellen hin: Der Papst hätte sich zu Krieg und Frieden, zur zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich und zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche äußern sollen, befand Gysi, der eine Segnung durch Benedikt den XVI. abgelehnt hatte.
Thomas Lohmeier: Was ist Recht?
Philosophieren mit dem Papst – hier
48 Linke fehlten also; nur 10 davon waren laut Medienberichten „wegen Krankheit, Dienstreisen oder unverschiebbarer Termine“ entschuldigt. Während die Vertreter von CDU/CSU und FDP weitgehend vollständig anwesend waren, blieben auch ein paar Grüne und Sozialdemokraten fern. Einige der Papst-Verweigerer nahmen lieber an der gleichzeitig stattfindenden Protestkundgebung „Keine Macht den Dogmen“ teil. Warum gerade die Linksfraktion nicht all zu sehr auf den Pontifex steht, wollte die Nachrichtenagentur dpa untersuchen – obwohl darauf jeder allein kommen dürfte, der politisch bis drei zählen kann. Der Agenturjournalist fand heraus, dass es irgendwie an der DDR-Sozialisation der Ossis und an der Kirchenferne der Wessis liegen muss. Dass die Linke massenhaft fehlte, hat dem Agenturmann gar nicht gefallen: Die leeren Stuhlreihen im Plenarsaal seien „ein unangenehmer Anblick“ gewesen.
Die beiden weiteren Stationen des Papstes bei seinem Deutschland-Besuch heißen Erfurt und Freiburg. Vor allem in der badischen Stadt sind weitere Proteste in Vorbereitung. (wh)
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Ach, waren das noch Zeiten! Der Roland Claus wusste einfach, was sich für im Club angekommene Linke gehört:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,197426,00.html
Im Ernst: Der gestrige Abwesenheits-Aktionismus hat Ratzinger und seinem Unternehmen marketingmäßig genutzt und der Reputation der Linken beim “kleinen Mann” – dem vorgeblich eigenen Klientel – erneut geschadet. Der hat nämlich für Klamauk nichts übrig, auch wenn dieser mit bildungsbürgerlichem Anstrich daherkommt.
“Absolutistisch” ist dann vielleicht, dass sich der Papst das Thema seiner Reden nicht vorgeben läßt.
Und die leeren Stühle? Ja, eindeutiger als andere. Aber wie man im Anschluss an Hans-Christian Ströbele auch sagen kann, ist damit die Latte für zukünftige ähnliche Ereignisse höher gelegt.
Wir erleben zur Zeit sehr exemplarisch die wahre Tiefe des bei uns gegebenen Säkularismus-die meisten Regierenden von Bund und Ländern nehmen an Gottesdiensten teil- wie auch heute-anstatt sich den Problemen der Bürger zu widmen und zu regieren und der öffentlich rechtliche Rundfunk glänzt durch Parallelübertragungen- dies einschließlich Kostenfragen sollte auch mal durch einen unserer Funktionäre ,,gewürdigt´´ werden…
@Jürgen
glaube nicht dass uns das geschadet hat… Es gibt dafür keine Anzeichen oder gar Belegen…
Schnarchkappen-Thema.
scnr
Ernsthaft: Ich hab den Eindruck, dass die frühere Funktion der Religion – nämlich vom Diesseits und seinen irdischen Konflikten abzulenken – heute durch die vordergründig aufklärerische Auseinandersetzung mit derselben erfüllt wird.
@ Juergen
Ich würde Gregor in der Diagnose zustimmen. Die Zielklientel der Linken dürfte sich von solch symbolische aufgeladenen Terminen eher genervt zeigen (die Straßen werden gesperrt, die Sendeplätze belegt…hat sich irgendjemand gestern abend Maybrit Illner angetan?).
Hingegen dürfte sich die neu hinzuzugewinnende Klientel aus sog. “linksliberalem Bürgertum”, unentschiedenen Erstwählern und auch politisch diffusen Wechselwählern davon tatsächlich affektiert zeigen. Zumindest äußern Hoff und Kahrs in ihrer Wahlspektrenanalyse zu Berlin eine solche Vermutung hinsichtlich der Rekrutierungsmöglichkeiten von neuem Wahlpublikum.
Persönlich bin ich zwiegespalten: zwar mag die von dir genannte “strategische Vorgehensweise” (hier in Anführung, weil ich eine gesellschaftliche Denkfigur bezichtige) tatsächlich aus Parteitaktik wichtig, also “interessant” sein (die Partei als Organisation steht zwischen den Stühlen und hat ein Interesse sich klar zu positionieren), andererseits will ich auch nicht en passant den politischen Diskurs über den Stellenwert von Religion und erst recht der reichlich anachronistischen Institutionen der Katholischen Kirche im 21. Jh. völlig außer Acht lassen.
Wir müssen aber für die Zwecke der Diskussion hier zweierlei bedenken: Einerseits zeigt sich die kontrollierte Öffentlichkeit an einem kritischen Diskurs nicht interessiert: Religionsfragen werden insbesondere hier zurzeit in Deutschland als reine moralische Fragen behandelt und politisch auch ideologisch ausgedeutet (ähnlich wie die kürzlich publizierte “Glücks”-”Studie” eines neoliberalen Thinktanks), andererseits wird der PdL in der Öffentlichkeit derzeit auch keinerlei Sprechkompetenz hinsichtlich Religionsfragen attestiert, was wiederum auf andere Stellen, auf strategische und politische Baustellen in der Partei wie auch Legitimationsprobleme der Öffentlichkeit verweist, die über eine Partialbeobachtung und -diskussion dieses Papstbesuchs nicht zu lösen sind.
Spannender wäre in der Tat ein parteiinterner Dialog, der sich dann auch nach außen wendet und für eine offene Diskussion von Religion und Sozialismus eintritt. Bekanntlich ist der Satz aus Marxens “Rechtsphilosophie” (1844) heute eben nicht umstandslos gültig; er schrieb: “Für Deutschland ist die Religionskritik mit Hegel abgeschlossen.” Ich wäre daran interessiert, eine Diskussion über Rationalität, Moral (als praktische Orientierung im kapitalistischen Alltag) und Ideologie zu führen.
Wie ich kürzlich schrieb, kann die LINKE so oder so zurzeit nur verlieren. Andererseits ist es auch ab einem gewissen Punkt naiv zu glauben, dass einem von einer antikommunistischen (hier grosso modo, nicht allein begriffszentriert), antikollektivistischen politischen Landschaft – die ja vornehmlich die doch scheinbar recht neutrale, bis eher linksliberale deutsche Öffentlichkeit beschallt -,überhaupt irgend ein Raum zugestanden wird. Ich erinnere nur an den kruden Paternalismus de Maizieres’, der noch im letzten Jahr der LINKEN ins Stammbuch schrieb, sie solle ein VS-konformes Parteiprogramm vorlegen, was politisch (als CDU) und institutionell (als strukturkonservatives politisches System) nur darauf verweist, dass eine linkssozialdemokratische, gar sozialistische Kraft mit allen Mitteln des Rechtsstaats negiert werden soll.
Unsere Diskussionen hier sind daher auch teils schlicht befangen im Status quo, erst recht, wenn wir uns immer wieder mit einer vermeintlichen oder realen “Unverständigkeit” der Mehrheitsgesellschaft auseinandersetzen. Einige der Leser hier sind in Kapitalismuskritik und Sozialismusgeschichte geschult, andere hegen eher praktische Absichten, dritte drohen eventuell die eingelebten Routinen und Verfahren bereits erlebter und nicht mehr wiederholbarer sozialdemokratischer Fehler zu aktualisieren, was deren Nivellierung als Partei gleichkommt.
Der symbolische Affront einiger aufgeblasener Parteiadjutanten von CDU, CSU und FDP ist in seiner Kleinkariertheit trivial, verweist aber auch auf den Stand der Konfliktverhältnisse. Eine neuerliche Attraktivität wird die LINKE darüber weder in der Kritik noch in der eilfertigen Zustimmung (“volle Reihen”) erreichen, da es ihr sowohl als “Borniertheit” wie auch im andern Fall als “Anpasserei” angepriesen wird.
Was die Partei als Organisation, aber eher als revitalisierende Bewegung bräuchte, das wäre eine Idee einer lebenswerteren Welt im 21. Jahrhundert, ohne anachronistische Gegenbegriffe, dafür aber mit ernsthaften politischen, strukturellen, symbolischen und praktischen Angeboten für eine Vielzahl von Menschen (allen wird man es nicht recht machen können), aber den Grundgedanken einer lebenswerteren Welt, tragen mehr Leute in sich, als Parteibuch und Einfachsprech im Alltag zulassen.
Unbestritten ist, dass eine konsequente Trennung von Staat und Religion in Deutschland erst noch erkämpft werden muss.
Dennoch ist es wichtig, die Normalbevölkerung zur Toleranz gegenüber ihren christlichen Mitbürgern aufzufordern.
Sicher gibt es unter den Christen viele schwarze Schafe, viel religiöse und sexualisierte Gewalt, Misshandlungen, Missbrauch und Fundamentalismus. Ich habe aber keinen
Zweifel, dass letztlich die Mehrheit der Christen diese Dinge ablehnt und an einem friedlichen Miteinander interessiert ist.
Christliche Kindervergewaltiger und Fundamentalisten wie etwa der glücklicherweise gescheiterte christliche Bomben-Aficionado von Madrid gehören selbstverständlich nach dem Gesetz verfolgt. Dabei wäre es zuallererst auch Aufgabe der Christen, sich von solchen Bestrebungen in ihren Gemeinden abzuwenden und das auch nach außen zu kommunizieren. Diese Forderung bedeutet nicht zuletzt, die praktizierenden Christen als gesellschaftliche Minderheit ernstzunehmen
und ihnen Respekt entgegenzubringen.
Ich bin sicher, dass dort, wo dies geschieht, eine
gesellschaftliche Integration der Christen gelingen kann und diese mit ihren Sitten, vielfältigen Gebräuchen, Festtagen und ihrer oft herzlichen katholischen (weniger: evangelischen) Gastfreundschaft eine Bereicherung für unsere Gesellschaft darstellen könnten. Und zwar ohne, dass real die Gefahr einer “(Re-)Christianisierung unserer Kultur” bestünde, wie die sog. Christentumskritiker es vielfach befürchten.
PS: Ich bin auch dagegen, Menschen zu verurteilen, nur weil sie zum Christentum konvertieren. Unsere Gesellschaft sollte stark genug sein, auch so etwas auszuhalten.
@ Ignaz: Den relativ tiefschürfenden Überlegungen kann ich sehr viel abgewinnen. Nach vielen Jahren mit geradezu in die Verzweiflung treibenden Versuchen der Einladung zur Auseinandersetzung auf solchem Niveau erlaube ich mir nun aber die vermutlich angemessenere Gangart wie sie z.B. Jakob Augstein (“der Freitag”) soeben erst bei Phoenix an den Tag legte. Er bezeichnete den Protest der PdL gegen den Papst als “total pubertär” und “unsinnig”. Damit trifft er den dürren Kern in einer Weise, wie sie zwar sicher nicht nach dem Geschmack von Seminarmarxisten ist aber bestimmt eher dem Bedarf in der realen Welt politischer Auseinandersetzung unter Einbeziehung des “gemeinen Volkes” entspricht.
@ Juergen
Das sehe ich anders, wobei ich nicht für die Heiligkeit des Seminarmarxismus eintrete, sondern für eine praktische Anwendung von theoretischen Einsichten zur Funktion von Organisationen im politischen System, also im Grunde eine politikwissenschaftliche Analyse der Situation mit den Mitteln der Gesellschaftstheorie.
Nichts gegen Jakob Augstein, nur ist er doch selbst Teil einer Öffentlichkeit, gegen die ich oben einige Argumente ins Feld geführt habe. Man kann die teilen oder ablehnen, mit der einfachen Zustimmung aber akzeptiert man diejenigen Spielregeln, die ich zurzeit für verkürzt halte. Zumal das Forum, auf das du anspielst nun wirklich mehr als kulturindustriell ist und gar keine Aufklärung beibringen kann, dafür aber sehr viel Effekt und Show. Mir ist klar, dass das heute schon zu den vermeintlichen “offeneren” Arenen der Öffentlichkeit gehört. Ich gehe aber nach wie vor davon aus, dass die eigentliche Öffentlichkeit bevormundet und unterdrückt wird und zwar subtil über Erziehung, Sozialisation, selektive Bildungschancen und Alltagsideologie.
Das Dilemma zwischen Öffnung zu einem solchen flachen Niveau zwecks Akzeptanz in der liberalen Mitte und einer grundsätzlichen Kritik der Verfahrensweisen der spätkapitalistischen Öffentlichkeit lässt sich nicht auflösen, theoretisch ebensowenig wie praktisch, weil die Grundvoraussetzungen jeweils verschieden sind und Sozialismus ja mehr meint, als nur ein gefühlter Wechsel der Beteiligung. Wenn man zumindest einen solchen konträren Standpunkt vortragen kann (wozu der FREITAG als Zeitung ja wiederum offen ist), dann lässt sich schonmal ein Kontrast ausmalen, ohne dabei allzu konkret werden zu müssen. Denn was kommen soll ist relativ klar, wenn man die Gegenwart angemessen kritisiert und theoretisch auseinandernimmt. Ich denke nicht, dass man den Diskurs völlig verflachen sollte. Bourdieu, jemand, dem man “Seminarmarxismus” nicht vorwerfen kann, hat zur Krise der frz. Linken mal geäußert, dass es auch daran lag, dass die Führungsspitzen in Gewerkschaften und Parteien es sich in der Beurteilung der Lage allzu leicht gemacht haben, sie auf allzu griffige Formeln gesetzt haben, alles in allem eher über der Amtsverwaltung verdummt sind und daher nicht in der Lage waren, die Krise einer gesamten Bewegung (nämlich durch den Frontalangriff der Neoliberalen) vorauszusehen und entsprechend zu reagieren. Wiederholt man heute, die bekannten Pfade und Gedanken, wird sich das Erschöpfungspotenzial (sowohl in den Prozentzahlen, als auch bei den Mitgliedern) erhöhen und die Bewegung und die Partei als Nichtigkeit knapp über der 5-Prozent-Hürde enden.
Der Protest gegen den Oberhirten sei “total pubertär”?
Mmmh… interessant, wie hartnäckig sich diese Art von Pubertät am Leben hält, scheint sich um eine Art von hormongesteuerter Geistesverwirrung zu handeln, die oftmals ein ganzes Leben anhält, z.B. bei einem gewissen Arno Schmidt:
“Es ist wieder einmal hohe Zeit, dem Christentum zu bedeuten, was ein Unbefangener von ihm hält; heute, vor einem Rundhorizont von Synoden und Gottsuchern, Schattengestalten
mit scholastisch gerunzelten Wolkenstirnen, unfehlbar, mißbilligend, bejahrt, seit kurzem wieder “Herr der Heerscharen”: Ich habe es tragen müssen, der ihr Koppel : “Gott mit
Uns” hieß es sechs Jahre lang auf meinem unschuldigen Bauch: Da will ich doch einmal betonen, daß es nicht auch auf meinem Kopf stand!”
(Atheist?: Allerdings! 1957)
Juergen Angelbeck hat recht. Was soll das Gemeckere von Gysi. Naturrecht gab’s wahrscheinlich nicht bei der DDR-Juristenausbildung. Soll mal von Ernst Bloch “Naturrecht und menschliche Würde” lesen. Vielleicht kapiert er dann den Papst.
.@ Ignaz: Auch der neuerliche Beitrag ist herausfordernd, was die bei einer Auseinandersetzung mit ihm aufzubringenden Sinne angeht. Chapeau!
Für ausgesprochen markant und zutreffend halte ich das:
“Ich gehe aber nach wie vor davon aus, dass die eigentliche Öffentlichkeit bevormundet und unterdrückt wird und zwar subtil über Erziehung, Sozialisation, selektive Bildungschancen und Alltagsideologie.”
Wenn ich der Frage nach dem Unterschied zwischen Ideologie und Alltagsideologie (Begriff riecht stark nach notorischer Blasiertheit der Vertreter reiner Lehre/Ideologie!) nicht weiter nachgehe, komme ich zu dem Ergebnis, dass dieser Befund auch das Gebaren der PdL, aller ihrer jüngeren Vorläufer etwa in Gestalt der SED, der DKP und nicht zuletzt aller sich ehedem als links bezeichnenden westdeutschen Sekten einschließt.
Am Rande: Eine frappierende Übereinstimmung mit den Kirchen !
@ Anton
Diese Anklänge beim Naturrecht habe ich auch gehört (in den kurzen Soundbites, die in den Fernsehnachrichten liefen); aber du wirst ja wohl diese symbolische Rede nicht als Rechtsdogmatismus werten. Das war ein rein formaler Akt, keine Beweisführung oder gar Anleitung zu einem irdischen Handeln nach dem Naturrecht.
Außerdem gibt es keine einheitlich Rezeptionslinie im Naturrecht. Für uns heute, sind die Lesarten von Locke und Smith wesentlich bedeutungsvoller, als das Naturrecht bei Thomas oder Augustinius. Weil erstere den neuen kapitalistischen Geist, den Individualismus und Utilitarismus so gut mit der voluntaristischen Ausdeutung der “von Natur” gegebenen Vernunft des Menschen zusammenwirken.
Bloch hat diesen Witz ja herausgearbeitet, wenn er davon schreibt, dass genau dies bei der Begründung des Bürgerlichen Rechts in Preußen (am Ende des 19. Jh.) in dieser Form instrumentalisiert worden ist (ebd.).
@ Juergen
Nun, ich kann mich für meinen Sprachgebrauch nicht entschuldigen, aber wenn dich einige Begriffe stören oder dir meine Ausführungen zu oberflächlich scheinen, dann weise mich darauf bitte hin.
Mit dem Arbeiterbewegungsmarxismus teile ich eigentlich nur die Intention: dass eine lebenswertere Welt geschaffen werden soll. Ansonsten bin ich da theoretisch selbst eher Suchender, denn mit den alten Lehren des “Marxismus-Leninismu” kann ich ebenso wenig anfangen, wie mit mancher Verabschiedung des Marxismus im Westen. Ingo Elbe hat das in seinem Mammutwerk mal gut zusammengetragen unter dem Titel “Marx im Westen”, wobei er die utnerschiedlichen Rezeptionslinien herausarbeitet und kritisiert.
Wenn du mich nach meinem theoretischen Interesse befragst, so ist das primär auf eine soziologisch informierte Gesellschaftstheorie ausgerichtet, die sich aus unterschiedlichen Quellen zusammensetzt (Teile des Westlichen Marxismus wie Lukacs, Horkheimer, Adorno, Bloch, mitunter Marcuse, aber vor allem die staatstheoretischen Analysen von F. Naumann (Behemoth) und O. Kirchheimer (“Allerweltsparteien”), sind anschlussfähig. Habermas, Poulantzas, Hirsch, aber auch “bürgerliche” Autoren wie Weber, Durkheim, Mead, Franzosen wie Foucault und Bourdieu, Castel, Boltanski um nur einige Namen zu erwähnen. Im Forum hier gab es ja schon die ein oder andere Möglichkeit, einige Themen – auch theoretisch – zu vertiefen.
Das von dir angesprochene Dilemma – ob man das als “Arbeiterbewusstsein” (Schumann) wie die frühere Industriesoziologie, oder auch als “Klassenbewusstsein” (Lukacs), oder schlicht als Sozialmilieu und Klassenlage benennen will, ist dabei nachrangig -, sehe ich auf jeden Fall ebenso. Dennoch sollte die Diskussion dabei nicht stehen bleiben.
Den Begriff “Alltagsideologie” entlehne ich z.B. sehr konkret beim frz. Soziologie H. Lefebvre (http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Lefebvre ), der dazu interessante Abhandlungen verfasst hat, wie sich das Bewusstsein im Alltag zurecht findet und welche subjektiven Sinnzuschreibungen Menschen sich zurechtlegen, um im kapitalistischen Alltag zu überleben.
Ich hoffe nicht, dass du bei mir eine Nähe zu irgendeinem amtlichen Parteimarxismus rausliest (wenn das so wäre, wäre das ja auch keine Kritik, es würde erst kritisch, wenn die Partei oder die Bewegung für Dogmatismus und Bürokratie stünde). Jedenfalls sehe ich nicht irgendeine Parteiavantgarde als Retter der Menschheit, ich interesse mich aber für die Frage, wie für ein politische Projekt eine Art situative Klassenidentität neu gewonnen werden kann, um politischem Protest eine dauerhafte Basis geben zu können. Das politische System lässt so etwas zurzeit nicht zu, was aber primär ein Problem der Öffentlichkeitsbildung ist (in den 70erm haben Negt und Kluge dazu mal ein Buch verfasst über die selektive Bildung von Öffentlichkeit, die in erster Linie darauf zielt, Klassenidentität im postivien Sinne – als schützenswertem Gut, als moralischer Rückzugssphäre für Lohnarbeiter und Arbeitslose – zu kritisieren und negieren, wo es geht. Öffentlichkeit ist immer schon vermachtet und dominiert.
Hier, was ich meine, drückt sich eigentlich gut in diesem Debattenbeitrag von P. Bourdieu aus (du brauchst ca. 25 Min. Zeit): http://www.youtube.com/watch?v=6lxiIX2_rBI&feature=related
“Alltagsideologie” existiert auch als Begriff, um die Hoheit der neoliberalen Denke und Verhaltensweise zu kennzeichnen. Eingelebte Routinen und vermeintliche Sachgesetze können nur bedingt als Ersatzreligion herhalten, sind daher immer brüchig, erfüllen aber eine gewisse Zeit lang die Funktion von “sozialem Kitt”. Der Begriff der Ideologie wäre zunächst ein neutraler: als Wissenschaft der Ideen, als Ideengeschichte. Erst Napoleon hat ihn so ausgedeutet, das darunter die (feindlichen) Interessen des Gegners verstanden werden, um sie politisch zu legitimieren. Auch Philosophie dient demnach als Legitimationsideologie.
Zum Ideologiebegriff gibt es eine gute Einführung von Jan Rehmann, erschienen im Argument-Verlag: http://www.argument.de/Shop/webitem.php3?Name=&Menge=0&Titel=in%20die%20Ideologietheorie
Zunächst einmal: Ein aufrichtiges “Dankeschön” an alle LinksparlamentarierInnen, die die Papstrede im Bundestag bewusst boykottiert haben. Auch wenn ich Abgeordnete wie Ulla Jelpke, denen der Ruch links-islamophiler QuerfrontstrategInnen anhaftet, in ihrer “Religionskritik” nicht ernst nehmen kann, waren die leeren Sitzreihen doch ein kraftvolles Zeichen des Anti-Papst-Protestes, das auch über die BRD hinaus nicht unregistriert geblieben sein wird. Beschämend dagegen Gysis Einlassungen, in Zukunft weitere Religionsführer (gibt es da eigentlich auch relevante “Religionsführerinnen”?) in den Bundestag einladen zu wohlen. Trennung von Religion und Staat? Nicht mit dem Linksfraktionschef!
Zwar steht Blochs “Prinzip Hoffnung” in der dreibändigen Suhrkamp-Taschenbuchausgabe seit Alters her bei mir im Bücherregal – “Naturrecht und menschliche Würde” von Ernst Bloch kenne ich aber nicht. (Nicht nur) Für alle Papst-Fans hier ein Link zu einem “Welt-online”-Artikel, der die päpstliche Berufung auf’s “Naturrecht” als Bekräftigung der päpstlichen “Haltung gegen Homosexualität und Abtreibung” interpretiert:
http://www.welt.de/kultur/article13622021/Gegen-alles-was-wider-die-Natur-des-Menschen-ist.html
In einer Partei mit solchen parteinahen Zeitungen wie der “junge Welt” sollte auch nicht vergessen werden, dass in Stalins Sowjetunion Homosexualität und Abtreibung unter Strafe gestellt waren. Und Maxim Gorkis Ausspruch “Rottet die Homosexuellen aus – und der Faschismus verschwindet!” müsste nur ein klein wenig, na ja “aktualisiert” werden, um sozusagen als linker Türöffner zu einem “Dialog mit der katholischen Kirche”, ach was zu einem “Dialog mit den Religionen”, dienen zu können. Ein Spruch wie “Bekämpft die Homosexualität und das Böse verschwindet!” wäre da doch eine gute Vorlage, fände sicherlich gerade bei vielen Altgenossinnen und Altgenossen in der Partei Zuspruch und dürfte den Papst, der als Josef Ratzinger im Jahr 2003 die rechtliche Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften als “Legalisierung des Bösen” bezeichnete, sicherlich erfreuen.
Der Meister will sein Spiel machen…
ab 0:22:15 Minuten “Die Pfaffen Baals aber…”
http://www.youtube.com/watch?v=G556nNeL9i8