Gorbi, Gorbi
Ob Geschichte von „großen Männern“ gemacht wird? Bei Michail Sergejewitsch Gorbatschow ist das nicht nur eine historiographische Frage. Der frühere Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und Präsident der Sowjetunion ist zum Symbol eines Weltereignisses geworden, er verkörpert Befreiung vom und Zerstörung des Realsozialismus – was in der linken Debatte um Geschichtsverständnis und Tradition ein großer Unterschied ist. Anlässlich seines 80. Geburtstags hat Linkenvorstand Gerry Woop Gorbatschow gewürdigt, ihm sei es „zu verdanken, dass der Sozialismus in seiner europäischen staatssozialistischen Form mit Verkrustungen, Ineffizienz und Unfreiheit verschwand“. Die Junge Welt, dem früheren Politiker und späteren Louis-Vuitton-Model in großer Abneigung zugetan, dokumentiert die Erklärung Woops neben einer Gratulation von Angela Merkel – was wohl auch eine Kritik an dem Linkenvorstand aus dem Reformerlager sein soll.
Vielen an der Parteibasis im Osten gilt Gorbatschow als Totengräber eines Systems, das im Rückblick als die eigentliche Biografie erscheint. Was auch die bisweilen so emotionale Kritik verständlich macht, die bis zur Verachtung reicht. Der Mann hat, kein Zweifel, durch seine Auftritte und Äußerungen in den letzten Jahren zu diesem Eindruck viel beigetragen, durch Totalitarismus-Vergleiche, oder als Auftrittskünstler auf den Festen jener angeblichen „Sieger der Geschichte“. Und man wird sich die Frage stellen können, ob er auch ohne diese späte Karriere zu einer Art Gegenikone geworden wäre, hatte ihn doch in den späten achtziger Jahren auch mancher von jenen als Hoffnung verstanden, die ihm heute kritisch gegenüberstehen. „Die Erinnerung an Liebedienerei vor dem Kapital“, meinte vor noch nicht so vielen Jahren die Kommunistische Plattform, werde sich „auf alle Zeiten mit dem Namen Gorbatschow verbinden“. Aus der gleichen Strömung ist der gegen Gregor Gysi gerichtete Satz überliefert, die Partei müsse aufpassen, dass dieser „nicht zum Gorbatschow der PDS wird. Er verspricht uns Demokratischen Sozialismus – heraus kommt immer nur Kapitalismus.“
In dieser negativen Überhöhung durch seine Kritiker wird Gorbatschow zur Entlastung: der (gute) Sozialismus ist durch den (unmoralischen) Verrat eines führenden Funktionärs zusammengebrochen; die Frage des politischen Bankrotts tritt hinter die der persönlichen Schuld zurück. Woops Formulierung, es sei dem (guten) Gorbatschow zu verdanken, dass der (schlechte) Realsozialismus verschwand, geht den umgekehrten Weg, bleibt aber Ikonisierung. Das ist für jene, die der Annahme skeptisch gegenüberstehen, allein „große Männer“ würden Geschichte machen, eine Zumutung. Für die Auseinandersetzung in einer Partei um Tradition und Bezugspunkte, sind solche Vereinfachungen aber offenbar unumgänglich. Im Entwurf zum neuen Programm der Linken übrigens taucht Gorbatschow auch auf – im Kapitel „Woher wir kommen, wer wir sind“, in einem Atemzug mit Willy Brandt und als Symbol der Abrüstungspolitik. (tos, Foto: Presidential Library)
Hans-Dieter Schütt über die retuschierte Stirn des Generalsekretärs und das Dilemma eines „Protagonisten des Rückzugs“ – hier
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Besondes gut in dieser sehr nachdenklichen und selbstkritischen Würdigung von HD Schütt gefällt mir:
“Er war das Gegenstück jenes sozialdemokratischen »Einer muss der Bluthund sein«, das am Anfang des Jahrhunderts stand. Er hat am Ende dieses Jahrhunderts ein erkaltetes Imperium demontiert, gewaltlos, panikfrei. Er war nicht der Bluthund, aber einer muss es sein, immer, und am Ende jagen sie ihn weg wie einen Hund. Das Chaos der Zeit war des tumben, benebelten Jelzin große Stunde. Da spätestens war klar, man würde dieses Mannes Gorbatschow nicht mit Nachsicht gedenken. Das aber hält ihn in der Geschichte, als einen Denkwürdigen, an dem sich die Geister reiben, auch die, die alles besser wissen, leider mit kleinem Zeitverzug: immer zu spät
Früher, in den achtziger Jahren, war ich mal ein großer Fan von Gorbatschow. Später hatte ich mal die Hoffnung, dass der Untergang der Sowjetunion dem gesellschaftlichen Fortschritt dienlich sein könnte.
Heute sehe ich Gorbatschows Werk deutlich kritischer, vor allem wenn ich mir die Verhältnisse in Mittelasien, also in Staaten wie Kirgistan, Usbekistan, Turkmenistan, anschaue. Dann gibt es die oft blutigen Konflikte im Kaukasus. Da stellt sich schon die Frage, ob der Zusammenbruch der Sowjetunion wirklich ein Segen war.
Am Ende des Irrealsozialismus selbst trifft Gorbi sicher keine Schuld, an Zeitpunkt und Holprigkeit des Geschehens sicher schon. Aber vielleicht musste es auch so sein, ich meine ist wirklich vorstellbar, dass sich aus dem hochverschuldeten Ostblock ein neuer besserer Sozialismus hätte entwickeln können?
@Mathis: Das mit dem Bluthund sieht man in Tbilissi und Vilnius möglicherweise anders …
Gorbatschow steht für einen menschlichen Sozialismus.
“Gewaltlos, panikfrei”? Das ist doch Unsinn. Der HD Schütt hätte mal z.B. “Nagorny Karabach”, “Transnistrien” und “Ferghanatal” googeln sollen.
Mit Sich-Festklammern an den Begriffen “Sozialismus” und “Kapitalismus” kommt man bei der Analyse der damaligen Vorgänge in der Sowjetunion sicher nicht weiter. Oder, wenn man es gern lyrisch mag, könnte man sagen: Ein schattenwirtschaftlich überformter Sozialismus mit viehischem Antlitz wurde transformiert in einen Günstlingskapitalismus mit viehischem Antlitz. Das Hervorstechende dabei ist die Persistenz des Viehischen. Wer es eher akademisch mag, der kann sich umschauen bei Simon Kordonski, Stichwort “Transformation des administrativen Marktes”.
So etwas wie ein “menschlicher Sozialismus” ist jedenfalls nirgends im postsowjetischen Raum entstanden.
Die 90-er Jahre waren für Rußland so, als wäre eine verheerende Seuche durch das Land gezogen. Lebensniveau und Lebenserwartung gingen steil nach unten, das Wirtschaftsleben wurde vollends kriminalisiert, die soziale Infrastruktur verfiel. Vielerorts in der Ex-SU flammten Bürgerkrieg und Terror auf. Nun kann man darüber streiten, an welcher Stelle der spätsowjetischen Entwicklung ein anderer Entwicklungspfad hätte eingeschlagen werden können und welche realen Handlungsspielräume Gorbatschow wirklich hatte. Aber ohne Zweifel ist das Desaster der 90-er eng mit der “Vorarbeit” der Gorbatschow-Periode verbunden, und Jelzin ist ebensowenig ohne Gorbatschow zu denken wie Stalin ohne Lenin. – Und wer das mit dem “menschlichen Sozialismus”, für den Gorbatschow angeblich stand, einem Russen erzählt, der wird von diesem für komplett irre erklärt werden…
Also 80 Jahre sind ein Alter, an dem man historischen Gestalten sicher keinen Dreck mehr hinterherwerfen muß. Aber Lobeshymnen jeder Art sind in bezug auf diesen Mann völlig fehl am Platze.
@Benni
Die Sowjetunion war beim Amtsantritt von Michail Gorbatschow kaum verschuldet, vier Jahre später war sie nicht mehr in der Lage, ihre Verbindlichkeiten zu bedienen. Ich denke also, dass man der eigenen PR von Gorbatschow, nach der er ein praktisch konkursreifes Land übernommen hätte, nicht auf den Leim gehen sollte, die Fakten sprechen da eindeutig eine andere Sprache.
Dennoch gab es in der Sowjetunion Reformbedarf. Nur verfügte Gorbatschow über kein Reformkonzept, mit dem die Situation in der Sowjetunion hätte verbessert werden können. Wie schon gesagt, Anfang der neunziger Jahre war ich der Meinung, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion kaum zu verhindern gewesen wäre. Doch heute, nach den Erfahrungen mit all den Kriegen und Bürgerkriegen im Kaukasus und in Mittelasien, die bis heute nicht befriedet sind, denke ich doch etwas anders über die Sowjetunion. Sicher wäre auch in einer reformierten Sowjetunion kein idealer Sozialismus entstanden, eher schon ein Staatskapitalismus ala China. Aber vielleicht hätte es weniger Blutvergießen und mehr Wohlstand gegeben.
@Sebald: Für den Rückgang der Ölpreise kann Gorbatschow aber genausowenig wie für die extrem teure Katastrophe von Tschernobyl, deswegen ist das mit den Schulden kein Argument gegen ihn. Dass der seit Jahren anhaltende Niedergang der Konsumgüterindustrie, der Infrastruktur und am schlimmsten der Landwirtschaft (Schon unter Breshnew mußte die SU erstmals seit Jahrzehnten Getreide importieren!) erst unter seiner Ägide richtig durchschlug, ist nur zu einem kleinen Teil ihm vorzuwerfen.
Ein Konzept hatte er nicht, das hatte niemand. Das Land war in einem nicht mehr reformierbaren Zustand. Und jedes Mal, wenn Gorbatschow versuchte, sich gegen diese Einsicht zu sträuben (an Selbstüberschätzung mangelte es ihm nicht), ging es böse daneben.
“Der letzte Generalsekretär der sowjetischen Kommunisten, der Bauernsohn aus Priwolnoje in der Region Stawropol, hat nicht den Sozialismus abgeschafft, wohl aber die Lüge, das sei einer. ”
Das Artikel vom Schütt.
Traurig, daß das ND ausgerechnet Schütt die Geburtstagslaudatio halten ließ. Jeder andere Mitarbeiter hätte es besser gemacht (außer Wedel, der wäre auf andere Weise unangenehm gewesen) – zwar vielleicht etwas weniger wortgewandet, aber ohne eine Tonne Schleim auszugießen und sich in der Reuepose zu gefallen.
Äh, „wortgewandt“ natürlich.