Gott und die Welt
In Dresden beginnt der 33. Evangelische Kirchentag und dass es sich dabei um ein zuvörderst politisches Ereignis handelt, hat unter anderem diese kleine Vorgeschichte gezeigt: Im sächsischen Landtag wurde darüber gestritten, ob und wie viele Veranstaltungen die konfessionelle Megaveranstaltung im Parlament abhalten darf. CDU und FDP lehnten eine übermäßige Inanspruchnahme durch die Kirche ab – wohl weniger aus laizistischer Überzeugung. Die Liberalen sprachen es offen aus, ihnen ist Programm und Referentenliste des Kirchentags offenbar zu links. Zwar pappt überall das Religiöse drauf, sonst aber liest sich die Agenda tatsächlich wie die einer Attac-Konferenz. Die 33. Ausgabe des Kirchentags ist den großen Krisen gewidmet, es geht um Wachstum, Umwelt, Klima, Finanzmärkte. Dass das ein Umfeld ist, in dem die Linkspartei Anknüpfungspunkte findet, verwundert da nicht. Am Stand der Rosa-Luxemburg-Stiftung treten Politiker der Partei auf, es gibt einen Empfang der Fraktionen und auch ein „Linkes Seminar zum Kirchentag“.
Das wird bei einige ein paar alte Reflexe stören, wirft aber eine durchaus neue Frage auf: Die Linke und die Kirche – geht da was? Nach all der Geschichte? Und bei all der Gegenwart? Wegen oder trotz einer Glaubensorganisation, die ihre Beschäftigten in Sonderrecht hält und staatliche Privilegien beansprucht? Das Thema Linkspartei und Kirche ist in den vergangenen Monaten ein wenig aufgelebt. Einerseits, weil die Partei um eine Reihe von parlamentarischen Initiativen streitet, in denen es unter anderem um die Staatsleistungen und das kirchliche Arbeitsrecht. Ein Antrag zu letzterem ist unlängst im Bundestag in erster Lesung behandelt worden – und es gab laute Kritik aus den eigenen Reihen daran. Auch die religionspolitischen Passagen im Programmentwurf haben zu einigen Diskussionen geführt. Und wenn im Herbst der Papst die Bundesrepublik besucht, wird die Linke erneut gefordert sein, sich in einem politischen Umfeld zu positionieren, das spannungsreich ist: zwischen laizistischem Anspruch und religionspolitischer Toleranz, zwischen echter Kooperation und falscher Rücksichtnahme, zwischen Glaube und Vernunft liegt ein Feld, auf dem Agnostizismus auf Aberglauben trifft, auf dem linke Christen mit atheistischen Linken streiten werden. Um Gott und die Welt.
Sebastian Prinz: Die Linkspartei und die Kirchen – hier
Religionsfreie Zone auf dem Dresdner Kirchentag – hier
Kirchentagsblog der Luxemburg-Stiftung – hier
Bodo Ramelow, der einmal religionspolitischer Sprecher der Bundestagslinken war und gewissermaßen das pro-religiöse in der Linkspartei Lager anführt, hat vor ein paar Tagen in der Sächsischen Zeitung einen kleinen kursorischen Text dazu veröffentlicht. Es geht dabei unter anderem um „das Zusammendenken von sozialistischen und christlichen Werten“. Das hat eine gewisse Tradition, die allerdings wegen der doppelten Vorgeschichte der eine geteilte ist. Im Osten ist das Verhältnis zur Kirche eher von dem schwierigen Verhältnis zwischen SED-Administration und Glaubensorganisationen gekennzeichnet, also durchaus retrospektiv bestimmt. Im Westen verlief die Geschichte anders, wofür nicht zuletzt das Beispiel des hessischen Landtagsabgeordneten Ulrich Wilken stehen kann, der in den achtziger Jahren Generalsekretär der „Christen für den Sozialismus“ war. Neben Geschichte und Partnerschaft bildet schließlich die Frage nach dem Verhältnis von Staat und Kirche einen dritten Ankerpunkt der religionspolitischen Debatte bei der Linken. Womit wir wieder beim Evangelischen Kirchentag wären, der zur Hälfte aus öffentlichen Geldern finanziert wird. Wogegen es allerbeste Argumente gibt. (tos)
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ich will an dieser stelle nur darauf hinweisen, dass herr sebastian prinz im handbuch des linksextremismus geschrieben hat… ob er also wirklich vorurteilsfrei und wissenschaftlich an das thema rangeht, stelle ich mal in frage.
@halina: ich habs gelesen und der aufsatz – in der zeitschrift “deutschlandarchiv” – beginnt gleich erst einmal damit, dass prinz den pauschalen vorwurf zurückweist, die linke hätte immer noch keine klare aussage zu “40 Jahren DDR-Verfolgung der Kirchen” formuliert. ansonsten tauchen die namen wawzyniak, sharma und ramelow ziemlich häufig auf … und zwar ziemlich nüchtern wissenschaftlich. so gesehen: ruhig und vorurteilsfrei lesen!
Habt ihr Langeweile? Gibt es keine anderen Themen, mit gesellschaftlicher Relevanz?
DDR-Verfolgung der Kirchen? Verfolgung der DDR-Kirchen!
Besser und realistischer wäre aber: Versuchte Einbettung.
Und heute: gelungene Einbettung.
@sorbus: wer ist nochmal die instanz, die entscheidet, was “gesellschaftliche relevanz” hat? und wo muss man da anfragen? schriftlich?
@tos
Die Ansprüche an wissenschaftliche Arbeit sind vermutlich unterschiedlich. In der Tat findet sich mein Name häufiger in dem “Dossier”. Abgesehen von dem – zutreffenden – Hinweis, dass Halina und ich uns im Alternativen Programmentwurf dafür ausgesprochen haben, dass DIE LINKE sich in ihrem Grundsatzprogramm auch zu dem in der DDR begangenen Unrecht gegenüber Kirchen und Gläubigen bekennen sollte (siehe dazu auch mein Minderheitenvotum), finde ich die Behauptung des Verfassers, ich hätte mich mal für und mal gegen die Ablösung der Staatsleistungen ausgesprochen, irreführend. Der vermeintliche Widerspruch lässt sich nämlich insofern wirklich ganz leicht auflösen, als ich selbstverständlich fordere, den seit 1919 bestehenden Verfassungsauftrag (!) zur Ablösung der Staatsleistungen endlich umzusetzen, wir aber im Alternativen Programmentwurf das Ziel einer Gesellschaft beschreiben, in der dies bereits geschehen ist. Wer diesen Unterschied nicht erkennt, ist entweder kein sorgfältiger Leser oder er verfolgt eine bestimmte Absicht mit der Darstellung. Wissenschaftlich ist beides nicht, und neutral schon gar nicht. Gleiches gilt für das Etikett “Kirchenfeind”, das der Verfasser mir (und anderen) Laizismus-Befürwortern in der LINKEN aufdrückt. “Kirchenfeind”. Ich achte Gläubige wie Nichtgläubige und sehe die Kirchen ganz gewiss nicht als Feind. Ich habe allerdings auch sonst kein instrumentelles Verhältnis zu den Kirchen. Und deshalb sehe ich meine Rolle als religionspolitischer (nicht: kirchenpolitischer) Sprecher der Bundestagsfraktion auch nicht darin, “Transmissionsriemen” zu den Kirchen zu sein; ich wüsste auch nicht, wer mir diese Rolle “zugedacht” haben sollte, wie es im Fazit bei Herrn Prinz heißt. Dass ein “Experte” in Sachen DDR und SED aber genau diesen Begriff verwendet, finde ich beachtlich und, soweit es den Anspruch von wissenschaftlicher Unvoreingenommenheit betrifft, auch verräterisch – gilt doch der Versuch, die Massenorganisationen, Kirchen und Gewerkschaften zu “Transmissionsriemen” der Partei in die Gesellschaft zu machen, als einer der zentralen Vorwürfe an die SED der 1950er Jahre. Meine Politik ist das nicht.
Hier nochmal das Fazit von Sebastian Prinz zum Nachlesen – ruhig und vorurteilsfrei:
“Wenn sich die gegen die Kirchen gerichteten Positionen, wie sie der religionspolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag Raju Sharma vertritt, innerparteilich durchsetzen sollten, dürfte sich daran wohl auch nichts ändern. Die ihm zugedachte Funktion als “Transmissionsriemen” zu den Kirchen wird Sharma so sicher nicht erfüllen können.”
Immer wieder die selben Namen die für innerparteilichen Stunk stehen…
Kommunismus darf man nicht mehr ansprechen aber an Kirchentagen teilnehmen und “Der Glauben ist in den Herzen der Menschen” im Parteiprogramm eintragen wollen.
Was ist blos aus unserer Partei geworden?
Jens Raabe
Potsdam Mittelmark
@sorbus und tos: wer die instanz sein soll? natürlich der liebe gott!
@Jens Raabe: Um mal korrekt und im Zusammenhang aus dem alternativen Programmentwurf (http://tinyurl.com/4xy8m92) von Wazyniak und Sharma zu zitieren: “In dieser Gesellschaft hat Gott einen Platz in den Herzen der Menschen, die an ihn glauben, nicht aber in der Präambel des Grundgesetzes. In dieser Gesellschaft ist das Bekenntnis zu glauben – oder nicht zu glauben – in jeder Hinsicht freiwillig.” Klingt schon ganz anders als bei dir, oder?
@raju sharma: dass ansprüche an wissenschaftliche arbeit unterschiedlich sind, vermute ich auch. wenn das aber heißen soll, in diesem fall würden diese nicht erfüllt, müsste man erstmal darüber reden, welche man ansetzt. leute! es ist ein deutschlandarchiv-aufsatz, was erwartet ihr? lob? zu den begriffen “kirchenfeind” und “transmissionsriemen” ließe sich viel diskutieren, ansonsten bleibe ich aber dabei: als darstellung über religionspolitische positionen ist das brauchbarer als mancher text, der aus den reihen der lnkspartei selber kommt. abgesehen davon: wer den kirchen öffentliche zahlungen streichen will, weil er (zu recht) meint, für diese gebe es keine grundlage (mehr), vertritt was? genau: eine gegen die kirchen gerichtete position. was ist mit kirche gemeint? kulturelle gemeinschaft, apparat, ihre mitglieder? hier fangen unschärfen an, die aber doch in diesem prinz-text weit geringer ausfallen als in den zehn letzten “studien”, die ich über die linkspartei gelesen habe. abschließend noch zu wissenschaftlichkeit: fehler sind mist, absichtliche fehler sind politik. aber ‘ne meinung dürfen auch die anderen haben, sogar die unwohlgesonnenen. oder? denn objektive wahrheiten kennt man doch eigentlich nur bei sed und kirche.
wh
“In dieser Gesellschaft hat der Glauben einen Platz in den Herzen der Menschen.” aushttp://www.bodo-ramelow.de/fileadmin/bodoramelow/Dokumente/Programmaenderung_Kirche_Religion.pdf
soviel dazu!
@tos
“wer den kirchen öffentliche zahlungen streichen will, weil er (zu recht) meint, für diese gebe es keine grundlage (mehr), vertritt was? genau: eine gegen die kirchen gerichtete position.”
Das ist mir dann doch zu einfach. Der Verfassungsauftrag, den ich umsetzen möchte, heißt doch übersetzt: Du, Staat, hast eine Hypothek bei der Kirche laufen. Sieh zu, dass Du eine Regelung schaffst, wie Du die abbezahlst.” Das ist doch nicht gegen die Kirche gerichtet. Ich weiß, dass es Leute gibt, die sagen, dass
a) die Hypothek nie rechtmäßig begründet war, (und hilfsweise bzw. oder)
b) durch die Jahrhundertelangen Zahlungen längst beglichen ist.
Sicher würden manche der Leute, die diese Auffassungen vertreten, sich selbst auch als Kirchenkritiker bezeichnen. Ihre Position begründen sie aber mit rechtlichen und/oder fiskalischen Argumenten, mit denen man sich zunächst einmal vorurteilsfrei auseinandersetzen sollte. Der in der Bundestagsfraktion erarbeitete Gesetzesentwurf jedoch macht sich diese Auffassung nicht einmal zu eigen, sondern geht von einer fortbestehenden Ablöseverpflichtung aus. Für mich steht dabei auch gar nicht das Geld im Vordergrund, sondern der – insoweit auch in unserer Verfassung postulierte – Anspruch einer Trennung von Staat und Kirche. Auch das ist doch nicht feindlich. Man muss gar nicht unbedingt in explizit laizistische Staaten (wie Frankreich) blicken; auch In den USA gehört die Trennung von Staat und Kirche zum politischen Selbstverständnis und doch würde niemand auf die Idee kommen, dass dies kirchenfeindlich wäre. Diese Art der Verflechtung von Staat und Kirche ist ein urdeutsches Phänomen. Diese zu lösen, heißt nicht zwangsläufig, alle Verbindungen zu kappen. Nur wer gehen kann, kann auch bleiben.
@raju sharma: d’accord. aber “kirchenfeindlich” schreibt auch prinz nicht (außer mit verweis auf e. baba). eure (m.e. richtige) posiition zu den staatsleistungen bleibt dennoch “gegen die kirche gerichtet”, weil davon deren interessen tangiert werden. wenn die linke teils positive rückmeldungen hat, was die frage der ablösung angeht, dann bleibt unter dem strich trotzdem: die bekommen weniger geld. apropos ablösung: hier wäre doch zu fragen, ob der gesetzentwurf nicht schon jenen kompromiss vorwegnimmt, den man später hätte politisch erzielen können.
@tos: Stimmt. Damit wollte ich uns eigentlich genau die Vorwürfe ersparen, die nun doch kommen. Das hat offenbar nicht geklappt.
Beim nächsten Gesetzentwurf gehe ich dann radikaler heran – mal sehen, was dann passiert …
@Jens Raabe: Auch bei Ramelow ist der Kontext offensichtlich: Der Glaube hat seinen Platz in den Herzen der Menschen (die das wollen, könnte man hinzufügen) – und nicht woanders. Nicht in staatlichen Institutionen, nicht in der Schule … Ist doch eine korrekte linke Position, oder? Man kann höchstens darüber streiten, ob das so wichtig ist, dass es im Parteiprogramm stehen muss. Aber wenn man bedenkt, dass gut zwei Drittel der Menschen in Deutschland einer Religion angehören, wenigstens formal, und nur ein knappes Drittel offiziell konfessionlos ist – dann ist es kein Randthema und ein paar Sätze vielleicht doch wert.
Komme grad vom ersten tag des Kirchentages: du kannst entweder der Liebe dienen oder dem Mammon, das ist hier allgegenwärtig, hier wird gefeiert gestritten, ja und es sind noch viele veletzungen der christen aus der ddr-zeit zu spüren… Aber es geht um eine andere welt. Um solidarität statt profit. Es wird fröhlich gesungen. Sich mut zugesprochen und ja brüder (und schwestern) in eins nun die Hände gereicht. Was ich hier im blog lese, kommt von einem anderen stern. Ist nicht so tragisch. In dresden arbeiten und feiern vier Tage lang 120.000 dauergäste aus ganz europa, daran, andere schätze als geld und gold anzuhäufen. Die karawane zieht weiter, bei attac-kongressen, auf revolutionscamps in madrid und anderswo, zur zeit auch in Dresden.
und das projekt der Hoffnung, das vor 6 jahren auch so vielen engagierten Christen mut machte, vekriecht sich immer mehr im elfenbeinturm.
wh
von Kommunismus steht in unserem Programmentwurf kein Wort mehr…überhaupt geht das Geschreie los wenn ein Linker dieses “Unwort” in den Mund nimmt (!)…aber über Gottglauben soll was mit Herz im Parteiprogramm stehen?
Das dies einem nicht unerheblichen Teil in der Linken aufstößt – da wir uns an eine Position von vorgestern anbiedern – scheint unerheblich.
Ich hab gerade im Fernseher unseren kriegstreibenden Außenminister auf dem Kirchetag mit der Hand ein Herz formen und beten gesehen. Seit an seit mit Wulff und sonstigen Konservativen. Wer biedert sich dort vor Ort wieder an? Die Linke!
Wulff hat in seiner Rede wie immer die DDR runter gemacht weil ja hier und heute nichts zu kritisieren ist. Mit Halleluja wurde dann an Nächstenliebe und Gottvertrauen appeliert und mir als linken fällt dazu nur ein… Kirchen unterstützen Weltweit das Kapital!
Was ist nur aus unserer Partei geworden?
Jens Raabe
PS: das Projekt der Hoffnung, die Ökumene der Linken, die Überwindung der Spaltung, in der NEUEN LINKSPARTEI, das verkriecht sich – immer weiter entfernt vom Lebensgefühl der Menschen, und deshalb mit der Missachtung durch immer schlechtere WählerInnen -Zustimmung gestraft, immer weiter in den Elfenbeinturm…..
Och Mathis, solche Beglückungs-Events hatte ich früher auch einmal, da hießen sie UZ-Pressefest. Danach geht es zurück in den Alltag, dann ist von dieser von dir geschilderten Kirche nicht mehr viel zu sehen und zu spüren.
Was die Linkspartei anbetrifft haste Recht!
Als Humanisten und Sozialisten sollte einem die Trennung von Kirche und staat schon “am Herzen” liegen; also d.h. die Ausübung der Religion geschützt durch Art. 4 Grundgesetz ist Privatangelegenheit, der Gesetzgeber gewährt die freie Religionsausübung, die Kirchen, sind auch Träger öffentlicher Belange und haben entsprechende Mitspracherechte u.a. in den Rundfunk-Räten und bei der Ausgestaltung und Umsetzung der Sozialfürsorge, sie sind Träger von Kitas, Schulen und Jugendhilfe,… sie sind dabei dem Allgemeinwohl verpflichtet -wie die öffentliche Verwaltung- sie gehören in diesem Sinne zu den Trägern der Daseinsvorsorge, die staatl. Institutionen und Behörden müssen die Arbeit und Gesetzmäßigkeit der Ziele dieser kirchlichen Organisationen kontrollieren. Hier liegt die Aufgabe der Partei-Programmatik der LINKEN, sich zu positionieren, inwiefern sie diese öffentliche Funktion der Kirchen unterstützen, fördern oder begrenzen wollen.
Die persönliche Religionsausübung sollte hierbei überhaupt kein Thema sein.
Dass die Realität schon ein Problem ist, hat die Durchsetzung der CDU-Staatdoktrin bei dem Neuaufbau der Leipziger UNI-Kirche gezeigt. Hier wurde die Kirche instrumentalisiert durch die Staatsregierung und umgekehrt. Politische Einbettung der Kirche und Symbiose auf höchstem Niveau.
Ach ja, Wulff ist ein abstoßendes Beispiel für diese Symbiose, war/ist Kuratoriums-und Fördermitglied von “Pro Christ” dieser missionarischen evangelikalen Erweckungsbewegung, die mit live-Video-Übertragung ihrer Veranstaltungen bis in die letzten ostdeutschen Dörfer hinein aufgefallen ist…
Och Mathis, solche Beglückungs-Events hatte ich früher auch einmal, da hießen sie UZ-Pressefest. Danach geht es zurück in den Alltag, dann ist von dieser von dir geschilderten Kirche nicht mehr viel zu sehen und zu spüren.
Was die Linkspartei anbetrifft haste Recht!
Lieber Mario,
Ja den Vergleich mit UZ-Pressefesten und den Festivals der Jugend habe ich selber auch gezogen.
Aus folgenden Gründen sehe ich gravierende Unterscheide, vor allem was die Rolle der organisierten Linken betrifft.
Kirchentage und UZ-Pressefeste sind beide auch Kinder des 68er Lebensgefühls, dass einen Teil der SPO der SDAJ und DKP in die Scheune spülte. Wader, Wecker, Süverkrüp, die Bots, Maria Faranturi, Quliapayun und so viele andere, heizten uns ein AUF AUF ZUM KAMPF ZUM KAMPF und wir waren selig, lernten neue Mädchen oder Jungens kennen und einmal haben wir sogar an einem Tag 50 Mitglieder für die DKP geworben, ach und die Funktionäre haben uns dafür beschimpft, dass wir die revolutionäre Partei jetzt aufweichen, Gedanken, die ich 30 Jahre später noch im Norden Brandenburgs hörte,wenn wir offensiv Mitglieder für die LINKSPARTEI warben.
ABER: wir warben mit grandiosem Enthusiasmus für ein immer schlechter werdendes Produkt: den sowjetischen Staatsozialismus, Biermann-Ausweisung, Afghanistan-Einmarsch, und so vieles andere machte alles wieder zunichte, was wir grade aufgebaut hatten. Wir selbst waren mit unserer Selbsttäuschung noch lang nicht am Ende, aber es wurde immer schwerer. Danach kam die Niederlage des Staatssozialismus , die Öffnung der Archive, auch die Kirchentage wurden unpolitisch.
Es hatte schon vorher der 30-jährige Krieg des Neoliberalismus begonnen. Geiz ist geil, jeder seines Glückes Schmied, der Markt wird es richten. Das ist die Situation in der heute hier nicht nur gesungen und getanzt wird, sondern auf über 2000 Veranstaltungen diskutiert wird, dass und wie eine andere Welt möglich ist. Und das nicht bei Unterdrückung der Informationen über Menschenrechtsverletzungen in der DDR und UdSSR, sondern im vollen Wissen darum.
Nicht der Profit sondern der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, die Liebe, die Solidarität – das ist der Gesit dieses Kirchentages, ähnlich wie der ATTAC-Kongress, letztes Wochenende. wer heute die Diskussion über Grenzen des Wachstums hörte, von der Sigmar Gabriel sich drückte, und einen eher hilflosen Hubertus Heil vorschickte, aber an sonsten Sven Giegold, Niko Paech, Angelika Zahrndt, und Ulrich Brand auf hohem Niveau über die Frage, welche Konflikte und welche Kräfte bringt die sozial-ökologische Transformation, der fühlte sich bestenfalls in eine Rosa-Luxenburg-Konferenz versetzt, aber mit 10 x soviel Teilnehmern, und der kann getrost das schwerfällige Feilschen der Strömungen beim LINKEN-Parteiprogramm vergessen, denn die Bewegung zieht längst weiter.
Was bleibt, ist deine persönliche Erfahrung, dass “die Kirchen” im Alltag so sind, wie sie sind, und nicht so links wie auf Kirchentagen. Na klar, sonst wären wir schon weiter in Deutschland. Aber nirgendwo ist Gesellschaft so links in so grosser Vielfalt als auf diesem Kirchentag, das ist mein Erleben: und selten ist die LINKE so nichtpräsent unter Linken, wie hier. Das mag auch am besondern militanten Atheismus der alten SED-Zeit liegen. Ein gefährlicher Luxus ist es allemal.
wenn hier @jens Raabe schreibt: die Kirchen sind weltweit auf der Seite des Kapitals, ist das zwar aus dem Munde europäischer Linker nicht neu, aber dennoch grottenfalsch. Die Linken Bewegungen Lateinamerikas und Afrikas sind ohne Theologie der Befreiung nicht denkbar. Aber manche haben einfach soviel Verletzungen von Pfaffen oder Religionslehrern erlebt, dass sie den Rest des Lebens traumatisiert über dies Thema reden. Sei’s drum.
Ist ja niedlich, daß “der Glaube” im Herzen wohnen soll… Tatsächlich ist dieser ominöse Glaube eine Form des Denkens, und die Kirche steingewordene Macht. Herz-Jesulein-Gesänge lenken regelmäßig davon ab, daß es bei der Institution Kirche vor allem ums Geld geht.
@Mathis:
Ich geb dir in fast allem Recht. Als Atheist in der in der vierten Generation habe ich schlicht das Problem, dass ich Kirche und Gott nie auch nur annähernd gebraucht habe weil das alles in meiner Nähe wirklich nie stattgefunden hat. Da ich also auch nie drunter gelitten habe, sondern mich im Gegenteil durchaus auch in diesen Kreisen bewege, beschäftigt mich wirklich einzig die Frage, warum kluge und gebildete Menschen diese Kirchen so vehement unterstützen (der Glaube sei hier außerhalb der Diskussion). Jens Raabe hat nicht Unrecht: Die Kirchen sind wohl auf der Seite des Kapitals (obwohl mir diese Formulierung etwas zu viel Schublade ist). Die Gläubigen sind es aber nicht. Und ich frage mich immer, warum gebildete Menschen diese Organisationen unterstützen in denen so ein Widerspruch besteht. Kirchen sind nämlich auch Organisationen die die Rechte ihrer Angestellten mit Füßen treten, die Menschenteile in Gold packen und durch die Gegend tragen, die Not und Elend brauchen um ihre Idiologie aufrecht zu erhalten. Das gehört zusammen. Ich habe noch nie verstanden, warum Schwule Männer eine Kirche beklagen die sie nicht will. Es gibt meiner Meinung nach für so gut wie alle weltlichen Aktivitäten der Kirchen – ja sogar für die spirituellen – meiner Meinung nach weltliche Alternativen. Und die Veranstaltungen heißen “Kirchen”-, nicht “Gläubigen”-Tag.
Das die Linkspartei auf ganzer Linie versagt ist unbestritten und hat mich nun u.a. auch zum Schlussstrich bewogen. Ich tret halt aus, wenn die Widersprüche zu groß sind.
Hier noch eine nette Kirchentags-Schelte.diesmal nicht von LINKEN sondern der FAZ, deren Autor den Kirchentag eine Unterorganisation der PDS nennt. Der hat wenigstens das Programm gelesen, wie “tos” ja auch( s.o.)
Link: http://nachrichten.t-online.de/kirche-und-linkspartei-partei-mit-angeschlossenem-esoterikbetrieb/id_46964178/index
@Mathis Oberhof: Ich war auch auf dem Kirchentag und gebe dir vollkommen recht. Vor allem in dem:
“PS: das Projekt der Hoffnung, die Ökumene der Linken, die Überwindung der Spaltung, in der NEUEN LINKSPARTEI, das verkriecht sich – immer weiter entfernt vom Lebensgefühl der Menschen, und deshalb mit der Missachtung durch immer schlechtere WählerInnen -Zustimmung gestraft, immer weiter in den Elfenbeinturm…..”
Aber es trifft wiederum auch nicht auf die ganze LINKE zu. Ich war mit der Rosa Luxemburg Stiftung da, und das war richtig spannend. Einiges von den Eindrücken und Erlebnissen findet man auf dem Kirchentagsblog der RLS.
Haupsächlich will ich aber etwas zu den letzten beiden Sätzen im ursprünglichen Artikeln von “tos” schreiben:
“Womit wir wieder beim Evangelischen Kirchentag wären, der zur Hälfte aus öffentlichen Geldern finanziert wird. Wogegen es allerbeste Argumente gibt.”
Ich bin überzeugt, dass solche Zusammenkünfte von Menschen, die sich in die Gesellschaft einbringen, wichtig sind und vom Staat gefördert werden sollten. Ansonsten müssten sie endgültig dem Kommerz verfallen oder könnten gar nicht stattfinden. Für mich ist das Problem daher nicht, dass der Verein, der den Kirchentag organisiert, Geld vom Staat bekommt. Mein Problem ist, dass andere, ebenso wichtige Veranstaltungen das nicht bekommen. Mir fällt da zum Beispiel das Sozialforum in Deutschland ein. Viele andere ließen sich nennen.
@andreas: zur Finanzierung bin ich ganz deiner Meinung. Einen ausführlicheren Bericht habe ich hier geschrieben: http://oberhof.blog.de/2011/06/11/linke-hoffnung-christen-glaube-eindruecke-33-evang-kirchentag-dresden-11299149/
DIE LINKE wäre gut beraten ihr Programm mit Blick auf die globale Bedeutung von Religionen gründlich zu überdenken und zwar mit Blick auf deren progressives Verändeurngspotential für
a) die soziale(n) Fragen
b) ein menschenwürdiges Leben
c) den Erhalt der Erde als von Menschen bewohnbaren Planeten.
Bemerkenswert: DIE LINKE ist gegen den “Islamismus”, gegen die antiislamische Propaganda, aber wofür ist sie zum Beispiel mit Blick auf die Millionen Muslime in Deutschland? Ist deren vordringliches Problem der islamische Religionsunterricht in der Schule, wie einige Vertreter es mit der Budnesregierung verhandeln?
Es gäbe für DIE LINKE schon heute Partener unter den Muslimen, siehe http://www.schura-hamburg.de/index.php?option=com_content&view=article&id=46&Itemid=60
DIE LINKE sagt – in der Schule sollen die Menschen über die Relgionen unterrichtetw erden – ja, aber “Religionsunterricht” gehört in die Gemeinden. Die Mehrzahl der Muslime in Deutschland ist negativ von der “sozialen Frage” betroffen, die Bildunsgerfolge liegen 50% unter dem Durchschnitt der nichtmigrantischen Kinder und Jugendlichen.
Aber weder die Partei, noch Rosalux hat bisher für das Thema “Soziale Frage und Muslime” ein offenes Ohr.
Die Bundes-AG sollte sich in BAG “Religiöse Sozialisten” umbenennen, weg vom einseitigen Bezug auf das Christentum.
Linke sollten beginnen, sich zu fragen, ob es stimmt, dass Religionen stets antiaufklärersich und antiemanzipatorisch wirken.
Religionen sind überflüssig und die Linke sollte “neutral” sein aber sie NICHT fördern.