Das andere Rot-Grün
Bis zu den Wahlen in Berlin im kommenden Herbst 2011 ist es noch eine
Weile, die Demoskopie sorgt freilich schon für allerlei Spekulationen. Jetzt haben die Grünen vielleicht erstmals in ihrer Geschichte die Chance, stärkste Partei in einem Bundesland zu werden. In einer neuen Umfrage liegen die Grünen gleichauf mit der SPD (beide 27 Prozent), CDU (17 Prozent) und Linke (15 Prozent) kommen auf deutlich niedrigere Werte. Die Sache ist aus drei Gründen interessant: Würden die Grünen tatsächlich vor den Sozialdemokraten die Wahl gewinnen, wird es selbst bei komfortabler Mehrheit schwer mit Rot-Grün. Die SPD ziert sich nicht nur, in eine Koalition “unter einem” Ministerpräsidenten der Linken einzusteigen (Thüringen, Sachsen-Anhalt). Sondern sie wird das auch bei den Grünen tun, die sie ebenso als historisch aus ihrem eigenen Fleische erwachsen ansieht. Die Sozialdemokraten haben die politische Signalwirkung zu fürchten und würden sich wohl eher in einer große Koalition flüchten. Zweitens wird mit den wachsenden Umfragewerten der Grünen deren Spitzenkandidatin in spe Renate Künast mehr und mehr in einer landespolitischen Rolle einbetoniert. Die Fraktionschefin wird lauthals als Kandidatin gehandelt, hat sich bisher aber noch nicht eindeutig erklärt. Eine Absage wäre unter den gegebenen Umfrage-Bedingungen kaum verständlich zu machen. Und diejenigen Grünen, die sich aus gänzlich unhauptstädtischen Gründen freuen würden, wenn Künast in die Berliner Landespolitik wechselt, reiben sich zunehmend die Hände. Der dritte Punkt betrifft die Linkspartei.
Erfahrungsgemäß hängt bei Umfragen und Wahlergebnissen viel von kurzfristiger Stimmung, Bundestrend und medialen Dynamiken ab. Ein in der Presse verstärkter Zweikampf zwischen SPD und Grünen um den Sieg in der Hauptstadt könnte sich ungünstig auf das Ergebnis der Linken auswirken, die zum zweiten Mal als Regierungspartei antreten. Vom Ergebnis der Wahlen von 2001, seinerzeit geprägt durch Senatskrise, CDU-Sumpf, Bankenskandal und Wechselstimmung, sind die Genossen deutlich entfernt. In den Zeitungen wird schon versucht, ihnen die Rolle als Mehrheitsbeschaffer zuzuweisen, was für Parteien immer schlecht ist, weil sie dann viel über mögliche Partner und deren Politik reden müssen, weniger aber über eigene Zielsetzungen. Harald Wolf, der womöglich die Linke als Spitzenkandidat vertreten wird, hat auf eine solche Frage des Tagesspiegel unlängst erklärt, man werde „Rot-Grün nicht tolerieren. Warum sollten wir das tun?“ Wahlarithmetisch sei „vieles vorstellbar“, sogar „eine Konstellation, in der Linke und Grüne eine Mehrheit stellen können“. Womit wir wieder beim ersten Punkt wären: Was, wenn die Grünen in Berlin im kommenden Herbst tatsächlich vor der SPD liegen, und die Linkspartei beim Wahlergebnis die CDU überflügelt?
In der Linken trifft man, was die Grünen angeht, auf zwei Sichtweisen. Die eine betont die „bürgerliche“ Anschlussfähigkeit der Ökopartei und rückt deren „Sauereien“ ins Zentrum – vom Jugoslawienkrieg 1999 bis Jamaika im Saarland 2009. In der Regierungs- und Strategiedebatte führt das zu einer Fokussierung auf die SPD, die man zwar als Partner berachtet, aber nur, wenn sie sich zuvor glaubhaft von der Agenda-Politik distanziere. Wohl auch deshalb wird mehr über Hartz IV, Mindestlohn und Steuerpolitik geredet, weniger aber über ökologische Reformansätze, Verkehrspolitik und Konversion. Die andere Sichtweise stellt die Frage, ob beim Reden über mögliche Bündnisse diese Fixierung der Linken auf die Sozialdemokraten noch trägt. Eine „sozial-ökologische und antimilitaristische Reformpolitik“, schreiben zum Beispiel Jörg Schindler und Thomas Lohmeier im Prager Frühling, „kann nicht mehr auf die SPD als unterstützende Kraft bauen“. Vorstellbar wäre „höchstens, die SPD für eine Tolerierung einer solchen Politik zu gewinnen“. Das hieße dann auch, dass die „programmatische Führung“ einer „linken Regierung“ bei den Grünen und der Linken liegen müsste. Schindler und Lohmeier gehen davon aus, dass beide Parteien „komplementäre politische Anliegen“ verfolgen und daher ein Angebot der Linken an die Grünen sinnvoll wäre, „gestaltende Kraft einer Regierung links der Mitte zu werden“. Zumal dies die Grünen davon abhalten könnte, „die Option mehrheitsbeschaffende Funktionspartei zu ziehen, die das Ende jeder sozialökologischen Reformperspektive bedeuten würde“.
Man kann das für allzu optimistisch halten. Eine mögliche Berliner Spitzenkandidatin Künast steht nicht unbedingt für linke Blütenträume. Und die Grünen werden nicht so ohne Weiteres über den Schatten der vergangenen Oppositionsjahre springen wollen, den nicht zuletzt die mitregierende Linke hat fallen lassen. Aber: Die wahlarithmetische Lage in Berlin spricht jedenfalls nicht dagegen, diese Debatte etwas gründlicher zu führen. (tos)
ps. Wer sich darüber Gedanken macht, wie eine politische Konstellation mit Renate Künast und Harald Wolf an der Spitze aussehen könnte, der blickt natürlich auch zurück in AL-Zeiten, als die beiden noch für die Berliner Grünen am Start waren. Hier kann man einiges erfahren:
Wolfs neues Revier – Ein Porträt im Tagesspiegel
Meine Zeit bei den Grünen – Interview mit Harald Wolf
Rote Ampel – der Spiegel im Februar 1989 über die AL
Über die „Joghurtrunde“ – Dissertation von A. Wipperling
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Im kommenden Herbst sind keine Wahlen in Berlin. Die sind erst 2011.
Nachtrag: Die FR heute über die Berliner SPD, die Grünen und den Ton zwischen beiden, der sich verschärft. http://www.fr-online.de/politik/berliner-spd-zittert/-/1472596/4523556/-/index.html
Ich lese “Ein in der Presse verstärkter Zweikampf zwischen SPD und Grünen um den Sieg in der Hauptstadt könnte sich ungünstig auf das Ergebnis der Linken auswirken, die zum zweiten Mal als Regierungspartei antreten.”
Was soll das denn? Das liest sich wie eine “vorauseilende Dolchstoßlegende”. Es ist doch offenkundig, daß sowohl die berliner als auch die brandenburger (an mitlesende jw-Redakteure: brandenburgisch ist ein Dialekt!!!) Mit-Regierungspolitik der Linken in der Regierungsverantwortung gg. eigene Parteigrundaussagen gerichtet ist. Das mit der Wasserversorgung Neu-Köllns zum Beispiel ist eine Katastrophe linker Senats-Regierungsbeteiligung. Das mit dem Vattenfallschen Breunkohlebett, in das die Linken in Brandenburg gestiegen sind, möchte ich nicht weiter kommentieren.
Es bleibt für mich festzuhalten – stammt übrigens von einem aus dem Sachsenländle -, daß bei den nächsten Landtagswahlen in Sachsen, die berliner und brandenburger Linke, einen negativen Einfluß auf die Wahlergebnisse haben werden.
Gescheite Halte(richt)linien, von denen ich hoffe, daß die hessischen Linke auf dem anstehenden Landesparteitag eine entsprechende “kommunale Empfehlung” als Orientierungsanker abgeben werden, haben in Berlin und in Brandenburg wohl gefehlt:
Man darf davon ausgehen, daß die berliner und brandenburger Linke bei den nächsten Landtagswahlen in den betreffenden Ländern eine Quittung bekommen werden – unbeschadet anderer überlagernder Einflüße.
Trotzdem optimistische Grüße
Bernhard
das mag ja alles sein, aber trotzdem ist es doch einsichtig, dass ein zugespitzter kampf um die führung zwischen spd und grünen potenzial aus der linken-wählerschaft abziehen kann oder zumindest die linke in der öffentlichen wahrnehmung an den rand drängen kann.