Wir Bürger

Wir Bürger

Das „Bürgerliche“ spielt in der Linkspartei eine gewisse Rolle – meist als Gegenmodell, als Anti-Folie. Da ist dann von den bürgerlichen Parteien die Rede oder von der gleichnamigen Presse. Gemeint ist in der Regel, dass die so Bezeichneten das Geschäft der Bourgeoisie betreiben, während man selbst klassenpolitisch auf der anderen Seite der Barrikade steht. Man kann darüber streiten, ob diese Topografie die Lage der Akteure richtig skizziert. Und wie ein negativ konnotierter Begriff des „Bürgerlichen“ in der politischen Kommunikation auf eine Mehrheit wirkt, die sich unabhängig von Kategorien wie Eigentum selbst mehrheitlich als „bürgerlich“ begreift. Das jedenfalls geht aus Ergebnissen einer Studie der CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hervor: Danach sehen sich 80 Prozent der Befragten „voll und ganz“ oder eher“ als bürgerlich. Das Attribut „bürgerlich“ wird dabei im Osten deutlich häufiger negativ gesehen als im Westen. Begriffe wie „Spaß“ und „modern“ werden von einer großen Minderheit der Befragten nicht mit „bürgerlich“ in Zusammenhang gebracht, im Unterschied zu Begriffen wie „Zuverlässigkeit“ und „Verantwortung“. Die Adenauer-Stiftung hat außerdem eine Reihe von Fragen über die „Bürgergesellschaft“, die Bereitschaft zu Protest gegen und Mitbestimmung bei Großprojekten gestellt. „Die eigene Betroffenheit ist bei den Bürgern das entscheidende Kriterium, um aktiv zu werden“, wird das Ergebnis interpretiert. „Generell meint die Mehrheit aber, dass persönliche Interessen hintangestellt werden sollten.“ Die Fähigkeit der Politik, Entscheidungen „zum Wohle der Allgemeinheit“ zu treffen, wird von zwei Dritteln eher skeptisch gesehen. Auffallend ist die große Zustimmung (44 Prozent) zu dem Satz „Ich finde es in Ordnung, wenn mit Verkehrsblockaden Atommüll-Transporte behindert werden.“ Aus den veröffentlichten Ergebnissen geht leider nicht hervor, inwiefern ein Ja zu Castor-Protesten mit der Selbstsicht als „bürgerlich“ korreliert. (tos, Foto: vanou, CC BY-NC-ND 2.0)

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4 Kommentare zu “Wir Bürger”

  1. Mathis Oberhof sagt:

    Ich glaube, dass dies Thema ein zentrales werden muss, wenn sich die Linke nicht in eine isolation untergegangener proletarischer Nicht-Bürgerlichkeit zurückziehen will. SEHR missverständlich ist dabei das Foto.
    Denn der politische couragierte Citoyen im Gegensatz zum angeblich produktionsmittelbesitzenden Bourgeois wird immerhin schon von ein wenig mehr Linken als links-kompatibel angesehen.

    Dass die Stuttgarter Demonstranten zu 70-80 % keine Produktionsmittel besitzen, und der Rest meist nur die eigene Festplatte oder das eigene Handwerker-auto, das und die Konsequenzen daraus, muss wohl noch einge Zeit darauf warten, von der Mehrheit der Linken akzeptiert zu werden.

  2. Hochwasser sagt:

    Wer mehr zu dem Thema wissen möchte dem empfehle ich ein kleines Buch von Franz Walter “Im Herbst der Volksparteien” und hier insbesondere das letzte Kapitel. Das Thema ist gerade für Linke in den Städten meiner Meinung nach nicht zu unterschätzen, denn die Linkspartei sollte mehr sein als nur eine Anti-HartzIV und Anti-Agenda-Partei.

  3. Calvados sagt:

    @ Mathis Oberhof

    “…untergegangener proletarischer Nicht-Bürgerlichkeit …”

    Jaja, sicher… Aber man kann es auch andersrum bürsten: “untergegangene nicht-proletarische Bürgerlichkeit”.

    Der Angestellte als dominierender Sozialtypus ist kein Proletarier, aber auch kein Bürger (wenngleich manche Milieus sich in diese Rolle hineinimaginieren, aber das hat meist etwas unfreiwillig Komisches). Robert Castel spricht von Lohnempfängerlage als einem weiten Kontinuum sozialer Positionen. “Bürgerlichkeit” in dem Zusammenhang scheint mir v.a. ein Propagandabegriff zu sein, mit dem an das Statusdenken der oberen und mittleren Teile dieses Kontinuums appelliert wird. Der Effekt ist eine symbolische Abgrenzung gegenüber denen, die in die sich wieder rasant ausbreitende “Zone der Verwundbakeit” unterhalb dieses Kontinuums hinabrutschen.

    O.K., der Citoyen und der Bourgeois… Aber der Umstand, daß “bürgerlich” im Deutschen beides meinen kann, ist da doch eher ein mißlicher, und nach meiner Wahrnehmung werden Ausdrücke wie “bürgerlich” und “Stadtbürger” doch in der Regel stark ideologisch (affirmativ) aufgeladen. Sozusagen als eine Apologetik sozialer Segregation, die mit Samthandschuhen daherkommt.

  4. Calvados sagt:

    P.S.
    Aber gut, es ist etwas ambivalent. Man kann eine propagandistische Formel auch umdrehen und ihr einen emanzipatorischen Inhalt geben. Ähnlich wie mit dem “Volk” in der DDR.

    Also sozusagen “Wir sind die Bürger” (Citoyens) als Formulierung eines Anspruchs gegen die Unterwanderung der repräsentativen Demokratie durch “Eliten”-Netzwerke.

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