Gestern ohne morgen

Gestern ohne morgen

Bild 3Seit Tagen läuft die Einheitsmaschine auf Hochtouren, es ist ein ausgeleierter Zweitaktmotor ohne Vorwärtsgang. Vor allen anderen Dingen geht es um die gute und die böse DDR, um die richtige und die falsche Aufarbeitung der Geschichte, die blühenden oder verdorrten Landschaften, die Bürgerrechtler und so weiter. Wo spielen die DDR-Oberligaklubs heute? Die Nachrichtenagenturen liefern einen Hintergrund. Keine Frage, dass sich auch jene am Ringen um die retrospektive Selbstvergewisserung beteiligen, die zu den Verlierern der Geschichte gemacht sind: mit einem Aufruf, den die Junge Welt als Gastbeitrag und das Neue Deutschland als Anzeige veröffentlicht haben. „Repräsentanten der DDR“ haben da einen Text unterschrieben, der wenig Selbstkritisches enthält und den Gründungsimpuls dieses Staates betont, damit die Wirklichkeit der Jahrzehnte danach nicht so schlecht wegkommt. Man kann das verstehen: den Wunsch nach Respekt vor Lebensleistungen, nach differenzierter und gerechter Bewertung des Vergangenen, nach einem Ende der vereinigungsbedingten Lohn- und Rentenspaltung. Der Aufruf endet mit einer Zeile aus der Hymne der DDR: „Und der Zukunft zugewandt.“ Aber was hat uns diese Art von Ringen ums Geschichtsbild dafür zu bieten? (tos)

Drucken Drucken

Ein Kommentar zu “Gestern ohne morgen”

  1. Verschüttete Entwicklungspfade: „Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist“, so lautete ursprünglich der GG-Artikel 146. Statt einer Vereinigung auf Augenhöhe beschloss am 22. August 1990 die Volkskammer, zum 3. Oktober dem Geltungsbereich des Grundgesetzes nach Artikel 23 beizutreten und auf eine neue, gemeinsam ausgearbeitete Verfassung, womöglich gar in einer Volksabstimmung beschlossen, zu verzichten. Geschichte ist niemals eindimensional und so gab es auch 1990 alternative Entwicklungspfade, wie sie am sog. Runden Tisch zu einer DDR-Verfassung angedacht oder durch das „Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund Deutscher Länder“ von Bürgerrechtlern wie Wolfgang Ullmann angedeutet wurden. Doch an einer gleichberechtigten Vereinigung zeigten die Westparteien und bald auch ihre DDR-Apologeten kein Interesse. Es wurde auf eine soziale, ökonomische und ökologische Renovierung der miefigen Piefke-BRD verzichtet, faktisch ein Anschluss vollzogen und damit die Selbstaufgabe einer ganzen Nation mitsamt den lebensweltlichen Erfahrungen ihrer Bürger_innen festgeschrieben. Der 3. Oktober ist kein Tag zum Feiern, so wie es in der deutschen Geschichte sowieso kaum Jubeltage gibt, sondern eher Anlässe des Gedenkens und Mahnens.

Kommentiere:

| Kommentare werden moderiert |