Voller Ernst

Besucher der Dresdner DGB-Kundgebung am 1. Mai müssen diesmal
leider auf die Teilnahme der CDU verzichten. Die hält es für unerträglich, dass einer der Redner Klaus Ernst sein soll, der designierte Vorsitzende der Linkspartei. Lars Rohwer, der Dresdner CDU-Vorsitzende, der 1990 schon als 18-Jähriger in den Landtag einzog und inzwischen den Sprung von der Kaderreserve zur Nomenklatur seiner Partei geschafft hat, arbeitete gleich mehrere Gründe dafür heraus, warum die Christdemokraten den Redner Ernst nicht akzeptieren wollen.

Erstens: Ernst sei bekennender Marxist. Das lässt sich zwar nur schwer beweisen, denn nicht jeder Linke muss gleich Marxist sein, und dann auch noch ein bekennender. Bei Klaus Ernst gab es bisher keine Anzeichen dafür, aber die feinen Unterschiede zwischen bekennend marxistischen und weniger marxistischen Linken sind dem CDU-Mann bisher wohl verborgen geblieben. Beim Marxistischen Forum wird er starke Heiterkeit auslösen. Zweitens: Die Reden sollen zwischen der Hof- und der Frauenkirche gehalten werden, und das sei besonders unsensibel gegenüber den Gläubigen. Eine interessante Feststellung – bisher war nicht bekannt, dass in Sachsen ein antiatheistischer Bannkreis um die Kirchen gezogen wurde. Drittens: Die Lehre von Marx sei ohne die Bibel nicht denkbar gewesen. Oha, ein neuer Aspekt in der Marxismus-Debatte. Viertens: Marx habe eine Welt ohne Gott schaffen wollen. Sagen wir so: Marx wollte eine Welt ohne Ausbeutung; ob mit oder ohne Gott, war nicht so wichtig. Wenn es keinen Gott gibt, dann konnte Marx ihn auch nicht abschaffen. Wenn es doch einen geben sollte, hätte selbst Marx ihn wahrscheinlich nicht absetzen können. Fünftens: Der real existierende Sozialismus als Praxis zur marxistischen Theorie. Achtung: 40 Jahre! Blöderweise ist Ernst aber Bayer, mit der DDR hatte er weniger zu tun als beispielsweise Lars Rohwer. Sechstens: Ernst sei ein reiner Parteipolitiker und habe weder Regierungs- noch Fraktionsamt. Leider falsch. Klaus Ernst ist stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag und außerdem noch 1. Bevollmächtigter der IG Metall in Schweinfurth. Ernst ist genau so ein Parteipolitiker wie Rohwer.

Der Dresdner DGB hat sich erstaunt über die Absage der lokalen CDU geäußert – bisher habe diese sich nicht an den Vorbereitungen zum 1. Mai beteiligt, könne als auch nicht aussteigen. Übrigens sprechen in Görlitz, gut 50 Kilometer östlich von Dresden, am 1. Mai Sachsens CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer und die Links-Europaabgeordnete Cornelia Ernst. Vielleicht liegt es nur daran, dass die Bühne dort nicht zwischen zwei Kirchen steht. (wh)

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6 Kommentare zu “Voller Ernst”

  1. Morla sagt:

    OMG, diese Heuchler und Pharisäer!
    Die würde doch glatt dieser, bemerkenswerte und deshalb leider ermordete, junge Mann aus Nazareth standebene zum Tempel hinausjagen.

    Da sieht man mal wieder, ist die “Katze” aus dem Haus, tanzen die, sich christlich nennenden Mäuse auf dem Tisch . . .

  2. Anton Ym sagt:

    >>Drittens: Die Lehre von Marx sei ohne die Bibel nicht denkbar gewesen.

    Also ist Marxismus eigentlich eine Kernkompetenz der CDU?

  3. wh sagt:

    Nun hat Gerhard Besier, Historiker und sächsischer Linksabgeordneter, dem CDU-Politiker Rohwer ein Hassverhältnis zum politischen Gegner vorgeworfen. Rohwer zementiere sein Feindbild Linke und diskreditiere sich selbst, sagte Besier in einem Interview. Besier kennt sich mit Extremdemokraten aus: Er leitete fünf Jahre lang das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung.

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