Rätseln und Beraten
So viel ist immerhin sicher: Es hat am Montag viele Telefonate gegeben, in denen auf der einen Seite um jeden noch so klitzekleinen Hinweis gebettelt wurde – doch die andere hart blieb. Wer wird die Kandidatin der Linken für die Wahl des Bundespräsidenten am 30. Juni? Die einen, etwa die Leipziger Volkszeitung, wollen sicher erfahren haben, dass es die Schriftstellerin und Freitag-Herausgeberin Daniela Dahn ist, die am Dienstag in der Bundestagsfraktion vorgestellt werden soll. Die anderen hatten Informationen darüber, dass es jemand anderes ist – eine Frau aus dem Westen, wie es zum Beispiel in der Tageszeitung heißt. Im Laufe des Tages wird das Rätsel gelöst, die Debatte über das Vorgehen der Linken in der Bundesversammlung wird damit aber nicht beendet sein. Die Frage, ob man Joachim Gauck in einem zweiten oder dritten Wahlgang unterstützen könnte, um gegebenenfalls Schwarz-Gelb an den Rand einer Niederlage zu bringen, die ein bundespolitisches Beben auslösen würde, ist in der Partei jedenfalls weiter umstritten.
Klaus Ernst erklärte, es mache jetzt keinen Sinn, darüber zu spekulieren: „Das wird unsere Delegation dann beraten, wenn es notwendig wird.“ Spitzenpolitiker der Linken wie Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch wollen die Tür für eine taktische Stimmabgabe aber auf jeden Fall offenhalten, auch die schroffe Ablehnung des früheren Stasi-Beauftragten ist keineswegs einhellige Meinung. Zwar gebe es „logischerweise viele Vorbehalte“, sagt der Bundestagsabgeordnete Jan Korte, Gauck habe die Linke aber zum Beispiel im Bemühen unterstützt, eine Rehabilitierung für die so genannten Kriegsverräter durchzusetzen. Anderswo wirkt der Name wie ein rotes Tuch. Die Junge Welt zitiert Nele Hirsch vom linken Parteiflügel mit den Worten: „Gauck ist für die Linke nicht wählbar, weder im ersten noch im zweiten oder irgendeinem anderen Wahlgang.“
Geblieben ist bei manchen Linkspolitikern die Skepsis, ob es überhaupt sinnvoll ist, mit einer eigenen Bewerberin ins Rennen zu gehen. Und inzwischen gibt es auch Kritik am Verfahren der Kandidatenfindung. „Ich hätte mir ein transparenteres Verfahren mit größerer Beteiligung gewünscht“, wird etwa Steffen Bockhahn in der Süddeutschen zitiert, der allerdings auch auf die besonderen Umstände verwies. Zu denen gehört offenbar auch, dass selbst den Mitgliedern des geschäftsführenden Vorstandes kein Name genannt wurde. Bundesgeschäftsführerin Caren Lay erklärte indes, es habe weder im Vorstand noch in einer Telefonkonferenz mit Ländervertretern Kritik am Procedere gegeben. (tos)
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Rätseln, beraten und dann :betretenes Schweigen. Das denn sonst?