Gesinnungslumpen
Nach dem Verbot der SPD durch die Nazis im Juni 1933 schuf die
Gestapo ein so genanntes „Marxismus“-Dezernat, das die Verfolgung des sozialdemokratischen Widerstands und von links der SPD stehenden nichtkommunistischen Organisationen mit geheimdienstlichen Mitteln vorantrieb. Der Wissenschaftshistoriker Siegfried Grundmann zeigt jetzt in einem ausführlich recherchierten Buch, wie der Einsatz von Spitzeln „maßgeblich zur Zerschlagung der Sozialdemokratie in der NS-Zeit führte“, wie es Anton Maegerle in einer Rezension für den Vorwärts schreibt. In einem „Vertrauensmännersystem“ wurden nachweislich 26 V-Leute geführt, mindestens zwölf waren zuvor selbst SPD-Mitglieder. Sie hätten als „Gesinnungslumpen“, schreibt Grundmann, „eigene, nicht die Interessen des NS-Regimes“ verfolgt. Einer von ihnen sei Herbert Kriedemann gewesen, bis zum SPD-Verbot Angestellter im Parteivorstand, nach 1945 sein Mitglied, Vertrauter von Kurt Schumacher und Bundestagsmitglied bis 1972.
Grundmann bringt mit seinen Forschungen neues Licht in einen alten Streit: Kriedemann, der 1940 in den Niederlanden nach dem deutschen Einmarsch wegen Hochverrats zu einer Haftstrafe verurteilt worden war, musste sich bereits nach dem Krieg mit Vorwürfen auseinandersetzen, er habe mit der Gestapo zusammengearbeitet. „1949 wurden diese Behauptungen im Rahmen eines Beleidigungsprozesses widerlegt“, heißt es noch bei Wikipedia. Die Literatur war da längst weiter: Über Kriedemann, den Spitzel mit dem Kürzel „S-9“, fand man bereits ein Kapitel in Heine. Die SPD und der lange Weg zur Macht, das 1999 im Klartext Verlag erschien. (Hier findet sich eine Rezension von Björn Engholm.) Autor Stefan Appelius nimmt auch Bezug auf eine Dokumentation des KPD-Parteivorstandes, die vor den Bundestagswahlen 1949 vorgelegt wurde – und die teilweise in dem ebenfalls 1999 erschienenen Buch Wer hat uns verraten von Richard Wiegand zugänglich ist. Kurz nach Kriegsende wollte oder konnte eine Kommission des SPD-Parteivorstandes davon nichts wissen. Man rehabilitierte Kriedemann, Appelies zitiert den früheren Minister und SPD-Vorstand Egon Franke: „Wir müssen uns im vollen Vertrauen darauf verlassen und brauchen nicht weiter nachzuforschen.“ Siegfried Grundmann hat das jetzt mit Die V-Leute des Gestapo-Kommissars Sattler (Hentrich & Hentrich Verlag, 344 S. 24,90 Euro) getan. (vk)
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