Schlecht gesoffen

Schlecht gesoffen

Immer öfter fragt man sich, welche Kommunikationsstrategie die Linke eigentlich verfolgt. Irgendeine geheime, subtil verborgene Vernunft muss schließlich dahinterstecken, wenn zum Beispiel Klaus Ernst jetzt ohne Not noch einmal das Fass mit den Luxus-Linken aufmacht. Kaum hat ihn Gesine Lötzsch mit einem kräftigen Tritt ins Kommunismus-Näpfchen etwas von öffentlichem Druck befreit, redet sich der Gewerkschafter nun selbst wieder um Porsche und Profil. In einem Interview im aktuellen Stern rechtfertigt sich Ernst für Vorhaltungen, die in Zeiten medialen Alzheimers fast schon vergessen waren; propagiert keinen einzigen der Reformvorschläge, die nicht zu haben man parteiintern gern anderen vorwirft, und blamiert sich mit dem Versuch, einen linken Hedonismus zu verteidigen, der gar nicht (jedenfalls: nicht mehr) angegriffen wurde.

Seine Kritiker hatten vielmehr an Ernsts Bezügen den Eindruck der Unverhältnismäßigkeit und des Verstoßes gegen Regeln bemängelt – der “Porsche-Klaus” war immer bloß eine Erfindung der Medien. Er jedoch tritt dem Vorwurf entgegen, man müsse als Linker auf Lebensfreude und Genuss verzichten. Die wiederum kann sich Ernst nur als das Gegenteil von etwas vorstellen, das er offenbar billig, dreckig und schlecht erzogen findet. Man könne „als Linker nicht nur rumlaufen, als hätte man drei Tage lang nicht geschlafen, nichts gegessen und auch noch schlecht gesoffen“. Statt „Fusel“ empfiehlt der Vorsitzende einen Nero d’Avola für „nicht mal zehn Euro die Flasche“. Und im „Entbehrungssozialismus“, den Ernst zurückweist, kommt der Linke „mit dreckigen Fingernägeln zehn Minuten zu spät ins Theater, wo er nichts versteht“.

Das Problem an dieser Haltung ist nicht so sehr, dass sie einen Teil des eigenen Klientel brüskieren könnte, jene nämlich, die sich für den „Fusel“ nicht aus Geiz oder Entsagung entschieden haben. Sondern der Grundgedanke, nach dem links ist, wenn auch der Arbeiter sich mal was Schönes leisten kann, aber all jene alternativen Entwürfe nichts taugen, in denen Genuss und Lebensfreude auf konsumistische Ersatzhandlungen verzichten können.

Man kann das sicher alles auch anders sehen, kann auf die entbehrungsreiche Kindheit von Ernst verweisen, dessen Freiheit verteidigen, mit seinem „Geld zu tun, wozu ich Lust habe“, und sich einverstanden erklären mit den Worten des Linkenvorsitzenden: „Wo einer herkommt, ist egal. Was er politisch macht, ist entscheidend.“ Aber genau das ist der Punkt: „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“, hat Klaus Ernst Konstantin Wecker zitiert. Es heißt aber auch: „Der Genießer schweigt.“ Seiner Linkspartei jedenfalls wären dann ein paar Schlagzeilen erspart geblieben – etwa hier und hier.

Aber vielleicht wollte Klaus Ernst sich ja auch nur bei Gesine Lötzsch bedanken – und mit einem Tritt ins nächste Fettnäpfchen diesmal den medialen Druck von ihr nehmen. (tos)

ps. In dem Sammelband, der das Bild zu diesem Blog stiftet, (meine Ausgabe ist von 1970), und der seinerzeit, wie von den Älteren erzählt wird, ein viel gelesenes Buch war, geht es nun wahrlich nicht um die Frage, ob man als ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär und Vorsitzender einer linken Partei guten Wein trinken und Kindheitstraumautos fahren darf. Sondern mehr um Marxismus und Hedonismus, die politische Relevanz des Ästhetischen, anarchistische Momente in der damaligen Szene, das Ende der Kommunebewegung und die Klassenanalyse der Subkultur. Aber eben auch um “Solidarisierung als historischer Lernprozeß “. Der Autor des letztgenannten Beitrags übrigens, Michael Vester, hat Klaus Ernst und dem Linkenvorstand erst Ende Oktober etwas über das linke Wählermilieu, dessen politische Bindungen sowie Mobilisierungspotenziale erzählt.

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25 Kommentare zu “Schlecht gesoffen”

  1. hdb sagt:

    Kann ja an mir liegen, wenn ich absolut nichts mit dem Text anfangen kann. Ich finde da nichts, was in ein Fazit einfließen könnte, außer ‘Schlecht gesoffen’.

  2. Juergen Angelbeck sagt:

    @tos: Du hast es schon auf den Punkt gebracht. Ich will es aber mal weniger diplomatisch zuspitzen. Klaus Ernst weist alle Merkmale einer gemeinhin als “Gewerkschaftsbonzen” bezeichneten Kaste von Emporkömmlingen auf, wie sie mir in nun über 40 Jahren Gewerkschaftsarbeit – davon 23 Jahre hauptamtlich – immer wieder begegneten. Ja, es gibt sie leider tatsächlich, die Gewerkschaftsschickeria – sie ist keine böswillige Erfindung bürgerlicher Medien. Diese Leute prägen zwar nicht das Gesamtbild der organisierten Arbeitnehmerschaft, verfügen aber immer wieder über ausreichende Gefolgschaft, der sie Karriere und Wohllebe verdanken. Von ihnen scheint eine solche Faszination auszugehen, dass sich die Basis sogar verhöhnen lässt, wenn ihrer Galeonsfigur gerade danach ist. Das Problem der Linkspartei ist nicht Klaus Ernst, es ist die unsägliche Duldungsstarre einer zur Beordnung der Verhältnisse offenbar unfähigen Parteibasis.

  3. Sebald sagt:

    Klaus Lederer hatte in seinem Text “Links und libertär” mal beklagt, dass die Linke zu einer sauertöpfischen “Deprilinke” herabgesunken wäre. Offenbar hat sich Klaus Ernst diesen Text zu Herzen genommen. Einen Skandal kann ich darin jedenfalls nicht erkennen, eher schon in der Bigotterie, mit der Journalisten (die bestimmt auch keinen schlechten Wein trinken) über dieses Thema schreiben.

  4. Juergen Angelbeck sagt:

    @Sebald: Die Befunde von Lederer – und sogar auch in Teilen die von Ernst – sind ja nicht ganz aus der Luft gegriffen. Das weiss jeder, der sich schon einmal mit halbwegs offenen Augen in der Szene bewegt hat. Es macht aber einen großen Unterschied, ob ich darüber intern und – ganz wichtig – mit Betroffenen rede oder mich überheblich in einem Massenmedium wie etwa dem Stern über diejenigen lustig mache, deren Interessen zu vertreten ich vorgebe und deren Vorsitzender ich bin.

  5. Friedrich sagt:

    Klaus Ernst hat es nicht verstanden, und er wird es nicht verstehen.
    Mich trennen Welten von einem Porsche-Fahrer. Für mich ist der Porsche nicht in erster Linie technisches Spitzenprodukt (das ist heute kein Wert mehr, denn ein solches ist – mit Verlaub – auch die Atombombe), sondern ein Symbol für schonungslosen Umgang mit Ressourcen. Und seine Fahrer verkörpern eben auch eine Geisteshaltung. Wenn der Porsche plötzlich nur noch die Hälfte kosten würde, würde er mehr als die Hälfte seiner bisherigen Käufer verlieren (“Ich fahr doch kein Auto wie jeder Proll!”).
    Wie gut verstehe ich die Frau, die vor Jahr und Tag in einer Heiratsannonce einschränkte: “BMW- und Porsche-Fahrer unerwünscht!”
    Um nicht mißverstanden zu werden: Der glückliche Verlauf meiner beruflichen Laufbahn hätte auch mir den Kauf eines Porsche ermöglicht – wenn es für mich nicht völlig ausgeschlossen gewesen wäre, einen zu fahren.
    Ich hätte das Klaus Ernst schon lange sagen mögen, habe es mir aber verkniffen. Er hat das Thema wieder aufgerollt, vielleicht um Nichtorganisierten zu sagen, wie weit man es über Partei und Gewerkschaft bringen kann. Nehmen wir es also als einen Versuch der Mitgliederwerbung.

  6. Calvados sagt:

    Hm, als historisch-literarische Gestalt ist mir Danton lieber als Robespierre. In diesem Sinne: Weitersaufen!

    (Ernsts Rolle in dem Intrigantenstadl an der Parteispitze vermag ich nicht zu beurteilen, und von der Personaldebatte halte ich mich sowieso fern. An dem hier vorgestellten Interview finde ich aber nichts auszusetzen, und es scheint mir auch klar, daß Ernst sich nicht über den ärmsten Teil seiner Wählerschaft mokiert, sondern über eine gewisse puritanische Attitüde in Teilen der Linken. Und die Wortwahl… na ja, er ist eben a krachlederner Bayer, da muß man nicht so sensibel sein…)

  7. tos sagt:

    @calvados: danton vs. robespierre – ein schöner vergleich. und was das trinken angeht. nur zu. mir ging auch gar nicht um die frage, ob, was und für wieviel euro ernst gern roten pichelt, sondern um die frage, ob und warum er ausgerechnet jetzt so ein selbstbespiegelndes und (was das “luxus”-thema angeht auch) retrospektives interview geben muss, das ich medientaktisch für unvernünftig halte und in dem dann auch noch eine haltung gegenüber einem “anderen linkssein” zum ausdruck kommt, das mir widerstrebt.

  8. Fabio De Masi sagt:

    @ tos:

    Nun man kann das Interview klug finden oder nicht. Ich finde es ganz unterhaltsam. Vielleicht hilft es die Kommunismus-Debatte zu zerstreuen :-) Recht geben würde ich Dir, dass wir Interviews v.a. nutzen sollten, um für unsere Politik zu werben.

    Man kann auch die Vorstandsbezüge kritisieren, freilich. Aber Ernst bezieht hier doch klar Position:. Er hat sich keine Gedanken gemacht, sagt er, weil die selbe Vergütung für Bisky und Lafontaine galt (Letzterer verzichtete weitgehend wg. anderweitiger Ansprüche). Klaus Ernst hat nicht damit gerechnet, dass die Selben Promis die zur Vergütung der vorigen Parteivorsitzenden schwiegen, ihm einen Strick draus drehen werden. Das war vielleicht naiv, aber es ist ehrlich. Im Unterschied zu Jenen, die mit den Vorstandsbezügen vor Ernst scheinbar kein Problem hatten.

    Dazu würde mich Deine Haltung interessieren. Ehrlich…

  9. Olaf sagt:

    Wenn Klaus Ernst erkannt hat, dass seine Basis mit diesem Stil absolut nichts anfangen kann, warum stellt er sich dem – als Vorsitzender wohlgemerkt – mit aller Kraft entgegen?

  10. tos sagt:

    @fabio: ich hab auch schon einmal darüber nachgedacht, ob es vor ernst jemals eine gehälterdebatte gegeben hat, in der pds, in der fusionszeit oder danach – kann mich nicht erinnern. ob die tatsache, dass ernst der erste war, der sich einer solchen kritik stellen musste, eine frage des “strickdrehens” ist, weiß ich nicht. das klingt so, als ob alle in der partei über biskys oder gysis bezüge schon gegrummelt, aber dann lieber darauf gewartet hätten, das an ernst auszulassen. es war vorher kein thema, es gab keine mediengeschichten, die den anlass boten, dass leute gefragt wurden, die kritik also erst öffentlich wurde. ich kann mir vorstellen, dass man im osten – “die goldenen wasserhähne von wandlitz” – auch eine historisch bedingte zurückhaltung an den tag legt, was “privilegien” angeht. ich weiß, im vergleich zu frank bsriske verdient ernst nicht viel. ich finde auch, dass die stressige arbeit eines parteivorsitzenden ordentlich bezahlt sein sollte. dass er das “nicht verschlechtern” von selbst so in den vordergrund gestellt hat, sollte man aber auch nicht vergessen, ernst hat die debatte wenn man so will begonnen. und ja, die kritik an seinen bezügen hatte sicher nicht immer etwas mit der frage der gehältergerechtigkeit in der partei zu tun, sondern da wurde auch über bande gespielt: strömungsstreit, das unaufgearbeitete erbe des doppelspitzenkompromisses, politische inhalte, gefühlte differenzen usw. und vielleicht auch ost-west, es gab mal einen schönen leserbrief im nd, der das illustriert hat, eine frau rief sehr emotional die linken-spitze dazu auf, doch jetzt wieder geschlossen und miteinander und so weiter, sie schrieb: “liebe gesine, lieber gregor, lieber herr ernst”. was ich sagen will, es gibt ein fremdeln in der partei, das sich nicht immer politisch glasklar erklären lässt. das interview von ernst im stern ist jedenfalls m.e. kein beitrag, das zu überwinden. und es kommt zu einer zeit, wo es m.e. sinnvoller gewesen wäre, einen neuen “spin” zu versuchen … weg von der kommunismus-luxus-mühle, in der die linke, egal welcher flügel, am ende ja immer defensiv agieren muss: ob nun in der berliner koalition, wo man rot-rot-grüne erklärungen abgibt oder bei denen, die lötzschs traktat verteidigen. warum macht ernst kein großes interview, in dem er die klausuren von spd und grünen zum anlass nimmt, offensiv zu begründen, warum die linke “der motor” sein soll? es gibt vorlagen zuhauf, das sozialdemokratische fortschritts-gefasel, die grüne “menschen in den mittelpunkt”-beschlüsse, eine parteiübergreifende verteilungsdebatte (steuerstreit in der koalition, steuerstreit in der spd); von mir aus dieses dioxinding: wie wollen wir leben, essen, ja – im sinne von ernst: genießen? hier kann man um linke meinungsführerschaft kämpfen, mit den themen, über die linkenpolitiker seit wochen reden, kann man nur leute vergraulen, die eigentlich euer partei einigermaßen wohlgesonnen sind.

  11. Michael (Niedworok) sagt:

    Eines muß man anmerken: Das ganze Interview war überhaupt noch gar nicht veröffentlicht, als “Porsche-Klaus” schon wieder die Runde machte. Ein Aufreger-Thema, das natürlich die Auflage steigern sollte. Bisher habe ich das Interview auch noch nicht in die Finger gekriegt, aber daß da Inhalt selektiv verbreitet wurde, halte ich für sehr wahrscheinlich. Es ist also kaum möglich, solchen Erwartungen zu entgehen und zum vermeintlichen “Luxus” von Klaus Ernst ist bereits auch alles gesagt: Der spielt sich in keiner relevanten Größenordnung ab, man muß auch Parteivorsitzenden zum Ausgleich dafür, menschliche Zielscheibe zu sein, ein Leben gönnen.

    Ich denke übrigens auch, daß es auf Dauer ein Fehler wäre, sich immer wieder in diese Rolle zwängen zu lassen. Die Debatte über das K-Wort hatte ja eigentlich bereits ermöglicht, da herauszukommen. Warum man sich dann trotzdem darauf einläßt: Vermutlich ob der vielen Angriffe unterhalb der Gürtellinie, aus subjektiven und sehr verständlichen Gründen.

    Zu diesen ganzen Medien-Fettnäpfchen/-Boshaftigkeiten überhaupt: Wie das die SPD in letzter Zeit ständig tut (siehe Gauck-Kampa), hätte man sich auch hier im Kreis der Frontfrauen/-männer auf eine Sprachregelung einigen können. Vielleicht mal die Lifestyle-Fragen abwimmeln. Und beim K-Wort meinetwegen “Kommunismus zwar nicht, aber wir lassen uns das Denken über Alternativen nicht verbeiten”. Hätte man das einheitlich gehandhabt, böten wir weniger Angriffsfläche und könnten noch eine wichtige politische Botschaft vermitteln. Oder anders ausgedrückt: Man muß sich ein Stück weit dazu durchringen, zu kontrollieren, was man den Medien (und jeweils auch welchem Medium) zu berichten gibt.

  12. hochwasser sagt:

    Ich hätte gerne Parteivorsitzende und Parteiorgane, die sich auch einmal um die Arbeit vor Ort kümmern. Die einmal Ideen und Gedanken beisteuern, die die mühsame tägliche Arbeit in den Gemeinden und Stadtteilen aufgreifen und unterstützen. Gerade in den alten Bundesländern ist das bitter notwendig, sind doch fast aller Parteistrukturen erst am entstehen. Hier mangeld es oft an politischen, organisatorischen und kulturellen Hilfestellungen. So könnte der ein oder andere Konflikt vielleicht vermieden, der ein oder andere Parteidepp vielleicht still gestellt werden.
    Aber nichts geschieht – alles doppelt besetzt, sogar die Position der Parteientwicklung. Aber nur nach strömungsproporz, nicht nach Qualifikation.
    Ab und zu ein kluger Satz nach innen, eine gute Idee für die Arbeit, darauf würden wir vor Ort einen trinken.
    Stattdessen haben wir Parteivertreter, die sich scheinbar nur von Fettnapf zu Fettnapf nach vorne bewegen. Immerhin auch eine Art Bewegung.

  13. wh sagt:

    @Michael (Niedworok): natürlich sind einzelne passagen des interviews (porsche, rotwein, almhütte, entbehrungssozialisten …) vorab verbreitet worden, und zwar vom stern selbst. und dann macht das eben blitzschnell die runde, bevor jemand den ganzen text kennen kann. damit ist das bild geprägt, für den kompletten text interessieren sich nur noch insider. so funktioniert die medienmaschine. und es liegt ganz in der hand des erstverbreiters, ob er inhalte mitteilen will oder boulevard, ob er den interviewpartner gut oder schlecht aussehen lassen will.

  14. Michael (Niedworok) sagt:

    @wh: Der Instinkt dafür, was den Leser interessiert und die Auflage steigern könnte, ist ja auch nichts schlechtes… Für den Leser – die Parteiführung bekommt dabei bestimmt Magengeschwüre. Der Pressefreiheit jedenfalls schadet es nicht.

    Anders ist das mit Rücksichten auf Anzeigenkunden etc.. Und da ist es immer schön, daß auch unabhängig berichtet wird, z.B. in Eurem Blog ;-)

  15. Sissy Fuß sagt:

    Fabio, es nervt. Schließlich hat Mümmel Treitinger Dir die Angelegenheit schon vor Monaten auseinanderklamüsert. Auch Dietmar Bartsch hat schon „damals“ erklärt, daß die betreffenden Funktionen in der PDS ehrenamtlich waren. Daß im Zuge der Fusion andere Sitten eingezogen sind, ist wohl eher nicht auf dem Mist der von Dir angegriffenen „Promis“ gewachsen. Ich brauche mich nur an die Diskussionen um die Finanzordnung einerseits und die Zahl hauptamtlicher Stellen andererseits zu erinnern: Da konnten einigen WASG-Unterhändlern die Beitragssätze gar nicht niedrig genug und der Apparat gar nicht groß genug sein. Da war schon zu erkennen, wie Jahrzehnte im Gewerkschaftsapparat einen Menschen prägen können.

    Daß Lothar Bisky und Oskar Lafontaine nach der Fusion für den Parteivorsitz entlohnt wurden, habe ich schlicht und einfach nicht gewußt. Ich finde es auch überhaupt nicht in Ordnung. Ich sehe aber nicht ein, wieso das eine Entschuldigung für den jetzigen Vorstand sein soll. Der weiß schließlich, in was für einer schwierigen Lage die Partei ist. Außerdem sind die Sünden der Eltern kein Freifahrtschein für die Kinder. Wenn allein der geschäftsführende Vorstand mehr kostet als die Partei für politische Bildung ausgibt, dann stimmt etwas nicht, und nicht bloß die Finanzen! Und damit komme ich zur Person des heutigen Parteivorsitzenden: Mich stört weniger sein Lebensstil, auch wenn ich bei mir denke: „Ausgerechnet Porsche!“ Aber das muß er schon selber wissen; niemand von uns ist ohne Sünde. Viel schlimmer finde ich, daß er sich anscheinend bis heute keine Gedanken darüber gemacht hat, was er als Vorsitzender dieser fragilen, heterogenen, dynamischen Partei leisten muß. Da kommt es – viel mehr als auf alles andere – darauf an, zu integrieren. Er aber scheint nicht mal zu begreifen, daß so etwas überhaupt notwendig sein könnte. Außerdem geht ihm offenbar jedes Gespür dafür ab, wie manche seiner Äußerungen bei denen ankommen, die er vertreten will – also zum einen bei Mitgliedern seiner Partei, zum anderen bei den Benachteiligten im Lande. Und damit finde auch ich jetzt den Bogen zum Thema „geheime Kommunikationsstrategie der Linken“. ;-)

  16. rak sagt:

    Ich stehe nicht auf Sportwagen und bin auch kein Alpinist. Aber seine Vorliebe für Nero d’Avola bringt mir Klaus Ernst auch menschlich näher. Und ich könnte ihm auch Ratschläge geben, wie man kostengünstiger an dieses wirklich edle Getränk kommt. Ich kauf mir meinen nämlich zu Preisen zwischen 1,50 und 1,99 € …

  17. Anton Brenner sagt:

    Wie wäre es mal mit ein wenig Solidarität mit der Demokratiebewegung in Tunesien, statt Neiddebatten um den angemessensten Nero di Avola zu führen.

    http://www.reporter-ohne-grenzen.de/presse/pressemitteilungen/news-nachrichten-single/article/1/verhaftungen-von-medienschaffenden-und-strikte-online-zensur-dauern-an.html

    Oder hat achgut doch recht?

    http://www.achgut.com/dadgdx/

    Anton Brenner

  18. Sissy Fuß sagt:

    Anton, Solidaritätserklärungen machen keinen satt. Mir hängt diese Scheinpolitik zum Hals heraus, mit der mal diesem, mal jenem die „unverbrüchliche Solidarität“ versichert wird, wonach dann wieder der Run auf die Fleischtöpfe beginnt.
    Wenn die Despoten ins Wanken kommen, soll mich das freuen. Aber es soll sich nachher auch keiner beschweren, wenn an des Teufels Stelle der Beelzebub tritt (ich denke da an die anfangs so euphorisch begrüßten Entwicklungen im Iran 1979 und Libanon 2005).

    Unabhängig davon würde ich die von Dir zitierte Quelle nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Ausgerechnet Deutschlands Star-Neocon TvdOS … Neben dem ist ja Henryk Broder seriös.

  19. Anton Brenner sagt:

    Auch wenn die Quelle schreibt:?

    “Am 12. Januar wurde der ehemalige Direktor der verbotenen Zeitung Alternatives und Sprecher der Kommunistischen Partei der tunesischen Arbeiter, Hamma Hammami, zuhause festgenommen. Am Vortag hatte Hammami eine Rede auf Facebook veröffentlicht, in dem er die gewaltsame Unterdrückung der Unruhen kritisierte und den tunesischen Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali aufforderte, sein Amt niederzulegen.”

  20. Sissy Fuß sagt:

    Ach, Anton, Du hast ja recht. Ich hätte mir den Kommentar eigentlich schenken können, zumindest den letzten Satz. Selbst wer vdOS noch nicht kennt, kann sich denken, was von dem Typen zu halten ist, wenn er die Schlagzeile „Die Bande schweigt“ liest. Und was von der „Achse des Guten“ zu halten ist, wird auch jeder merken, der sieht, daß oben ein Artikel „Nehmt dem Staat die Schulen weg, der kann das nicht!“ steht, in dem vollkommen ernsthaft die völlige Privatisierung des Schulwesens gefordert wird. Die einen lieben die Seite wegen solcher Artikel, die anderen hassen sie. Gleichgültig läßt sie wohl kaum jemanden.

  21. @Anton: Ist ja gut und schön, aber die Kritik geht an den Parteichef zurück, der lieber ein Interview über gute Laune gibt, anstatt über den Hungeraufstand in Tunesien zu sprechen. Und in diesem Thread geht es nunmal um das letzte Stern-Interview unseres Parteivorsitzenden, zumal es Verlautbarungen zu Tunesien von Klaus Ernst bislang nicht gibt, über die das Blog berichten könnte.

    Mit dem Interview habe ich zwei Probleme:

    1. Wenn ich mich recht erinnere, war die Ablehnung von Hartz IV ein zentraler Grund für die Gründung der WASG. Ich bin ein großer Freund eines guten Lebens, aber ich muss von meinem Parteivorsitzenden erwarten können, dass er auch und gerade die Lage der Armen in unserem Land bei Veröffentlichungen mit bedenkt, noch dazu als ehemaliger WASG-Vorsitzender. Im Hartz-IV-Regelsatz sind monatlich 128,39 Euro für Nahrung, Getränke und Tabakwaren vorgesehen, macht etwa 4,30 Euro pro Tag. Wenn unser Parteivorsitzender also einen Rotwein “für unter 10 Euro” empfiehlt, dann kann ein Betroffener sich aussuchen, ob er zwei Tage ohne Nahrung dasteht oder ohne diese Flasche. Wie kommen also solche Interviews bei den Hartz-IV-Betroffenen an? Sie sind vielleicht nicht von Klaus Ernst anvisierte Zielgruppe des Interviews – sie sind aber immer auch eine Zielgruppe eines Parteivorsitzenden der Partei DIE LINKE.

    2. Ich erwarte von einem Parteivorsitzenden einer laut eigenem Anspruch pluralistischen linken Partei, dass er integrierend agiert. Klaus Ernst produziert jedoch in diesem Interview das Gegenteil von Einheit. Er unterteilt in zwei Gruppen. Die eine Gruppe von Linken ist lebensbejahend, sauber, klug, pünktlich, ausgeschlafen, gut ernährt und trinkt guten Wein. Zu dieser Gruppe zählt Klaus Ernst sich selbst. Die andere Gruppe von Linken ist sauertöpfisch, dreckig, dumm, unpünktlich, verpennt, hungrig und trinkt “Fusel”. Wen er damit meint, sagt er nicht. Aber gerade diejenigen Mitglieder der LINKEN, die sich kaum genug zu Essen und schon gleich gar keinen guten Wein leisten können, und von daher aus naheliegenden Gründen ein besonderes Maß an Unzufriedenheit aufweisen können, könnten eine solche Unterteilung in die guten, wahren und schönen Linken versus die schlechten, dummen und häßlichen Linken ziemlich übel nehmen. Bei uns im Kreisverband jedenfalls gibt es viele von Hartz IV betroffene Mitglieder, und bei denen hat Klaus Ernst mit diesem Interview keine Sympathien dazu gewonnen.

  22. Sissy Fuß sagt:

    Carsten, schreib ihm das! Wenn es nicht von einem Ossi kommt, sieht er es vielleicht ein. ;-)

  23. Juergen Angelbeck sagt:

    @Sissy Fuß: Der gute Carsten musste sich in Baden-Württemberg längst einer politischen DNA-Analyse unterziehen und dieser “Klaus-Ernst-Fanclub” hat ihn klar als Ossi eingenordet.
    @Carsten: Du wirst mir bestimmt nicht verdenken, dass ich in der aktuellen Lage manchmal auch an die letzte Landesausschußsitzung denke. Damals wurde die von Ravensburg und Sigmaringen ausgegangene Forderung nach Rücktritt des Parteivorsitzenden Ernst durch den Landessprecher Bernd Riexinger ziemlich dämlich so eingeordnet: “querulatorische Einzelmeinung!” Zugegeben, nach der Abstimmung in dieser Versammlung von braven AbnickerInnen kam das für Aussenstehende noch einigermaßen plausibel rüber. Wenn sich die linken WahlkämpferInnen im Ländle jetzt mit dieser Hypothek herumplagen, hält sich mein Mitgefühl allerdings sehr in Grenzen.

  24. Anton Brenner sagt:

    @sissy/carsten

    Ich wollte nur nicht, nicht zuletzt als Weinbauer, dass sich unser Internationalismus auf die verschiedenen Preisklassen des Nero d’Avola und die Trinkrichtlinien für unser Vorstandspersonal beschränkt. Hartzler werden auch keinen waehlen, der sich nicht einmal einen vernünftigen Tropfen leistet, sich gar mit einem Fusel anbiedert. So einem traut niemand zu, einen Mindestlohn oder höhere Sozialstandards durchzusetzen. Zu Sissy-Warnung vor meidenswerten Internetseiten: Wie waere es mit einem Wächterrat? Mein Personalvorschlag: Angelbeck.

  25. @Anton: Ich bin gern bereit, mal einen Brenner’schen Spätburgunder zu verkosten. Schmeckt bestimmt gut. Ich lese auch gern hin und wieder Deine oft unterhaltsamen Polemiken. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass die meisten hier im Blog sich darum bemühen, weniger zu polemisieren und mehr sachlich zu diskutieren, was nicht immer leicht fällt, was ich angesichts der veröffentlichten Diskussionskultur unserer Partei jedoch als sehr angenehm empfinde und worum ich auch Dich bitten möchte.

    Darüber hinaus bist du der Einzige in diesem Thread, der “Neiddebatten” ins Spiel gebracht hat, um daraufhin eine Debatte über Tunesien zu fordern. Das nennt man Ablenkung vom Thema. Das Thema dieses Threads ist das letzte Stern-Interview unseres Parteivorsitzenden, welches bei Tom und den Kommentatoren Fragen der Taktik, des Inhalts und des Stils aufgeworfen hat.

    In Deinem letzten Posting bist Du immerhin darauf eingegangen, nur hat auch niemand in diesem Thread die Trinkgewohnheiten von Klaus Ernst kritisiert, sondern den Zeitpunkt und die Art und Weise, sich dazu zu äußern. Dazu jedoch hast Du nicht eine Zeile verloren. Schade eigentlich.

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