Politik, Medien, Statistik

Politik, Medien, Statistik

Bild 4Der vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen vorgelegte Zwischenbericht einer Studie über „Gewalt gegen Polizeibeamte“ hat das erwartete und wohl auch erhoffte Medienecho ausgelöst: Von einer „dramatischen Zunahme“ ist die Rede (etwa hier), das Vorgehen gegen die Uniformierten werde „immer brutaler“ (etwa hier) – und gern wird auch das Foto eines steinwerfenden “Autonomen” dazugestellt. Eine Ziffer, die in fast allen Berichten auftaucht, soll die „wachsenden Aggressionen“ belegen: „Die Zahl der schwer verletzten Polizisten nahm laut der Studie von 2005 bis 2009 um bis zu 60 Prozent zu.“ Es folgen die üblichen Forderungen nach einer Verschärfung des Strafrechts – und Appelle für „Bündnisse gegen Linksextremismus“. Dabei taugt die Studie weder dazu, das eine noch das andere zu begründen. Der mediale Umgang mit dem Zwischenbericht kann allenfalls als Beleg für einen auf Empörung gebürsteten Journalismus herhalten, der sich keine kritischen Fragen nach den Methoden solcher Untersuchungen stellt und notfalls weglässt, was ihm nicht in den Kram passt.

Zum Beispiel diese beiden Sätze: „ Allerdings bewegen sich die Fallzahlen auf einem relativ niedrigem Niveau (Anstieg von 203 auf 325 Fälle). Zudem stützt sich die Studie allein auf die Erinnerung der Beamten.“ Diese für die Bewertung der Studienergebnisse wichtigen Hinweise tickerte die Deutsche Presse-Agentur am Mittwoch in einer Zusammenfassung. In der Berichterstattung sucht man danach fast vergeblich – eine Ausnahme: Stern.de. Auch hat sich offenbar kaum jemand die Mühe gemacht, den Zwischenbericht wirklich zu lesen. Der ist nämlich selbst ziemlich vorsichtig – kein Wunder, hatte sich der Kriminologe, Ex-Minister und Autor Christian Pfeiffer doch auch früher schon mit heftiger Kritik an methodischen Fragwürdigkeiten seiner Arbeit auseinanderzusetzen.

Die Zunahme von „schweren Übergriffen mit mindestens siebentägiger Dienstunfähigkeit“ um 60 Prozent, welche nun in den Medien als Signalziffer die Runde macht, bewerten die Autoren der Studie selbst skeptisch. Es handele sich „noch nicht“ um den „empirisch ausreichend gesicherten Beleg für einen entsprechenden Anstieg“, weil die Angaben „überhöht sein könnten“. Bei den „sehr schweren Gewalttaten, die eine mehr als zweimonatige Dienstunfähigkeit zur Folge hatten“ sprechen die Autoren sogar von einem „völlig anderen Trend“: dem Anstieg der Fälle von 32 auf 52 bis 2007 folgte ein Rückgang auf 37 Fälle bis 2009. Drastische Zunahme?

Selbst wenn man sich die Angaben über leichtere Angriffe auf Polizisten vornimmt, kann man kaum zu einer solchen Bewertung kommen: Der Studie zufolge, deren Daten auf eine Online-Befragung zurückgehen, an der sich knapp 21.000 Polizisten beteiligten, haben 13 Prozent der Befragten angegeben, in den vergangenen fünf Jahren nach einem Angriff mindestens einen Tag dienstunfähig gewesen zu sein. Der Zwischenbericht schreibt dazu: „Fast jeder achte Beamte ist also zwischen 2005 und 2009 mindestens einmal Opfer einer Gewalttat mit nachfolgender Dienstunfähigkeit geworden.“ Gemeint ist jeder achte der an der Studie Beteiligten, das sind knapp 2.700 – im Verhältnis zur Gesamtzahl der Polizeibeamten in Deutschland (nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 260.000 Polizisten bei Bund und Ländern) ist das eine eher geringe Zahl.

“Gewalt ist Mist, auch Gewalt gegen Polizeibeamte”, schreibt heute die Tageszeitung. Es geht hier nicht darum, Übergriffe gegen Polizisten kleinzureden. Sondern um eine Kritik des medialen Umgangs mit, nun ja: wissenschaftlichen Ergebnissen. Die Forderung nach einem stärkeren Vorgehen gegen „Linksextremisten“ zum Beispiel, kann sich vielleicht auf die politische Blockwartmentalität jener stützen, die sie erheben – aber auch auf die Pfeiffer-Studie? Kaum. „Die häufigsten Situationen, in denen Polizisten Opfer von Gewalt würden, seien Streitfälle in Familien, Einsätze bei Ruhestörungen und bei linken Demonstrationen“, heißt es heute in vielen Zeitungen. In der Studie steht etwas anderes: Die weitaus meisten Übergriffe, so haben es Polizisten in der Online-Befragung aus ihrer Erinnerung heraus berichtet, seien im Zusammenhang mit Festnahmen bei Straftaten, oder dem Versuch diese zu begehen, geschehen. Es folgen Streitigkeiten außerhalb der Familie, familiäre Streitigkeiten, Störungen der öffentlichen Ordnung, Angriffe im Zusammenhang mit polizeilichen Maßnahmen im Verkehr – und dann erst Demonstrationen. Auf diese verteilen sich noch etwas mehr als acht Prozent der Übergriffe auf Polizisten. Pfeiffer und seine Ko-Autoren halten es hier für beachtenswert, „dass fast drei Viertel der schweren Verletzungen (sieben Tage und mehr Dienstunfähigkeit) durch Gewalttaten linker Demonstranten entstanden sind“. Und diese Formulierung schafft es dann auch in die Presse, wo sie mit mit Forderungen nach „Bündnissen gegen Linksextremisten“ in ihrer Wirkung verstärkt wird.

Aber wie viel sind drei Viertel von acht Prozent? Unabhängig von der Dauer der nachfolgenden Dienstunfähigkeit und der Art der Demonstration führt die Studie über den Zeitraum von 2005 bis 2009 insgesamt 316 Fälle auf, in denen Polizisten angegeben haben, von einem Übergriff betroffen gewesen zu sein. Bei den schwereren Attacken mit sieben und mehr Tagen Dienstunfähigkeit kommt man auf insgesamt 101 Fälle.

„Das KFN möchte mit diesem Forschungsprojekt einen Beitrag dazu leisten“, heißt es im Zwischenbericht von Pfeiffer und Co., „dass sich die öffentliche Debatte möglichst eng an den empirischen Fakten orientieren kann, die sich zur Gewalt gegen Polizeibeamte erarbeiten lassen.“ Und die Erde ist eine Scheibe. (tos)

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5 Kommentare zu “Politik, Medien, Statistik”

  1. Warum sagt:

    und jetzt soll mir bitte jemand erklären warum es für unsere Qualitätsjournalisten so schwierig ist solche Bullshitstudien zu hinterfragen.

  2. Eulenspiegel sagt:

    Das Problem scheint mir nicht eine schlechte Studie zu sein, sondern schlechter Journalismus (unfähig zu hinterfragen und genau zu recherchieren) und Populismus der Politiker als Mittel zum jeweiligen Zweck.

  3. Steve sagt:

    Das Statistiken nicht die Stärken der Medien sind, wird zum Beispiel hier immer wieder gezeigt: http://www.bildblog.de/search/statistik/

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