Charité: der 2. Tag
Der Streik an den drei Standorten des Landesunternehmens Berliner Charité zeigt gewisse Wirkung. Am Mittwoch sollen die Gespräche zwischen Vorstand und Gewerkschaften wieder aufgenommen werden. Pflegepersonal und Servicekräfte wollen beim zweitgrößten Arbeitgeber der rot-rot regierten Hauptstadt aber vorerst weiter streiken. Sie fordern eine Anhebung der Gehälter um rund 300 Euro und einen Tarifvertrag für die Tochter CFM. An einer Demo hatten am Dienstag rund 2.000 Beschäftigte teilgenommen. Fortsetzung des Berichts eines streikenden Kollegen:
Die Probleme der Kollegen am Campus Benjamin Franklin bleiben bestehen. Die Intensivstationen werden von ärztlicher Seite mit Patienten belegt, so dass es weiter eine pflegerische Besetzung geben muss. Aber immerhin hat die Streikleitung wohl Probleme, Kolleginnen für diese Stationen zu finden. Denn die Schwestern wollen in ihrer Mehrheit streiken, so berichteten es jedenfalls Kollegen von den Intensivstationen des Steglitzer Klinikums. Andere haben die Erfahrung gemacht, dass es durchaus gute Absprachen mit den ärztlichen Kollegen gibt, um trotz Streiks eine Gefährdung der Patienten zu verhindern. Tatsächlich handelt es sich ja bei der Charité um ein Universitätsklinikum (auch wenn es nicht überall so aussieht), und damit gibt es auf den Stationen eine gewisse Zahl von Menschen, die nicht so einfach in anderen Kliniken versorgt werden können. Doch eben nur einige Patienten.
Kolleginnen einer onkologisch-hämatologischen Station in Steglitz haben von Problemen erzählt, den Streik umzusetzen. Sie beschrieben eine so starke Unterbesetzung der Station, dass eigentlich auch ohne Streik nur eine absolute Notversorgung gewährleistet werden kann. Sie berichteten, dass die Station etwa 40 Betten stellt und sie die dazugehörenden Patienten seit Wochen in der Regel mit vier Kollegen im Frühdienst und sehr häufig mit nur drei Kollegen im Spätdienst versorgen müssen. Hilfe erhalten sie dabei wohl von einer Stationsassistentin im Frühdienst. Im Nachtdienst sind zwei Kollegen für diese große Zahl sehr schwer kranker Patienten zuständig. O-Ton: Wir pfeifen auf dem letzten Loch.
Kollegen des Virchow berichteten von einer sehr guten Stimmung in den bestreikten Bereichen, auch in Mitte waren die Streikenden optimistisch gestimmt.
Die Demonstration am Dienstag vom Campus Mitte und vom Campus Virchow aus vereinigte sich bezeichnender Weise vor dem Gebäude der Bayer AG im Wedding. Die Gewerkschaften schätzten die Teilnehmerzahl auf 2.000. Auch am Dienstag gab es vor allem Lärm durch Trillerpfeifen und Rasseln – Forderungen und Parolen wurden kaum skandiert. Und die Anlagen der Streikleitung (zwei Lautsprecherwagen) hatte nach wie vor zu wenig Kraft, um die gesamte Demonstration zu beschallen und mit Informationen zu versehen.
Es gab heute aber einige Plakate von Kollegen selbst erstellt. So forderten die Physiotherapeuten für ihre ausgegründete GmbH auch eine tarifliche Bindung. Unter den Demonstranten befanden sich nicht nur Streikende, sondern auch Unterstützer und Sympathisanten. Verschiedene Gruppierungen der Linken meldeten sich mit Flugblättern zu Wort. So die Partei für Soziale Gleichheit, die MLPD, Mitglieder der Linkspartei und auch die SAV. Die Partei “Partei” viel durch besonders ausgewählte Kleidung auf. Insbesondere die Partei für Soziale Gleichheit und auch eine Gruppe innerhalb der Charité (Die Unabhängigen) verwiesen auf die Erfahrungen des Streiks an der Charité von 2006. Sie fordern eine Begleitung von möglichen Verhandlungen durch den Streik. Außerdem setzen sie sich für regelmäßige Streikversammlungen ein, um der Tarifkommission die Stärke und den Rat der Streikenden an die Seite stellen zu können und von dieser fortlaufend über den Stand der Verhandlungen informiert zu werden.
In den leider nur schwer zu verstehenden Redebeiträgen auf der Demonstration ging es über die bloße Lohnforderung hinaus um die Ziele des Streiks: Die Arbeitsbedingungen sollen sich verbessern. Dies griff auch Volker Gernhardt von der Beschäftigtenvertretung bei der Vivantes-GmbH auf. Er forderte zum Beispiel die Festsetzung von definierten Besetzungen der Stationen. Dies scheint von besonderer Bedeutung, denn es zeichnet sich ab, dass die Klinikunternehmen, ob Charité oder Vivantes, die festen Stammbelegschaften der Stationen sehr stark herunterfahren wollen. Viele Kollegen sollen dann in einer Art Personalpool wechselnd auf den Stationen auch unabhängig von den Fachrichtungen eingesetzt werden. Das und noch andere Entwicklungen führen das Konzept der Bezugspflege, als Ausdruck einer Patientenorientierung, ad absurdum.
Für den Mittwoch kündigten die Gewerkschaften so etwas wie Sondierungsgespräche mit den Chefs der Charité an. Der Streik soll aber weiterlaufen. Von einem neuen Angebot ist nichts bekannt geworden.
Bei der CFM Facility Management GmbH gibt es weiterhin Probleme, den Streik durchzusetzen. Die „Vorsicht Falle“-Plakate zeigen immer noch Wirkung. Aber insbesondere der interne Transport scheint stark in den Arbeitskampf involviert zu sein. Dort arbeiten sowohl so genannte gestellte Kollegen, die also zur Charité gehören, und neu Eingestellte der CFM. In einem Flugblatt der SAV wird erwähnt, das die Geschäftsführung der CFM den Mitarbeitern mit Kündigung droht, wenn sie sich am Streik beteiligen sollten. Eins steht bei aller Verwirrung bei der Tochterfirma, fest: Die Kantinen sind offen.
Charité: Streikbericht vom ersten Tag
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