Wahlkampfhilfe
Gut und schlecht liegen oft eng beieinander: Da beschert einerseits eine Umfrage der Berliner Linken weiche Knie, andererseits schneidet die Partei bei Wahlkampfexperten besonders gut ab. Laut Neuromarketinganalyse, die einen Abgleich zwischen beabsichtigten Polit-Botschaften und ihrer unbewussten aber für die Wahlentscheidung entscheidenden Wirkung ermöglichen soll, gelingt der Linken zumindest auf ihren Plakaten der „Spagat zwischen der ungewohnten Rolle als Regierungspartei und der sonst gewohnten kämpferischen Rolle als Oppositionspartei“. Damit in den letzten Wochen bis zur Wahl davon noch einige in Berlin ausgehängt werden können, kommt jetzt immer mehr Hilfe aus anderen Bundesländern. 10.000 Euro hat bereits die Brandenburger Linke den Hauptstadt-Genossen für den Endspurt zur Verfügung gestellt, aus Sachsen-Anhalt kommen 5.000 Euro und auch einzelne Kreisverbänden Helfen mit Spenden. Dem Vernehmen nach wird auch in weiteren Landesverbänden über konkrete Unterstützung nachgedacht. Die Berliner Linke muss im Vergleich zu 2006 mit 100.000 Euro weniger in der Wahlkampfkasse auskommen. Angesichts der sinkenden Umfragewerte (im Nordosten steht die Linke dagegen relativ stabil), verweist man in Brandenburg auf die „entscheidende Bedeutung“ des Ergebnisses „für die Gesamtpartei“. Das Abschneiden in der bisher rot-rot regierten Hauptstadt sei strategisch wichtig. Nicht zuletzt will man die Hilfe, im Übrigen nicht nur per Geld, sondern auch ganz praktisch vor Ort, als Signal verstanden wissen: Es gibt sie noch, die Solidarität in der Linken. (tos)
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Eine verheerende Niederlage koennte auf lange Sicht dem “Mitregieren-um-jeden-Preis!”-Fluegel der Partei, der sich stroemungsuebergreifend (!) aus Ost- wie auch Westkadern zusammensetzt, auf den Boden der Tatsachen zurueckholen und den Weg fuer einen Ausweg aus der Krise vorbereiten, weil dann einige Teile der Partei sich wohl einer Diskussion auf Augenhoehe nicht mehr verweigern koennen.
Vielleicht wird im Endergebniss die Linke fuer mich wieder waehlbar. Mal schaun.
Hut ab.
Lederer&Co üben sich ja nicht gerade in innerparteilicher Solidarität und erhalten diese. Zum Teil aus sehr eigennützigen Gründen aber eben nicht nur.
Es ist sicher gut gemeint, aber schade um das Geld. Soll Berlin noch mehr mit Pllakaten (kleinen und großen) zugepflastert werden? Will man dadurch Stimmen gewinnen? Wenn man an den Hauptstraßen 4-5 Plakate übereinander sieht an den Laternen, das nervt den Wähler. und motiviert ihn in keiner Weise.
Überall Pappnasen und grinsende Gesichter und Plakate, die kaum etwas aussagen.
Dazu erfasst unsere Partei ein Aktionismus , der auch nichts bringen kann.
Lasst uns in Ruhe wie geplant unseren Wahlkampf durchführen und dann wird man weiter sehen.Vielleicht ist es ja auch gut, mal wieder in die Opposition zu gehen, denn da die Kassen leer sind und immer noch mehr gespart werden soll, lässt sich linke Politik schwer durchsetzen.
@hanuska: woher nimmst du denn, das plakate gehängt werden sollen?… vielleicht geht es ja auch darum, die wahlzeitung in briefkästen zu bringen
Hallo Halina,
noch schlimmer. Ungebetene Briefkastenverstopfung ist mindestens genauso ärgerlich wie die Plakate.
Kleines Bonmot: Der BVG-Busfahrer meinte neulich: “Schade, dass da nur das Bild hängt”. Ich nickte stumm – so spricht ein Verbündeter.
Wen ich das hier so lese, scheint es ja einigen Freude zu bereiten, wenn DIE LINKE in Berlin eine Wahlschlappe einfährt. Mich persönlich entsetzt das. DIE LINKE wird nru dann stark, wenn wir in allen Bundesländern stark sind. Und deshalb freue ich mich über jede Wahl, bei der wir gut abschneiden, ob mir die Positionen des Landesverbandes nun alle gefallen oder nicht.
Am Ende geht es im Übrigen nicht nur um die finanzielle hilfe, die voraussichtöich für Großflächen eingesetzt wird, sondern auch um die praktische Hilfe vor Ort. Schon jetzt haben viele Brandenburger GenossInnen in Berlin und Mecklenburg Vorpommern im Wahlkampf geholfen und es werden noch viele folgen. Umd DIE LINKE stark zu machen und damit natürlich auch Eigeninteresse. Und es geht um innerparteiliche Solidarität, nicht nur, weil man die vielleicht selbst mal brauchen kann sondern auch, weil Solidarität immer auch motvierend und stärkend wirkt.
Und ganz ehrlich, die inhaltlichen Konflikte müssen wir angehen. Aber das schadenfroh auf dem Rücken der wahlkämpfenden Landesverbände auszutragen ist einfach schäbig.
@ Hanuska
Es gibt durchaus noch Kieze, wo weit und breit kein Plakat von uns zu sehen ist. Ob Du es nun glaubst oder nicht, die Leute fragen schon nach, warum das so ist und ob sich dieser Zustand noch ändert.
@linksman: wer keine werbung will, macht nen aufkleber auf seinen briefkasten… habe ich ansonsten richtig verstanden, dass es dir lieber wäre, wenn statt der plakate menschen hängen würden?…
@andrea
ich weiß nicht was Du liest und worüber Du persönlich entsetzt bist. Aber Freude über eine Wahlschlappe wurde nicht geäußert. Es wurde blinden Aktionismus festgestellt und mitgeteilt unter welchen Umständen mensch DIE LINKE wieder wählen würde.
@ Halina
Uns wurde mitgeteilt, dass für unseren Stadtbezirk noch zusätzlich 900 Plakate gedruckt werden und ich nehme an, für andere Stadtbezirke auch..
Wir haben unsere Plakate aufgehängt, haben sie im Blick und auch das Abhängen ist schon abgesprochen..
Da unsere BO nicht mehr jugendlich ist, war das nicht immer einfach.
(Leiter aufs Fahrrad, da man nicht immer mit Auto rankommt, dann ran an die Laternen, die besten waren schon besetzt)
@ Andrea
Wir machen keinen lahmen Wahlkampf! Habe schon an 3 Infoständen mitgewirkt, 2 kommen noch.Verteilten Infomaterial und Wahlzeitung.
Auch unsere Steckaktion ist bereits vorbereitet,der Brief vom Landesvorstand kommt noch und wir verteilen regelmäßig
eine selbst hergestellte Kiezzeitung.
Aber ich denke, damit sind auch unsere Möglichkeiten erreicht.
und ich möchte deshalb keinen weiteren Aktionismus.
Mindestens die Hälfte der Briefkästen haben Aufkleber “Keine unerwünschten Zeitungen”. Weiß noch nicht, ob wir uns darüber hinwegsetzen sollen.
Also, liebe Andrea sei nicht gleich entsetzt, aber man muss auch der Realität ins Auge sehen können., dass es vermutlich keine Rot-Rote Koalition geben könnte.
Ansonsten, Solidarität ist immer gut, ich vermisse sie zur Zeit in meiner Partei, die Grabenkämpfe nerven.und werden unerträglich.
@ Hanuska
Also damit Du gleich mal ein positives Feedback kriegst: Du hast mich gerade davon überzeugt, doch für Euch zu stimmen. Ich war zuletzt immer noch im Zweifel – ich meine, die Bilanz in Berlin ist ja nun wirklich… äh… also freundlich ausgedrückt: deutlich suboptimal. Dazu hat v.a. Theofried hier im anderen Berlin-Thread schon einiges geschrieben. Und mit den Piraten gibt es nun eine Alternative… also nicht aus taktischen Überlegungen wie Linksman oder Micha hätte ich erwogen, für die zu stimmen, sondern weil ich denen wirklich politisch was zutraue und sie mir außerdem trotz ihres frühen Stadiums viel mehr von teamfähigen Spielern besetzt zu sein scheinen als die doch ziemlich in vendettabesessene Clans zerfallene PdL.
Aber Du hast auch hier guten Wahlkampf gemacht… und daran erinnert, daß es neben den ganzen Strömungskämpfen an der Basis doch immer noch viele Leute gibt, denen es zuerst um die gemeinsame Sache geht und die sich dafür reinhängen.
Zudem – manche scheinen sich ja schlechte Ergebnisse für die beiden Ostverbände regelrecht zu wünschen. Aber man kann vorhersehen, was dann kommt, das ganze innerparteiliche Herumgepöbel und Intrigantenstadl wird ununterbrochen weitergehen. Die einen werden sagen: Die Realos im Osten haben’s vergeigt. Die andern werden antworten: Aber die Fundis haben’s sabotiert, mit Castro und Mauer und so… Allein wenn man dran denkt, daß nächstes Jahr dann die Frage des Parteivorsitzes ansteht, da schwant einem gar nichts Gutes. Es kommt einem das Lied der Cottbuser Band Sandow aus Wendezeiten in den Sinn, in dem es heißt: “Alte Männer tanzen um ein Ei, das sie gelegt/ Sie tanzen es kaputt wie dumme Gockel/ bis man sie erschlägt.” (O.K., die heutigen sind nicht so alt.)
Nicht daß halbwegs passable Wahlergebnisse für die PdL den Tanz aufhalten würden, aber schlechte würden ihn wohl noch besonders anfeuern. Die einen wollen in die Offensive, die anderen wollen Revanche… Hier im Netz ist es noch einmal besonders überzeichnet, aber selbst wenn man die medienbedingten krassen Amplitudenausschläge rausnimmt, dann ist es schon mehr als genug.
Gern würde ich ja sagen, dann trete ich Euch eben bei, und spätestens 2013 hänge ich dann auch Wahlplakate auf. Aber es ist hoffentlich zu verstehen, daß man, wenn man nicht ziemlich masochistisch veranlagt ist, bei Euch zur Zeit gerade nicht Genosse sein mag. Und ich bin leider nicht so optimistisch, was das Jahr 2012 angeht.
Aber meine Stimme sollt Ihr zumindest erst mal kriegen… aus alter Verbundenheit und aus Respekt für die Leute, die sich trotz der ganzen Grabenkämpfe in die Sache reinhängen. Vielleicht kann ich auch im privaten Umfeld noch ein bisserl agitieren… muß ja nicht so enden wie weiland beim Genossen Kosonosov…
Allerdings, das beste Argument für die PdL ist derzeit nicht, daß die PdL so klasse ist, sondern daß die Grünen solche Pfeifen sind…
Hallo Halina,
Smilie bemerkt?
Die von mir geschilderte reale Begebenheit kennzeichnet einen allgemeinen Verdruss an der immer wiederkehrenden Masche, mit den immergleichen Plakaten voll von Stimmenabgeifern mit LSD-Lächeln und grauenhaften Sprüchen, die verständlich machen, weshalb immer mehr Wahlbürger genervt abwinken.
Dreimal darf man raten, warum das NPD-Plakat über den dritten Aggregatszustand das einzige ist, worüber diskutiert wird…
@linksman: keine antwort ist auch eine antwort… und nicken ist eine zustimmung zu einer aussage… ich glaube ich habe richtig verstanden, danke für diese offenheit
Halina, was “Linksmann” oben beschrieben hat, deute ich eher als Hinweis darauf, dass man es inzwischen Leid geworden ist, vermeintlich inhaltsleere Botschaften einfach zu unterstützen. Das wurde auch in dem Beitrag von Hanuska deutlich, ohne deshalb die Solidarität bzw. die Identifikation mit linken Politikinhalten gleich aufzukündigen (ein Gedankenschritt, den ich kaum nachvollziehen kann, der aber – tos beschreibt es im Nachbarthread -, auch einer undifferenzierten Auseinandersetzung entspringt). Wenn nun ein Busfahrer, der als möglicher Wähler vorstellbar wäre -, darauf verweist, dass nur ein Bild dort hängt, so gebe ich ihm recht: ein Gesicht, ein dumm grinsende Visage, ist inhaltsleer und Ausdruck von Akklamation. Man soll nur Oberflächlichkeiten auswählen, die je nach politischem Lager und Milieu mal mit einem Doktortitel garniert oder mit einem weißen Hemd und Perlweiss-Lächeln serviert werden. Das mag bei autoritären Wählern ja noch ziehen. Es ist aber für einen an der Sache orientierten Wähler doch alles andere als interessant. Nun ist das aber kein spezifisches Problem des Berliner Wahlkampfs, sondern ein dauerhafter Konflikt jeder parlamentarisch-repräsentativen Demokratie (und in manchen Rätesystemen kann es zu einem solchen werden, wenn Herr XY oder Frau Z stellvertretend für die Kommune Y sprechen und also lächeln soll). Diesem Problem sollte man sich dennoch auch als LINKE stellen. Zwar nicht während eines Wahlkampfes, dessen Spielregeln man nicht bestimmt, sondern als Subjekt direkt ausgesetzt ist, aber permanent: vor und nach der Wahl, indem Angebote zur Diskussion unterbreitet werden. In diesen Diskussionen, themenbezogenen Workshops, kann dargstellt werden, wofür die LINKE eigentlich praktisch-alltäglich steht und wie wichtig es für eine Partei ist, auch nach einer Wahl reichhaltige Unterstützung zu genießen. Momentan macht man sich mit dem Schielen auf Umfragewerte selber zum Subjekt eines politischen Wahltheaters, dass es einige Genossen äußerst schwer macht, am Stand mehr als nur ein paar Floskeln zu dreschen.
Schade ist es insbesondere um jenes Spektrum, das aus begründeter Überlegung heraus, sich nicht für die Wahl entscheidet. Mit dem Schreckgespenst der “Politikverdrossenheit” macht man es sich als etablierter Parteipolitiker auch zu leicht, denn es gälte, Fragen zu beantworten, die jenseits der Parteienkonkurrenz bestehen und für die die LINKE ja durchaus einige Angebote im Programm machen kann: permanente Mobilisierung durch involvierende Politisierung, Basisdemokratie, dem Aufheben von Distanz zwischen Führung und Basis durch fortlaufende Verknüpfung in der Praxis und Kooperation mit außerparlamentarischen Bewegungen. Eine gewisse Politisierung der Stadt (Berlin) gehört im Übrigen auch dazu, weshalb ich für eine Verschärfung der Rhetorik eintreten würde.
@ Hanuska
Wenn Leute auf ihren Kästen bereits darauf verweisen, keine Werbung erhalten zu wollen, sollte das auch für eine LINKE gelten, die sich nicht den Leuten aufdrängen will, sondern – ich schreibe das ganz bewusst – sogar etwas über den Dingen steht und den Leuten als Zuflucht erscheinen muss. Als notwendiges Übel von mir aus, als Hebel und als Mittel um ihre prekäre Situation zu überwinden, aber auch als Plattform zum Ideenaustausch und theoretischen Durchdringung von Sachfragen. Beides wird m.E. zurzeit nicht angeboten, und schon gar nicht in der Form einer Gesetzgebungsmaschine, auch wenn konkrete Gesetze erforderlich sein mögen, um substantielle Veränderungen zu perpetuieren.
Nur, wer Werbung ablehnt – und die Wahlkampfheftchen sind nichts anderes als Werbung -, der feuert diese sogleich verärgert in den Müll und denkt dabei gar noch “Scheiß LINKE!” und entscheidet sich affektuell zur Nichtwahl. Plus: Wahlkampf und Werbung halte ich persönlich sowieso für sehr fragwürdige Instrumente der Parteipolitisierung, aber das verweist wieder auf das o.g. Problem einer repräsentativen Demokratie, die Beteiligung an inhaltlichen Fragen gar nicht will oder nur zu Zwecken der Akklamation und Symbolpolitik, aber nicht zur grundsätzlichen Transformation des Systems.
Calvados, Piraten und GRÜNE waren dir nicht wirklich gedankliche Alternativen, oder? Ich muss als Mitglied bei weitem nicht mit allem d’accord gehen, was die Organisation beschließ,t aber so eine gewisse Grundübereinstimmung besitzt man doch eigentlich unabhängig von aktuellen Themen, oder nicht? Vielleicht bin ich da in jungen Jahren auch schon etwas strukturkonservativ, wenn ich eine gewisse praktisch-weltanschauliche Solidarität “qua Amt” oder “qua Herkunft” einfordere.
Die Ärzte bringen’s auf den Punkt: http://tinyurl.com/3tj6ucw
@ Ignaz – “Piraten und GRÜNE waren dir nicht wirklich gedankliche Alternativen, oder?”
Die Grünen nicht, die führte ich nur deshalb an, weil sie in Berlin der andere realistisch denkbare Koalitionspartner der SPD sind. Wollte sagen: Es ist einfacher zu kommunizieren, daß die Grünen Mist machen werden, als daß die Linke jetzt plötzlich alles ganz toll machen wird.
Die Piraten wären schon eine Alternative, aber zumindest dieses Mal habe ich mich noch gegen sie und für die Linke entschieden.
Die Grundübereinstimmung mit der PdL ist gewiß größer, zumindest auf den meisten Politikfeldern… aber mir kommen doch zunehmend gewisse Zweifel, was die politische Handlungsfähigkeit der PdL angeht. Ein ideologisches Vereinsheim ohne politische Gestaltungsperspektive fände ich eh uninteressant. Aber gerade das Verständnis einer Partei als ideologische Heimat scheint mir mit dazu beizutragen, daß die divergenten Strömungen offensichtlich keinen Modus Vivendi finden können, der die Energien dann wieder auf außerparteiliche Handlungsrationalitäten lenkt. Irgendwie ist das vorpolitisch… wie gesagt, die Logik von Clans… Wenn die Piraten erst mal größer sind und in ein paar Parlamenten sitzen werden, dann wird sie das möglicherweise auch einholen. Pubertät sozusagen. Aber die Linke ist schon erwachsen, die sollte nicht mehr pubertieren.
Wahlplakate finde ich übrigens O.K., man zeigt damit eben im öffentlichen Raum etwas Präsenz. Ich betrachte sie oft sogar mit so einem gewissen Interesse am Design. Gut gemachte Plakate können das Stadtbild auch beleben. – Das mit den Zeitungen in mit “Keine Werbung” gekennzeichnete Briefkästen würde ich dagegen auch nicht machen. Briefkasten ist irgendwie schon sowas wie Privatsphäre, sollte man respektieren.
Calvados, was soll eigentlich an einem “ideologischen Vereinsheim” schlecht sein? Natürlich frage ich das auch rhetorisch, denn dir wird nicht entgangen sein, unter welcher Maßgabe ich die Leistungsfähigkeit von Parteien und auch die Mitgliedschaft in einer einschätze. Aber mal ganz allgemein gesprochen, laboriert die spätkapitalistische Gesellschaft doch auch daran, dass sie gar keine kohärenten Identitätsangebote mehr machen kann. Die “Freisetzung” des Individuums leistet einer gewissen Asozialität Vorschub, die man sich ja nur dank des enormen Kapitalwachstums und Produktivitätsfortschritts leisten kann.
Vice versa wehre ich mich dagegen, jegliche kollektive Aktion bereits als Vorstufe zum Totalitarismus und zur Entmündigung des Einzelnenen zu stilisieren. Im Gegenteil würde ich fragen, welchen Wert mitunter eine bürgerlich freie Existenz im hiesigen Laden eigentlich zu bieten. Freiheit der Wahl? Freiheit des Einkaufs im Supermarkt? Freiheit des Geldbeutels? Freiheit zu verrecken? Nun ja, eine gewisse Polarisierung der Rhetorik und der Debatte wünsche ich mir schon, da ich die einzelnen Felder der Gesellschaftsgesellschaft keineswegs als so postmodern und säkular einschätze und selbst dann glaube ich kaum, dass diese Welt sich in einem vollends aufgeklärten Rationalismus ergehen würde. Die politische Wahl bspw. ist ja auch Ausdruck empirisch endlicher Interessen und keinesweigs einer übergeordneten “Logik der Dinge”. Man wählt kleinere Übel und Organisationen sind Zweckverbände, die aber – warum eigentlich nicht? -, auch dazu diene können Freundschaften zu schließen, Solidarität und kooperatives Handeln auch auf der Mikroebene wieder einzuüben.
Jedenfalls ist der Rekurs auf politische Ideologie (hier durchaus im wissenssoziologischen Sinne einer Standortgebundenheit, aber nicht im marxistischen Sinne eines Fetischs) m.E. ein Konstituens, um eine zerbröckelnde Organisation wieder sozialmoralisch zusammenzuflicken und den Leuten darüber hinaus aufzuzeigen, dass es sich lohnt, für bestimmte Anliegen zu streiten. “Vorpolitisch” ist insbesondere die Verleugnung von Interessenkonflikten und das Lob des “anything goes”, weil diese liberale Wahlhandlungen eines mündigen Publikums verabsolutiert, aber Unterpriviliegierte, Arbeiter und Stigmatisierte ausschallt. Die Kritik des Vorpolitischen erfüllt damit selbst ideologische Funktionen und spielt einer Sozialphilosophie der Postdemokratie durch aus zu, von daher sollten wir das Vokubular vielleicht noch einmal dialogisch auseinandernehmen, denn ich heiße deine Absichten ja stets willkommen.
Nachtrag: Ich kann mit Wahlplakaten aus zwei Gründen nichts anfangen. Zum einen stellen sie ein Angebot gleich einer Warentheke dar, wonach man offensichtlich beliebig zwischen Hemd und Hose, SPD und CDU usw. auswählen könne. Es verweist also auf die Beliebigkeit der Wahl. (edit: natürlich weiß ich, dass auch im Wilhelminismus schon geklebt wurde und dies unter ganz anderen politischen Voraussetzungen, was mich zur ersten Differenzierung führt: die Loslösung einer Kritik am Wahlplakat von einer Kritik am Repräsentanten). Beliebigkeit wird dann unterstrichten durch die Auswahl von Köpfen. All dies wird adressiert an strukturell entpolitisierte Öffentlichkeit, die hier dann nur aufgrund von Oberflächen entscheiden muss: vielleicht sagt einem am Montagmorgen das Lächeln von Kandidat X zu, vielleicht könnte man am Freitag auch draufspucken.
Zur Kreativität: kreativ für mich ist die Aneignung der Wahlplakate durch manche Leute, die Floskeln und das dämliche Grinsen mit Kommentaren oder auch nur Retuschen versehen, um dadurch der Lächerlichkeit der Situation auch einen semiotischen Gehalt zu verleihen.
Die Kritik des Repräsentativsystems halte ich nach wie für notwendig und sehe in allen anderen Konstellationen nur lästige Krücken, die man wohl wird nutzen müssen, solang man dadurch nicht chronifiziert wird. Im Grunde, aber das hatten wir woanders schon angerissen, gehört eigentliche eine Parzellierung politischer Gemeinwesen her, u.a. eine Auflösung der Nationskonstrukte, keine Amalgamierung mit einem neoliberalen Block namens EU, sondern transnationale Dezentralisierung. Aber dazu müsste ich mehr schreiben und v.a. einige Grundlagen klären, was ich jetzt hier nicht leisten kann. Der politischen Wahl auf Basis des Parlamentarismus traut man doch sowieso nicht mehr viel zu; klar, die Mehrheitsbeschaffung soll noch funktionieren, aber dass du bspw. überlegst, ob du doch nicht eher PIRATEN wählen solltest, zeigt doch auch auf, dass eine gewisse Grundhoffnung noch immer in die fixe Insitutionenordnung projiziert wird. Nun, diesen gedanklichen Fehler machen selbst avancierteste Theoretikere, was wohl auch einem lebensgeschichtlichen Reflex geschuldet ist, wonach man Müll unbedingt selbst durchleben muss und wonach der kapitalistische Laden einem auch Verhaltensweisen aufnötigt (z.B. politische Partizipation “spielen”), die andernorts (“heute Firscher, morgen Kritiker!”) nur verlacht werden müssten. Aber natürlich mit Milde versehen würden, weil im Zeitalter des vollendigen Rationalismus selbst Heuchelei und Schadenfreude Tabu wären, weil man diese als bürgerliche Emotionen kritisiert und verworfen hätte. Aber jetzt gelange ich schon zu einer finalen Evolutionstheorie, etwas, das seinen Reiz nie verliert. Mir fällt Adorno ein: “Theorie ist bereits Praxis”, weil die gängige Theorie nur Verkrustung des Denkens beibringt, aber nicht Aufklärung über die eigenen Lebensgrundlagen (“als Scheußliche”, wie Thomas Bernhard hinzufügen würde): http://www.youtube.com/watch?v=Oh3fTSuVuqM&feature=related
@ Ignaz – “Die Kritik des Vorpolitischen erfüllt damit selbst ideologische Funktionen und spielt einer Sozialphilosophie der Postdemokratie durch aus zu”
Schön den Ball zurückgespielt, wirklich…
Aber… also “kohärente Identitätsangebote” brauch ich wirklich nicht, so als (imaginiertes) Individuum. – Vielleicht nicht ganz hundertprozentig passend, aber doch muß ich da an das Zitat von Karl Kraus denken: “Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selber.”
Später bei Gelegenheit mehr…
@ Ignaz, Nachtrag
Die Sache mit den Identitätsangeboten (die politische Organisationen, wenn ich Dich recht verstehe, jenseits aktueller Beteiligung am Repräsentativsystem auch leisten sollen) halte ich derzeit eher für einen Teil des Problems, zumindest bzgl. der Auseinandersetzung innerhalb der PdL – und tatsächlich wäre mir lieber, letztere würde etwas mehr nach der herkömmlichen Logik erfolgreicher politischer Organisationen funktionieren.
Wenn man die “Identitäten” (also die ganze symbolische Ebene) mal wegläßt, dann bleibt eine Auseinandersetzung um konkrete Ressourcen zur Erreichung konkreter politischer Ziele. Dann mag es um Posten innerhalb der Partei gehen, und natürlich um verteilungs- und machtpolitische Konsequenzen der eigenen Programmatik. Aber solche Konfliktlinien sind m.E. doch weitaus eher Kompromissen zugänglich, weil es da Aushandlungen innerhalb eines Kontinuums möglicher Entscheidungen geben kann (siehe etwa die hier gar nicht mehr diskutierte Frage Steuer- vs. Beitragsfinanzierung). Da das ganze aber noch so auf der Ebene eines mit massenhaft Symbolik aufgeladenen Streits konkurrierender “Identitäts”sucher stattfindet, kommt in starkem Maße diese in der Tendenz zerstörersche Unversöhnlichkeit hinein. In der Hinsicht sollte sich die Linke m.E. mehr ein Beispiel an der CDU nehmen, die ideologisch ja auch ziemlich heterogen ist, aber doch als Vehikel zur Durchsetzung sozialer Interessen der in ihr vertretenen Milieus recht effektiv (“ein flaches, aber breites Bassin”, schrieb mal irgendjemand).
Letztlich geht es mir ja nicht um die PdL an sich, sondern um den politischen und sozialökonomischen Zustand Deutschlands und Europas in, sagen wir, 15-30 Jahren. Und mein Leitbild hatte ich schon mal mit den Begriffen “egalitär & emanzipatorisch” zusammengefaßt: also soziale Gleichheit plus ein Maximum an Handlungsoptionen für den Einzelnen. Ich denke, der institutionelle Rahmen, in dem solches anzustreben wäre, ist nicht vom Weltgeist vorgegeben. Allerdings billige ich den Institutionen der Moderne, wie schon mal schrieb, da noch ein erhebliches Potential zu, durchaus auch dem Repräsentativsystem, das aber – und da stimme ich Dir zu – in seiner real existierenden Gestalt dringend reformbedürftig ist. Aber man kann es ja nicht zerbrechen und wegwerfen, sondern nur aus sich heraus umgestalten…
Die PdL interessiert mich also nicht als Identitätsangebot, sondern als… sagen wir… organisatorische Infrastruktur zur Durchsetzung progressiver Politikinhalte. Als Mittel zum Zweck. (Und da sie als Partei verfaßt ist, ist natürlich die parlamentarische Repräsentaton eine zentrale Aufgabe.) Was die Politikinhalte angeht, so glaube ich ja nach wie vor, daß ich – bei den mir v.a. wichtigen Politikfeldern (als da wären Wirtschaft, Sozialsysteme & Finanzen) – mit der Mehrzahl der Mitglieder und Sympathisanten der PdL da weit mehr übereinstimme, als das bei Grünen oder SPD der Fall sein könnte. – Bei letzterer freilich weiß man ja gar nicht, wofür sie steht. Mir kommt die SPD so vor wie eine reine Struktur, inhaltlich aber eine Blackbox, an die alle möglichen lobbyistischen Sonderinteressen wie Module von der Seite her andocken können. Das wäre dann freilich das andere Extrem und auch irgendwie ein abschreckendes Beispiel.
Calvados, im Grunde genommen sind wir ja in der Stoßrichtung doch recht nah beieinander, wobei ich die wechselseitige Versicherung jetzt nicht als “Gemütlichkeit” ausdeuten will, sondern als kommunikative Basis, auf deren Grundlage, einige institutionelle, organisatorische und vor allem programmatische Aspekte und Handlungsanforderungen formulieren kann oder könnte, denn eine Verstetigung der Diskussion ist uns aus diesem Forum heraus noch nicht gelungen. Insoweit will ich deinen Beitrag im Grunde auch nicht kritisieren, da ich meine Kritik ohnehin auf drei Ebenen ansiedeln wollen würden: 1) die Anerkennung systemimmanenter Anforderungen von Parlamentarismus, Werbung und Akklamation, um DADURCH kurzfristig graduelle/inkrementelle Besserungen für die “Have-Nots” und rechtliche Schranken durchzusetzen bzw. auszuhebeln oder zu implementieren; 2) die grundsätzliche organisationale Kritik an Form und Inhalt von politischen Parteien (wobei die LINKE dann nur den metaphorischen Hubschrauberlandeplatz bzw. die Startrampe darstellt, um eine neue Konstellationsstruktur herbeizuführen, die Prozesssoziologie sozialen Wandelns bietet dafür Kategorien; 3) die übergeordnete evolutionstheoretische Kritik an Binnensystemen und immanenten Handlungslogiken unter einem übergeordneten Telos der “Aufhebung der Politik”, ohne darin in eine neue Spekulation zu verfallen, sondern prognostische Aussagen und auch ideale Zielperspektiven zu formulieren (hier siedle ich auch erst das Identitätsthema an, da ich keine Binnenrationalitäten meine, sondern eher “Gesinnungsethiken” oder auch eine “Ausweitung der Handlungsmöglichkeit”, um eine progressive normative Integration gewährleisten zu können; hier könnte man entweder wie Habermas an den Idealen der bürgerlichen Aufklärung anknüpfen – was kontrafaktisch und soziologisch widersprüchlich, aber moralisch legitim wäre – oder aber eine Hypostase leisten, wonach nicht ein “kommunistischer Mensch”, sondern ein für alle bequemes Leben (“Das Bequeme Leben” als Eigenwort) die Zielperspektive ist. Ich würde hier auch an die Ideen eines “emanzipativen Erkenntnisinteresses” auch in den Wissenschaften argumentieren, dass sich von reiner Instrumentalisierung und Steuerung ebenso abgrenzt, wie es Wissenschaft nicht in Sippenhaft nehmen soll. Banal: ist nicht eine politische Ordnung vorstellbar, in der Wissenschaft und Kunst, aber auch Brot und Spiele NICHT unter den Imperativen und Verzerrungen der Medien “Macht und Geld” sowie der Kapitalakkumulation gibt? Dazu müssen wir kein Wolkenkuckucksheim insinuieren, sondern eine radikale Kapitalismuskritik formulieren.
Ach, und der Versuch eines LINKE-indymedia jetzt aktuell in MV scheint mir tatsächlich in einer jüngeren Zielgruppe ein Mittel, um eine eigene Öffentlichkeit zu erzeugen. Mal ehrlich: wer will sich schon noch durch einen drögen Moderator mit den immergleichen Standard(personal)fragen herumplagen (im Fernsehen 1.0 bleiben ja nur Muting-Taste und Off-Schalter)? Man müsste einen solchen Schwarzen Kanal verstetigen.
Und klar: es geht hier nie um einen Selbstzweck (kein “Lob der Partei”, wobei Brecht das auch anders meinte, eben inhaltlich-programmatisch und nicht apotheotisch), sondern zumindest mir um das oben skizzierte Panorama, durchaus auch aus Eigeninteresse, denn ein finanziell bessergestelltes Publikum reagiert strukturell freundlicher, weniger Konflikte kulminieren in Öffentlichkeit und Familien, der Binnenkonsum stimuliert Selbstorganisation und Beschäftigung vor Ort und stärkt neben lokaler Infrastruktur auch das moralische Klima, schaffte neue Rekreationspotenziale und ggf. auch das knappe Gut “Zeit” zwecks politischer Bildung und Schulung, denn die Pauperismus-These ist obsolet.