Wäre, hätte, könnte
Gegen das einstige RAF-Mitglied Inge Viett wurde Anklage erhoben, und die Welt berichtet darüber, als ginge es vor allem um die Linke. Viett hatte auf der von der Jungen Welt veranstalteten Rosa-Luxemburg-Konferenz im Januar gesagt, wenn Deutschland Krieg führe, sei es legitim, Bundeswehrausrüstung abzufackeln, die Rüstungsproduktion zu sabotieren, zu streiken, Betriebe zu besetzen und vieles mehr. Ganz ähnlich äußerte sie sich in einem Text für die Junge Welt. Das ist über vier Monate her, aber nun hat es juristische Folgen: Viett wurde wegen des Aufrufs zu Gewalttaten angeklagt. Was es so lange zu ermitteln gab, bleibt das Geheimnis der zuständigen Behörden, denn laut Medienberichten beruft sich die Staatsanwaltschaft auf neun Brandanschläge auf Fahrzeuge der Bundeswehr und ihrer Dienstleister aus den Jahren 2009 und 2010. Diese Liste zusammenzustellen dauert gewiss keine vier Monate, auch nicht die Formulierung der Behauptung, Viett habe mit einschlägigen Äußerungen bei möglichen Gesinnungsfreunden die Bereitschaft geweckt haben, solche Taten zu begehen.
Was das mit der Linke zu tun hat? Eigentlich nichts – außer der Tatsache, dass auf der Konferenz im Januar neben Inge Viett beinahe auch Linke-Chefin Gesine Lötzsch auf dem Podium gesessen hätte. Deshalb verbreitet sich das Springer-Blatt in dem Viett-Artikel erst einmal ausführlich über Lötzsch und ihren Auftritt auf der Konferenz, der dann nur ein Soloreferat wurde, in dem sie über Wege zum Kommunismus gesprochen hatte. Dass Lötzsch dabei keine glückliche Figur abgab, dass die Sache von den Medien ausgewalzt wurde, dass sie schließlich zum Wahlkampfthema wurde – all das wurde ausgiebig erörtert. Der Welt-Kollege bedauert aber offensichtlich immer noch, dass Lötzsch bei den nun inkriminierten Äußerungen Vietts nicht anwesend war, und malt das Bild deshalb in um so bunteren Farben aus. Es setzt Lötzsch wenigstens nachträglich und virtuell noch einmal aufs Viett-Podium, um zu beschreiben, dass dann der Schaden für die Linke “noch größer gewesen” wäre, dass dieses Szenario hätte “zum Super-GAU für die Linke werden können” usw. Wäre, hätte, könnte. Seinen Ausflug in die wunderbare Welt der Konjunktive beendet der Autor mit der Verkündigung, dass Viett mit ihren Thesen nicht nur die antikapitalistischen, antiimperialistischen und kommunistischen Zirkel der Linken begeistere, sondern auch “zahlreiche DDR-Nostalgiker in den Ostlandesverbänden”. Irgendwo im Text fällt dann noch das Stichwort innerparteiliche Meinungsbildung, und schon hat man Eindruck, man befinde sich mitten in der Programmdebatte. Dazu fällt einem dann nur noch der Konjunktiv-Klassiker ein: Wenn die Katze ein Pferd wäre, könnte man damit die Bäume hochreiten. (wh)
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Inge Viett hat recht. Wenn die BRD meint, Krieg führen zu müssen, muss über wirkungsvolle Sabotageformen nachgedacht werden.
@Linksman: Willst Du eine neue RAF gründen? Man weiß ja, wo das endet: im Knast. Außerdem gewinnt man mit Terrorismus keine Sympathien für linke Ideen in der Bevölkerung, auch deswegen war die RAF gescheitert.
Seven Laser
von Terrorismus war bei Linksman nicht die Rede!
Kasernen blockieren – Militär-Flughäfen auch… und vergleichbare Aktionen wären möglich, brächten Bewegung und Aufmerksamkeit. Allerdings gehn die Herrschaften lieber zum Kirchentag und sitzen dort seit an seit mit den Kriegstreibern. Auf deutsch… man kriecht denen in den Arsch und lamentiert darüber das die Grünen das schöne Thema Atomausstieg besetzt haben. Und und und…
Andere Themen wie die Demonstrationsbewegungen in Spanien und Griechenland werden auch gleich komplett verschlafen. Das in den letzten drei Wochen um die vierzig unbewaffnete Demonstranten an der Israelischen Grenze geziehlt abgeschossen wurden…scheint auch spurlos an der Parteiführung vorbei zu gehen. Themen zu hauff um sich zu positionieren!
Aber still ruht der See und Nabelschau ist angesagt…
Jens Raabe
Die Bundeswehr: Eine Armee, die Kinder an Gewehre lässt?
http://tinyurl.com/67gd87l
Hmm, Sabotage oder Kindersoldaten made in Germany – was ist schlimmer?
@ laserman
Interessant, wenn auch nicht wirklich überraschend, das hier von Ihnen das aktuelle “demokratische “Credo endlich mal ausgesprochen wird:
Sand ins Getriebe streuen, Sabotage am kapitalistischen Räderwerk, ob an der verschärften Ausbeutung, der Plünderung des Rest-BRD-Sozialstaats durch korrupte verfassungsfeindliche Verbrecher, die jetzt ganz unverblümt selber in den Regierungen sitzen, oder an der neuen militaristischen Geostrategie, kann vom neuesten Typus des “Linkssozialdemokraten” überhaupt nur noch als Terrorismus gedacht/vorgestellt werden.
Außerparlamentarischer Widerstand=Terrorismus, so schön hat man endlich die Staatsschutzpropaganda und die mediale Bewußtseinsformung verinnerlicht, dass alles andere als eine bürgerliche Politkarriere schon einer “neuen RAF” verdächtig sei.
Wo man doch, genau wie die Grünen seit den Achtzigern, es besser weiß als dieser desillusionierte Proletenpöbel, wo man ganz andere, “konstruktive-kritische” und vor allem nicht über Podiumsreden, Parlamentsdebatten und Kerzenhochhalten hinausgehende Wege zu beschreiten auf dem Plan hat.
Was bekanntlich sehr geholfen hat, dem postmodern optimierten Kapitalismus durch Mitmachen, durch konstruktiv-kritische Diskurse, begleitet von entrüsteter Bedenkenträgerpose, ein menschlicheres Antlitz zu verpassen, und so, wenn schon nicht dessen Kreise zu stören, wenigstens dem Protagonisten selbst ein reines Gewissen zu machen, irgendwie schließlich ja doch dagegen gewesen zu sein, wenn man irgendwann vor der Himmelspforte um Einlass begehrt.
Wobei übrigens diese vorauseilende Denunzierung (natürlich immer der Anderen, die nicht in den Startlöchern Richtung “kritisch-bejahendes Ankommen” stehen) auch der späteren Alimentierung durch den ach so tränenreich bejammerten Menschenschinderstaat ganz förderlich sein kann.
Wenigstens eine gute Nachricht zu Pfingsten:
Birgit kommt frei.
http://tinyurl.com/6fo4omv
Schöne Feiertage!
@ Linksman,
Bei seiner Entscheidung habe der Senat berücksichtigt, “dass sich die Verurteilte in deutlicher Form von der RAF losgesagt und ihrerseits die persönliche Verantwortung für die von der damaligen RAF begangenen Straftaten übernommen hat”, erklärte das OLG.
Nun, wenn Sie ihre Fehler bereut und nun präventiv tätig werden will, kann man die Bewährung durchaus begrüßen. Ob allerdings 18 Jahre Haft für mehrere Morde als Sühne ausreichen?
Jedenfalls sind auch Linksterroristen lernfähig, wie das Beispiel “Revolutionäre Zellen” zeigt. Diese haben auch deutlich ihren Antisemitismus eingestanden und sich letztendlich davon getrennt. Aber halt erst, als ein schwuler Kampfgenosse von palästinensischen Mitkämpfern massakriert wurde.