Der Heym-Reflex
Am nächsten Dienstag will sich das Berliner Abgeordnetenhaus versammeln und eine Feierstunde begehen: Genau vor 20 Jahre hatte zum ersten mal wieder ein Gesamtberliner Parlament konstituiert. Parlamentspräsident Walter Momper hat als Gastredner zum Thema “Berlin und die Zukunft Europas” seinen Parteifreund Gerhard Schröder eingeladen, was vor allem bei der schwarz-gelben Opposition auf pflichtgemäße Ablehnung stößt: Was hatte Schröder mit der Einheit zu tun und wollte er sie überhaupt, fragen CDU und FDP. Darum entspinnt sich eines der üblichen Scharmützel zwischen Senats- und Oppositionsfraktionen. In dem Zusammenhang geht es auch um die Namen Stefan Heym und Christa Wolf: Deren Reden auf der legendären Demo am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz sollen auch verlesen werden. Uwe Lehmann-Brauns vom Frontstadt-Flügel der Berliner CDU hält auch die beiden Schriftsteller an diesem Tage für ungeeignet: “Die wollten die DDR erhalten und keine Wiedervereinigung.” Dass sie auch für Zivilcourage stehen, für Mut zur Kritik unter schwierigen Bedingungen, für Demokratie, “für den aufrechten Gang”, wie Walter Momper sagt, und damit auch für die Überwindung einer erstarrten DDR, lässt Lehmann-Brauns weg. Auch FDP- und Grünen-Vertreter stören sich an den Namen Wolf und Heym und finden das Programm unausgewogen und ein Zugeständnis der SPD an die Linke. Ja und? Regiert die Linke nicht mit, hat sie etwa nicht mitzureden und mitzuentscheiden? Beim kleinlichen Streit um Heym erinnert man sich an die groteske Vorstellung der CDU/CSU-Fraktion von CDU/CSU bei der Konstituierung des Bundestages nach der Wahl 1994. Heym war damals Alterspräsident, Abgeordneter der PDS und hielt die Eröffnungsrede. Die Unionsabgeordneten (mit Ausnahme von Rita Süssmuth) brüskierten ihn, erhoben sich nicht vom Platz, verzogen keine Miene, verweigerten den Applaus – obwohl Heym alles andere als eine Routinerede hielt, sondern ein kluges Plädoyer für Demokratie, für deutsch-deutsche Offenheit und Sensibilität. Offenbar löst der Name Heym gut 16 Jahre später noch ähnliche Reflexe bei manchem Konservativen aus. (wh)
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Ich erinnere mich gut, wie schäbig das damals war von der CDU/CSU, original Kalter Krieg. Als Wessi fühlte ich mich tief beschämt durch diesen Affront, der im deutschen Parlament gegenüber jemandem erfolgte, der gegen Nazi-Deutschland gekämpft hatte (vielleicht war das der Hauptgrund für die CDU/CSU), sich gleichwohl für die DDR entschied, dort wiederum von der Stasi bespitzelt wurde und sich trotz alledem die Fähigkeit bewahrte und nicht nehmen ließ, sich eine Welt ganz anders vorstellen zu vermögen.
Ich habe mich ehrlich gefreut, die Rede gerade bei youtube zu finden, hier der Link zur Eröffnungsrede von Stefan Heym http://tinyurl.com/33wwasj