Gerüchteküche

Die Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen liefert derzeit Stoff für viele Gerüchte. Solange die SPD, welche die Initiative zu Gesprächen beansprucht, nicht aktiv wird, geht das so weiter. Zwar beteuern maßgebliche Sozialdemokraten immer wieder, dass ihre geringschätzige Meinung über die Linke sich nicht geändert habe, aber eine Hintertür bleibt in allen Formulierungen einen Spalt breit offen – nach der Wahl ist der Spalt sogar etwas größer geworden. Die Grünen zeigen sich da ein wenig offener, was den Druck auf Hannelore Kraft noch verstärkt. Niemand weiß im Moment Genaueres – außer manchen Beobachtern. Beispielsweise kann man hier nachlesen, dass eigentlich alles schon geritzt ist. Kraft soll „wild entschlossen“ sein, mit der Linken und den Grünen zu koalieren; man habe dem Linke-Spitzenkandidaten Wolfgang Zimmermann sogar schon das Arbeits- und Sozialministerium angeboten. Leider hat das Ganze keine Quelle; es ist eben ein Gerücht, wenngleich ein Nettes. An Gerüchten ganz anderer Art basteln Leute, die Rot-Grün-Rot um jeden Preis verhindern wollen.

Politische und journalistische Gesinnungsprüfer durchleuchten – wie schon vor der Wahl – auch jetzt akribisch die neue Linksfraktion und sind auf der Jagd nach einer möglichst hohen Extremistenquote. Um die zu erreichen, darf man nicht kleinlich sein. Einigen Linksabgeordneten wird beispielsweise in anklagendem Ton vorgeworfen, dass sie die DDR für einen legitimen Versuch halten. Das ist offensichtlich ein mittelschweres Vergehen. Die Frage ist, was nach Meinung der Gesinnungsprüfer korrekt wäre: Die DDR als Verbrecherladen von Anfang an – etwas in der Art? Eine Abgeordnete der Linken kann sich nicht mit dem Begriff Unrechtsstaat anfreunden. Dass dieser politische Kampfbegriff unter Juristen schwer umstritten ist, das ist den Gesinnungsprüfern wurscht. Differenzierte Betrachtung offenbar sowieso. Da fragt man sich, wann beispielsweise die Unrechtsstaats-Leugnung unter Strafe gestellt wird. Der Berliner Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer sagte in Report Mainz dazu, es gebe “immer noch Personen innerhalb der Linken, die die DDR-Vergangenheit verklären und sie auch zu legitimieren versuchen”. Was soll das heißen: die DDR zu legitimieren versuchen? Hat sie womöglich gar nicht richtig existiert? Da wäre der Professor aus Berlin noch eine Erklärung schuldig.

Gerücht Nummer drei bezieht sich auf eine brachiale Lösung des Koalitionsproblems. Angeblich fühle die SPD bei den Linksabgeordneten vor, ob nicht ein Überläufer zu finden ist. Dann nämlich würde es für SPD + 1 und Grüne reichen. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, am Montag in einem Fernsehinterview danach befragt, antwortete vielsagend lächelnd, leider fielen Ostern und Weihnachten nur selten auf einen Tag. Ein Dementi war das beim besten Willen nicht. Vielleicht ist es ja nur ein Gerücht, dass es sich dabei um ein Gerücht handelt.

Definitiv kein Gerücht ist indessen, dass die Linkspartei es ablehnt, in NRW eine rot-grüne Minderheitsregierung zu tolerieren. Was vor zwei Jahren in Hessen noch diskutiert und versucht wurde, kommt offenbar nicht mehr in Frage. Die Linke, jetzt in sieben westdeutschen Landtagen vertreten, besteht darauf, als vollwertiger Partner akzeptiert zu werden. Thüringens Fraktionschef Bodo Ramelow bezeichnete eine Düsseldorfer Linksregierung inklusive Linke als Tauglichkeitstest für seine Partei. Man darf hinzufügen: Angesichts der Größe des Landes und seiner bundespolitischen Bedeutung würde der Tauglichkeitstest um einiges härter, als er etwa im Kleinstaat Saarland ausgefallen wäre. Insofern darf man einem künftigen Sozialminister Zimmermann schon jetzt alles Gute wünschen – falls das mehr ist als nur ein Gerücht. (wh)

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7 Kommentare zu “Gerüchteküche”

  1. esteffan sagt:

    lt. wikipedia bdeutetet Legitimität in der Politikwissenschaft “Die Rechtmäßigkeit eines Staates und seines Herrschaftssystems durch Einhaltung bestimmter Grundsätze und Wertvorstellungen”

    Die DDR wurde weder demokratischen, noch sozialistsichen oder gar emanzipatorischen Grundsätzen und Wertvorstellungen gerecht.

    Wenn man sich umsieht und umhört, wird ersichtich, dass es die Überhöhung der DDR in der Linken noch gibt, wenn auch mit abnehemnder Tendenz.

    Wenn Niemeyer darauf eingeht, hat er einfach recht – auch wenn seine Intention vieleicht nicht die ist, die Problematik anzusprechen, um einen Lernprozess in der Linken zu unterstützen…

  2. wh sagt:

    @esteffan: in der politischen auseinandersetzung geht es beim ddr-legitimitätsstreit meistens darum, der ddr das existenzrecht von vornherein abzusprechen. siehe auch die aufforderung von bundesjustizminsiter kinkel anfang der 90er, die ddr zu delegitimieren. das hat dann nichts mehr mit demokratischen defiziten usw. zu tun, sondern nur noch mit der einen frage: durften die das überhaupt? und da meine ich schon: sie durften. wobei das ganze sowieso keine freiwillige veranstaltung war, weder in ost noch in west, denn deutschland wurde bekanntlich von den siegermächten geteilt und in den jeweiligen Zonen massiv beeinflusst.

  3. Mario Gesiarz sagt:

    Warum vergeuden wir soviel Zeit und Raum an Gerüchte?

  4. esteffan sagt:

    @wh

    ich halte wenig davon, den ddr-versuch dadurch zu legitimieren, dass man keine wahl gehabt hätte oder ähnliches.

    nein, “sie” durften es nicht, denn spätestens ab 1961 war klar, dass das u.a. nur durch massive freiheitseinschränkung und Repression “funktionierte”.

    Die Legitimitäts-Diskussion ist ja auch die Fortsetzung des Alleinvertretungsanspruches. So fragwürdig dieser Anspruch völkerrechtlich auch war, er war für viele Leute die mehr persönliche Freiheit und mehr demokratische Teilhabe suchten in der Praxis eine Chance, dies im Westen zu finden – wenn sie es denn mal rüber geschafft hatten.

    Insofern: Da die DDR weder links, noch demokratisch, noch sozialistisch sondern Stalinismus als System war (also auch über 53 bzw. 56 hinaus), war sie damit auch aus heutiger linker sicht nicht legitim. Ganz unabhängig davon, ob die Welt an anderen Orten vielleicht noch schlechter war. Das in einen linken Diskurs einzubauen ist aus meiner Sicht absolut notwendig für das Nachdenken über Perspektiven.

  5. Detlef Obens sagt:

    Vermutlich wird die NRW-Linke keine nennenswerte Rolle mehr im Koalitionspoker mehr spielen, nachdem die FDP Gesprächsbereitschaft signalisiert hat und einige “Spitzenfrauen” der Linken sich sehr blamiert haben!
    Siehe meinen Kommentar: http://www.demokratisch-links.de/linkspartei-und-die-ddr

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