Am Tag danach
Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Bericht über ein politisches Sommerfest stehen. (Hier gibt es übrigens einen.) Eingeladen hatten jüngere Politiker aus SPD, Grünen und Linkspartei, ein Teil von ihnen war früher als Walden-Connection bekannt, inzwischen hat sich der Name Oslo-Gruppe eingebürgert. Über rot-rot-grüne Perspektiven wollte man debattieren – Motto: „Das Leben ist bunter“, ein neues Strategiepapier kursiert – Titel: “Für einen Idealismus ohne Illusionen”. Zu der Zeit, als eine Podiumsrunde beginnen sollte, saßen die meisten EinladerInnen noch im überhitzen Bundestag. Und die meisten Presseleute in irgendwelchen nicht minder ungemütlichen Büros. Es hatte eine gewisse Symbolik: Weil ein rot-grüner Kandidat viele Stimmen erhielt, der nicht zuletzt als Kandidat gegen Rot-Rot-Grün ins Rennen geschickt wurde, zog sich die Bundesversammlung und vermasselte zumindest einigen das rot-rot-grüne Sommerfest. Und so sitzt man am Tag danach über die Zeitungen gebückt, fragt sich, ob es da vielleicht einen Wettbewerb für die haarsträubendsten Vergleiche gibt (Diether Dehm: „Was würden sie tun, wenn sie die Wahl hätten zwischen Hitler und Stalin?“) und liest eine Berichterstattung, deren Tenor sehr vorhersagbar war: Die Linke ist an allem Schuld. Von einigen Ausnahmen (hier und hier) abgesehen. Da kann man eigentlich nur Björn Böhning zitieren: „So. Und jetzt mal alle wieder runterkommen.“ (tos)
(Das Foto verdanke ich Bodo Ramelow. Zu sehen: die Kandidatin der Linken Luc Jochimsen, die Partei- und Fraktionsspitze und ein Wahlmann aus dem Saarland bei einer Sitzung vor Beginn des ersten Wahlgangs.)
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Die Bild Unterschrift ist Klasse und entschärft ein wenig den Kater One Day After. Wer der Mann aus dem Saarland sei fragte ich mich…. Und dann las ich rechts oben den Namen des Blogs. Erstaunlich viel Leichtigkeit nach einem schwarzen Tag für the days after schwarz-gelb.
Ich hatte Dehm ja sagen hören: “…Wahl zwischen Pest und Cholera…” und nicht den von der Welt zitierten Hitler-Stalin-Vergleich. Lässt sich die Quelle der Welt verifizieren?
allen, die da glauben machen wollten, mit der wahl von gauck hätte die regierung merkel/ westerwelle gestürzt werden können: ein ‘falscher’ bundesnotar ändert an den mehrheitsverhältnissen im bundestag nichts. r2g hat im bt keine mehrheit für ein konstruktives misstrauensvotum. und für eine fingierte niederlage bei gestellter vertrauensfrage der kanzlerin (auflösung des bt durch den wohlwollenden bundesnotar) dürfte es auch keine mehrheit geben. insoweit ist diese wahl bis in die nachsorgende kommentierung hinein ehrlich. weder im verfahren noch im inhalt gibt es derzeit einen ausreichend großen schatz an gemeinsamkeiten für r2g.
Hehe, Diether Dehm ist lustig.
Genosse,
nur, dass mir bei dieser “Lustigkeit” der Atem stockt.
@Donnie: Er hat beides gesagt. (http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/446#/beitrag/video/1080204/Linke-enthalten-sich-im-drittem-Wahlgang Dort ab Sek. 52)
Ein (sehr) blöder Lapsus, auch wenn es kein Vergleich zwischen Gauck, Wulf einerseits und den Schlächtern andererseits war.
Yo!
Und jetzt können wir alle kollektiv anfangen und zu hyperventilieren, weil jeder beschissene Nazivergleich gleich der tierische Skandal ist, egal auf welche Weise vorgetragen oder in welchem Zusammenhang.
Ah, Steinmeier ist auch schon “empört”.
Ob Herr Kurnaz ihm das wohl abnimmt?
Nachtrag: Dehm hat sich inzwischen entschuldigt, der Nachrichtenagentur AFP sagte der Linkenpolitiker, er habe Wulff und Gauck keineswegs in die Nähe von Massenmördern rücken wollen. “Sollte ich falsch verstanden worden sein, entschuldige ich mich in aller Form.”
@genosse: nazivergleiche dieser art sind immer bescheuert, egal von wem und gegen wen. ich würde übrigens gern mal wissen, wie man diether dehm “richtig verstehen” sollte – und zwar so, dass er sich nicht entschuldigen müsste.
@snooker: Ich fürchte, man kann ihn nicht so verstehen, dass er sich nicht entschuldigen musste.
Dennoch: Er hat natürlich nicht Wulff bzw. Gauck als Person mit Hitler und Stalin verglichen. Er wollte die Entscheidung zwischen Wulff und Gauck mit der Entscheidung zwischen Hitler und Stalin vergleichen.
Was natürlich immer noch Blödsinn ist: Zwischen Gauck und Wulff kann man sich nicht entscheiden, weil beide ähnliche, konservative und rechte Vorstellungen haben. Bei Hitler und Stalin (wenn man sich mal auf Dehms merkwürdiges Bild einlässt) kann man zwar sagen, dass sich eine “Entscheidung” zwischen ihnen aufgrund der immensen Blutspur, die sie hinterließen, verbietet. Das ändert aber nix daran, dass es dennoch erhebliche Unterschiede zwischen den beiden gibt.
Flapsig: Dehm hat zu allem Übel der Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie einen Bärendienst erwiesen.