Auf dem Prüfstand
Das Neue Deutschland hat ein Buch herausgegeben, das sich mit der Frage beschäftigt, wie die Linkspartei, vormals die PDS, sich ihrer eigenen (Ost)Geschichte stellt. Die Parteivorsitzende Gesine Lötzsch hat als Herausgeberin Texte zusammengetragen, die in den letzten gut 20 Jahren in der Zeitung erschienen sind. „Alles auf den Prüfstand!“ heißt das Buch, und dieser Tage hat der ehemalige Linke-Vorsitzende Oskar Lafontaine im ND eine Besprechung dazu veröffentlicht. Darin stellt er fest, dass die Linke nur einen glaubwürdigen Zukunftsentwurf vorlegen kann, „wenn sie die Geschichte und vor allem die Irrtümer des Sozialismus“ aufarbeitet. Sie müsse „immer wieder die Frage stellen, warum im Namen einer großarteigen Menschheitsidee … so viele Verbrechen begangen wurden“.
So weit, so gut. Was Lafontaine dann allerdings zum Besten gibt, zeugt von einem gründlichen Missverständnis des Stalinismusbegriffs. Da man davon ausgehen kann, dass Lafontaine es eigentlich besser weiß, handelt es sich wohl um ein gewolltes Missverständnis – Lafontaine stellt den Stalinismus in Zusammenhänge, in die er nicht gehört. Als Vorlage dafür dient ihm die Stalinismus-Rede von Michael Schumann auf dem SED/PDS-Sonderparteitag im Dezember 1989. Lafontaine nimmt Schumanns Thesen, die nicht nur nach seiner Ansicht „klar und unmissverständlich“ formulieren, was unter Stalinismus als System zu verstehen ist, um sie auf die heutige Gesellschaft, den Kapitalismus, anzuwenden. Heraus kommt bei dieser Übung etwa die Anmerkung, dass die zentrale Steuerung der Wirtschaft „ohne Verständnis für elementare Bedürfnisse der produktiven und sozialen Bereiche der Gesellschaft“ (Schumann) heute eher auf die Finanzindustrie zutreffe. „Die politische Entmündigung der Bürger und die Kriminalisierung Andersdenkender“ sieht Lafontaine genauso im Radikalenerlass der alten BRD und in der heutigen Beobachtung der Linken durch den Verfassungsschutz. Und so weiter. Entweder Lafontaine findet die direkte Entsprechung stalinistischer Auswüchse im Kapitalismus, oder er findet die daraus zu ziehenden Lehren heute nicht mehr groß der Rede wert, weil die Umstände andere sind.
Das Ganze ist nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ geschrieben. Lafontaine meint ohnehin, dass die Notwendigkeit der Aufarbeitung des Stalinismus den Mitgliedern der Partei im Westen „nur noch schwer zu vermitteln ist“. Das dürfte ein Irrtum sein – zumindest der Teil der Westlinken, der aus der kommunistischen Tradition kommt, hat hier durchaus ein ureigenes Thema. Und auch für die anderen gehört der real existierende Sozialismus nun mal zur Parteigeschichte – anders ist die vereinte Linke nicht zu haben. Es geht auch nicht – wie Lafontaine gleich zweimal behauptet -, darum, stalinistische Fehlentwicklungen „einer kleineren Partei im parlamentarischen Regierungssystem“ zu verhindern. Das ist eine so platte Behauptung, dass man sie Lafontaine nicht abnehmen möchte. Es geht bei der Stalinismusdebatte (Stalinismus als System) um Lehren aus der Vergangenheit für die Frage, wie eine künftige Gesellschaft ein künftiger Sozialismus nach Meinung der Linken aussehen sollte – und wie eben genau nicht.
Das alles weiß Lafontaine natürlich, und man fragt sich, warum ein so kluger Mann eine so billige Polemik entfaltet – zumal am Beispiel einer so klugen, grundsätzlichen Rede wie der von Michael Schumann. Man darf bezweifeln, dass Schumann mit dieser Interpretation seiner Worte glücklich wäre. Zumal Lafontaines Argumentation ein Seitenhieb innewohnt: Er relativiert die Bedeutung der Geschichtsdebatte in der Linken, auf die der Reformerflügel im Rahmen der Programmdebatte großen Wert legt. Die Kritik am Stalinismus als System so gründlich und absichtsvoll zu missdeuten (und parteitaktisch umzudrehen, indem man kritikwürdigen Zuständen heute einfach das Etikett Stalinismus aufklebt), dürfte dem Anliegen von Michael Schumann nicht gerecht werden. (vk)
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….gut, daß wir nicht mehr in der Epoche des Stalinismus leben, sondern nur noch in der des medienbewegten Personenkultes… Da haben argumentative Taschenspieltricks à la Lafontaine eher harmlose Auswirkungen.
“Das alles weiß Lafontaine natürlich, und man fragt sich, warum ein so kluger Mann eine so billige Polemik entfaltet”
Na ja. Wir reden hier ja vom so genannten “Napoleon an der Saar”, dessen Landesverband vor allem durch undemokratische Satzungsänderungen bekannt ist und wo der Landesparteitag eher eine Art Abnickgremium für Vorstandsbeschlüsse zu sein scheint. Man mag von Lafontaine halten, was man will, aber er ist sicher nicht die Person, von der ich einen großen Wurf in Sachen innerparteiliche Demokratie erwarten würde.
Ich denke, dass Lafontaine den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Die Wähler erwarten von uns nicht den Kampf gegen ein Gesellschaftsystem, das seit über 20 Jahren Geschichte ist, sondern sie erwarten eine Auseinandersetzung mit den Misständen der Gegenwart. Und wir müssen uns da ganz ehrlich eingestehen, dass wir in den letzten Monaten eher von anderen getrieben wurden als dass wir selbst treibende Kraft waren. Vor diesem Hintergrund ist der Lafontaine-Artikel wichtig. Wir müssen wieder in die Offensive kommen.
Ansonsten denke ich, dass dieser Artikel gerade bei der ostdeutschen Basis sehr gut ankommen dürfte, und dass die ohnehin schon starken Forderungen nach einer erneuten Kandidatur Lafontaines für den Parteivorsitz jetzt noch zunehmen werden.
Schumanns Rede war der erste Schritt, neue Wege zum demokratischen Sozialismus zu suchen.
Die Aufarbeitung des DDR-Versuch blieb dann auf diesem Niveau stecken.
Lafontaine hat da bisher nie wesentliches beigetragen. Manch andere Strömungen, die das tun könnten und sollten, allerdings auch nicht.
@ Sebald:
“Die Wähler erwarten von uns nicht den Kampf gegen ein Gesellschaftsystem, das seit über 20 Jahren Geschichte ist, sondern sie erwarten eine Auseinandersetzung mit den Misständen der Gegenwart.”
Genau. Und deswegen erwarten sie ganz bestimmt, dass wir den Missständen der Gegenwart durch ein Gesellschaftssystem begegnen, das seit über 20 Jahren Geschichte ist (inklusive Saarländer an der Spitze) …
Schattenboxen gegen stalinistische Gespenster ist natürlich viel bequemer und Staatsräsonkonformer als den realexistierenden Kapitalismus herauszufordern. Das deckt sich 1:1 mit Michael Wendls (Vors. KV München) Menschenrechtskampagne für den Nazi-Terroristen Martin Wiese. So waren ja auch dessen Vorgänger wie Hitler und Göhring bedauernswerte Opfer des Stalinismus. Man möge den Hartz4-Empfängern, Arbeislosen und Hungerlöhnern verzeiehn, daß sie keinen Bedarf an Antistalinismus haben und den regierungslinken Elfenbeinturm nicht um Rat fragen, was man denn tun könne gegn die Gefahren des Stalinismus im Alltag.
Lafontaine hat vollkommen recht.
Ich (Wessi) hatte einst CDU-nahe Geschichts- und Sozialkunde-Lehrer, die das damalige osteuropäische Wirtschaftssystem cholerisch als “Kommandowirtschaft” geißelten.
Was heute EU-Bürokraten Portugals und Griechenlands Bevölkerung per Brüsseler Federstrich verordnen, was ist das anderes als Kommandowirtschaft?
Beides wurde der darbenden Bevölkerung als “alternativlos” kredenzt. Und man wundert sich, warum das Volk nicht jubelt…
@Sebald,
@Linksman,
geschichtsvergessener geht’s sicher nicht mehr. Wie wird da die Zukunft aussehen, die Sie bauen wollen/können (?), Ich will sie besser nicht kennenlernen.
@ Linksman,
Ihr “Wessisein- Outing” wär’ jetzt nicht nötig gewesen
….-ismus die Zweite:
Antisemit-
Stalin-
Was kommt als nächstes?
Wer nicht klar definiert, wovon die Rede ist, betreibt in der Tat “Schattenboxen” (Chris Sedlmair).
Der Begriff “Stalinismus” umschreibt ein pseudosozialistisches Partei- und Gesellschaftsmodell, das nur aus seinen historischen Entstehungsbedingungen zu erklären ist: Aufgabe der Geschichtsforschung. Unsere Aufgabe als Partei heute ist, die richtigen Konsequenzen aus dem Desaster des irrealen Sozialismus zu ziehen, das heißt unter anderem auch, autoritäre, bürokratisch-zentralistische Denk- und Handlungsweisen zu überwinden.
Dazu trägt Oskar in seiner Rezension leider wenig bei; stattdessen setzt er beispielsweise die Praxis der Berufsverbote in der BRD in Bezug zum Stalinismus, was unterm Strich eine skandalöse Verharmlosung stalinistischer Verbrechen darstellt. Da wurden Menschen/Genossinnen/Genossen nicht nur beruflich diskriminiert, sondern handfest ermordet.
Absurd auch die Paralle zwischen “Kommandowirtschaft” und Herrschaft des Finanzkapitals. In Talkshows läßt sich mit dieser Art von Argumentation vielleicht punkten, wirklich fundiert ist sie nicht.
Wer glaubt die Linke wird im Osten bisher noch deutlich mehr gewählt als im Westen – dies würde an den netten Kandidaten hierbei uns in Osten liegen… was soll man dem sagen?
Es liegt zum großen Teil daran das die Leute im Osten sich nicht so einen Bären aufbinden lassen über die böse böse Nachkiegs-Vergangenheit.
Vieles an der Hetze gegen die DDR war überzogen und klammert den kalten Krieg aus. Noch gibt es eine gewisse Anzahl von Mitbürgern im Osten die sich ein halbwegs reales Bild machen können. Die Gehirnwäsche funktioniert allerdings immer besser und was da so an “Jugend” nachkommt… Dank Verblödungsmedien und Schul-Geschichtsverdrehung lässt für die Zukunft eine Abnahme der Wählerschaft auch im Osten befürchten. Na ja – und der Fds tut ein übriges die Linke unatraktiv zu machen.
Ich bin jedenfalls überzeugt davon – niemand braucht sich im Osten toller zu fühlen weil er mehr Stimmen als sein West-Kollege erringt. Sein persönlicher Anteil daran ist schwer festzustellen – der regionale Vortei NOCH sehr groß.
Jens Raabe
Potsdam Mittelmark (schon immer Ossi)
Im Saarland,in Wallerfangen lebend ,40 Jahre SPD gewählt -wegen
“uns Oskar..”
weiss ich heute,gerade im 5:2 BSchK-Verfahren den Saar-Linke-
Parteiausschluss “überlebt”,daß Oskar Lafontaine KEIN kluger Mann ist.
Klug in der -zutreffenden-Analyse der Mechanismen des Großkapitals.
der Konzerne,aber dann gleichzeitig nicht in der Lage,im eigenen
Wahlkreis für demokratische Wahlen zu sorgen,alle Wahlen hier im
Kreis 66740 Linke Saarlouis sind manipuliert worden bis hin zum Verschwinden gesamter Wahlunterlagen,Kritiker werden beseitigt,nicht die Ursache der Kritik,Macht und Stimmen -% werden zum Fetisch,genauso und teilweise schlimmer wie bei der CDU und der Krater zwischen Ost und West-Linke wird verleugnet,der Osten hat die DDR-Strukturen satt bis zum Erbrechen,hier an der Saar wird an der 2.ten DDR gebastelt,anstelle 20 Jahre Neues Deutschland
zu analysieren .-das ist ja weit weg in Berlin !- hätte Lafontaine das
eigene Haus zu reformieren,entweder er will nicht-oder er kann nicht,
der Fall von Rethorik zu Polemik erfolgt rasch,der freie Fall im Westen mit erbärmlichen 3 % in NRW und Hessen ist der Eisberg,gegen den das Schiff Lafontaine gelaufen ist,aber der Kapitän liest der Mannschaft lieber” Neues Deutschland “vor.
Wo -Neu ???Wir erleben hier die alte DDR-Kaderjustiz ohne freie Meinung,mit Maulkorbbeschlüssen und Beseitigen der Bundessatzung!Die Linke Saar bringt die Bundeslinke ins Abseits.
Und das muss gestoppt werden:Durch die Wahrheitr -die Ära Lafontaine ist vorbei,da helfen keine Talkshows bei Maischberger mehr,wenn die Wähler eine 3 %-Quittung erteilen.Im Westen.
Der Osten zeigt die wahre,die demokratische Linke.
@ Chris Sedlmair
Wieder so ein Buch, das keiner kauft und das man irgendwann auf Parteifesten massenhaft bei der Tombola gewinnen kann.
Oskar Lafontaine biedert sich mit dieser “Geschichtsinterpretation” bei den ewig gestrigen in der Partei DIE LINKE an. Mit seinen Leuten in der SL und Mitstreitern aus der KPF und der AntikapLinken plus diversen Trotzkisten wird mit demagogischen Phrasen ein Zweckbündnis im Kampf für die innerparteiliche Dominanz von Alt-SPD und Gewerkschaftskadern gebaut. Dank Rechtsstaatlichkeit sind das die heutigen Stalinisten in der weich gespülten Fassung!
Hallo Wittich,
was spricht dagegen, dass man von Zeit zu Zeit Geschichte neu bewertet?
@ Linksmann: Weil die DDR nun mal nicht gut gewesen sein darf, der Wittich hat in seinem Elfenbeinturm alles so schön darauf ausgerichtet, daß die DDR böse war und Stalin kleine Kinder gefressen hat. Und wenn dann einer von außerhalb der Gummizelle kommt und von Arbeit, Wohnung und Versorgung für alle in der DDR erzählt, dann kann das bei labilen gemütern schon für erhebliche verwirrung sorgen: http://www.scharf-links.de/90.0.html?&tx_ttnewspointer=1&tx_ttnewstt_news=17568&tx_ttnewsbackPid=56&cHash=1670e8975c
@wittich: ein Baum ohne Wurzeln,…fällt um. Bumm
Was die SED über den sozialismus erzählte, war defizitär, was sie über den Kapitalismus, Imperialismus sagte, war überwiegend stimmig, damals. In den letzten zwanzig Jahren gab es natürlich neue Entwicklungen und Anpassungen und moderner Kriege, und und…
Wir können wohl nicht die SED für in Haftung nehmen, dass linke Berufspolitiker heute den existenziellen Herausforderungen der Zeit nich gewachsen sind, denn von der SED wolln’se ja nix mehr wissen…
@Theofried der XXXVII.
Richtig. Und die Rosa Luxemburg Stiftung hat das Buch noch finanziell gefördert…..
@chris sedlmeier: wie witzig soll denn das sein, ” das Stalin kleine Kinder gefressen hat”. Er hat Millionen Kindern zu Waisen gemacht, sie als Kinder von ” volksfeinden” zu hunderttausenden in Waisenhäuser gesteckt. Hunderte, die von ihren Müttern in Gulags geboren wurden, sind verhungert.
Ich muss meinen Zorn unglaublich zügeln, aber soviel Menschenverachtung ( die auch Verachtung von 1million ermordeter Kommunisten) bedeutet, ist schwer auszu halten. Nein Oskar hat einen Staudamm geöffnet, an dem die Linke noch sehr lange arbeiten wird müssen….
Eine notwendige Erwiderung:
Die Erklärung im Wortlaut
Manchmal sind es die scheinbar kleinen Texte, die ein Fass zum Überlaufen bringen. Und manchmal verbergen sich in solchen Texten auch große Provokationen. Eine solche Provokation hat Oskar Lafontaine unserer Partei mit seinem als Rezension präsentierten Kurzaufsatz zum Thema DIE LINKE und ihr Verhältnis zum Stalinismus als System aufgebürdet.
Eigentlich wollten wir uns auf die Kraft der programmatischen Debatte verlassen und die für den Programmentwurf gefundenen Kompromisse produktiv machen – sie nicht gegeneinander wenden.
Weiterlesen: http://www.neues-deutschland.de/artikel/203265.eine-notwendige-erwiderung.html
“Antiamerikanismus, Israel-Obsession, Gemeinschaftsideologie, Geschimpfe gegen gierige »Eliten« – alles inklusive im Angebot des Spitzenkandidaten. Lafontaines Projekt 8 Prozent hat erstaunliche Ähnlichkeiten mit Möllemanns Projekt 18″
QUELLE (c) DIE ZEIT 23.06.2005
http://www.zeit.de/2005/26/Spr_9fche
@Frank Heinze:
Ja, nur was willst Du mit dem Zeit-Artikel von 2005, als die Hetze ihr Allzeit-Hoch erreichte, eigentlich zum Ausdruck bringen?
- Das Bedürfnis, sich in die Ecke zu stellen und zu schämen?
- Daß die Zeit ganz prima mit Toten (dem rechten Riesenstaatsmann Mümmelmann) auf Lebendige werfen kann und trotzdem für ein Qualitätsmedium gehalten wird?
- Daß eine Lüge oder einseitige Darstellung tausendmal wiederholt für viele subjektiv schon zur Wahrheit wird?
- Daß die andere Seite nicht gehört werden muß und man sich trotzdem wie der größte Demokrat vorkommen kann?
- Daß Joffe und Lau der Wächterrat sind, der zu bestimmen hat, ob eine Linkspartei genehm ist?
Fragen über Fragen… Eine weitere noch: Warum ausgerechnet dieser Link Freitag Abend 20:20 Uhr? Tut’s da nicht ‘ne Kneipenschlägerei?
@Frank Heinze:
PS. Bei dem ND-Link verstehe ich ebenfalls nicht so recht, was da der Grund zur Aufregung ist. Lafontaine vergleicht die beiden Systeme knapp und eher oberflächlich, der dennoch berechtigte Schluß könnte sein: Nur weil man sich mal wieder als Teil der Funktionselite dünkt, ist der Kampf um eine lebenswertere und humanere Welt nicht (abermals?) obsolet geworden. Die aufgeregten Reaktionen, die Beschwerde darüber “abgekanzelt” worden zu sein (wo nimmt man diese Kränkung eigentlich her?), lassen vermuten, daß die Unterzeichner der Erklärung das vielleicht genauso aufgefaßt haben…
Mit einem anderen Punkt hat Lafontaine auch Recht: Noch so sehr mit dem Stalinismus gebrochen zu haben, wird die Partei nicht vor dem Stalinismus-Vorwurf schützen, sobald sie linke Politik macht. Der Bruch ist wichtig, aber ein Kniefall gebührt sich vor den Opfern des Satlinismus und nicht vor den bürgerlichen Sachwaltern der aktuellen globalen Krisen und humanitären Katastrophen.
@Michael
Über Formulierungen und andere Aspekte von Äusserungen lässt sich trefflich streiten, wqas dennd ie richtige Interpretation ist.
Aber diese Äusserungen steht ja in einem Handlungskontext – und der ist die aktuell vorgesehene Satzungsänderung, bei der zum ersten mal ein Primat der Partei über ihre Mitglieder eingeführt werden soll (nämlich Rügen – und zwar Rügen/Verwarnen eben nicht als Begnadigung gegenüber einem erfolgreichen Ausschlussantrag, sondern als eigenständiges Sanktionsinstrument).
Wenn es eine solche real existerende Antragspraxis gibt, dann gilt es eben diesen Kontext zu beachten. und da sind Lafontaines Äusserung schon als Stellungnahme zugunsten dieser angestrebten Satzungsverschärfung zugunsten der Partei und gegen ihre Mitglieder zu lesen. Ansosnten müsste man einem erfahrenen und kompetenten Politiker wie Lafontaines Naivität und mangelndes politisches Gespür unterstellen. Und letzteres will ich nicht.
Ausführlich habe ich versucht, Lafontaines Umkehrung von Michael Schumann hier zu wiederlegen: http://oberhof.blog.de/2011/07/26/lafontaines-stalinismus-verharmlosung-teifpuntk-dr-de-moralisierung-linken-11546718/
Eine Lektüreempfehlung: “Weisse Flecken” in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung [von
Hermann Weber , gibts preiswert antiquarisch.
2. Endlich traut sich mal jemand gegen OL anzustinken. Bislang hielten sich noch viele in der Deckung, vermutlich ua. deswegen weil OL immer für ein oder zwei Prozentpunkte bei Wahlen mehr gut war.
Gerade Linken-Mitglieder aus sozialdemokratischen Organisationen, aus Gewerkschaften und/oder den verschiedensten Kleingrüppchen, haben sehr viel Grund, ihre eigenen Denk- und Verhaltensmuster einer selbstkritischen Prüfung zu unterziehen. Auch ihre politische Sozialisation begann nicht erst 1989 oder mit Gründung der neuen Partei. So mancher schleppt da einen Rucksack mit sich herum, in den er schon lange nicht mehr hinein geschaut hat. So ist es sicher kein Zufall, dass der Wunsch, unliebsame Mitglieder in DER LINKEN auch satzungsmäßig verankert stärker sanktionieren zu können, eben genau aus Lafontaines „saarländischem Gäärtche“ kommt. Freunde und Anhänger von Marx21 oder anderer kleineren Grüppchen stellen sich nicht die Frage, warum ihre Politik bei Jungsozialisten oder attac gescheitert ist. Viele heutige Funktionäre oder Mandatsträger kommen gar nicht auf die Idee, ihren Umgangsstil mit der breiten Parteibasis kritisch zu hinterfragen. Sie machen das, was sie schon immer taten: Unter Funktionären im Hinterstübchen die Politik auszuhandeln.
Vor diese Hintergrundfolie gestellt, wird die vermeintliche Buchbesprechung zu einem Freispruch der unsäglichen Streitkultur des „Durchmarschs aufs Zentrum“, eben des Beutemachens. Man muss es nicht „Stalinismus“ nennen, aber ein kleiner Stalin steckt da schon drin.