Ein alter Vorschlag

Ein alter Vorschlag

Volkskammer_Quelle_Weblog.al

Ein „unmissverständliches Plebiszit zur deutschen Einheit“ hat Lothar
de Maizière in einer Feierstunde die letzte Volkskammerwahl am 18. März 1990 genannt. Der Urnengang war einer im Wortsinne, sein Ergebnis die letzte Ölung für die DDR. Nun muss man darüber nicht traurig sein, eher über die vergebene Chance, etwas Anderes, Besseres zu versuchen. Immerhin hatte der Runde Tisch noch am 14. März über die Verfassung für eine eigenständige Republik diskutiert. Doch der Zug war abgefahren. „Helmut Kohl hat die Volkskammerwahl in der DDR gewonnen. Ein Auswärtssieg nach einem Heimspiel“, heißt es auf freitag.de. Doch die Stimmen für D-Mark und „Wiedervereinigung“ kamen aus dem Osten.

Trotzdem war das gewählte DDR-Parlament, dessen Aufgabe im Prinzip darin bestand, sich selbst und einen Staat abzuwickeln, keineswegs zur „Vertretung des ganzen Volkes“ geworden, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert meint. Schließlich wollte eine beachtliche Minderheit die Einheit nicht – im Osten wie im Westen. Dokumentiert wurde das unter anderem auf einer Demonstration am Vorabend der Wahl in Berlin, wo rund 20.000 für eine unabhängige DDR auf die Straße gingen: „Am 18. März keine Stimme den Anschlussparteien.“ Das Symbol gegen den „Salto rückwärts zur kapitalistischen Hackordnung“, wie es damals im Aufruf hieß, ging im allgemeinen Taumel unter und spielt auch im Rückblick nur selten eine Rolle. „Die demokratische Reife eines politischen Systems zeige sich vor allem am Vorhandensein einer Opposition in ihren politischen Wirkungsmöglichkeiten“, gibt die Presseabteilung des Bundestags die 20-Jahr-Rede seines Präsidenten wieder. Doch die Wirkungsmöglichkeiten derer, die 1990 den Zug der Gemeinde nicht mitmachen, die sich die Lust am politischen Experiment in einer anderen DDR nicht abkaufen lassen wollten, oder die, aus dem Westen die Angelegenheit beobachtend, wichtige Gründe gegen ein größeres Deutschland hatten, deren Wirkungsmöglichkeiten waren doch eher beschränkt. Auf nostalgischen Rückzug oder augenzwinkernde Radikalität.

Weshalb an einen alten Vorschlag von Jürgen Reents erinnert werden soll – die Abtrennung der „Bunten Republik Nordanien“, in der alle Gegner der Einheit in einem eigenen Staat irgendwo an Nord- oder Ostsee zusammenfinden könnten, dessen Territorium ihrem Anteil an der Bevölkerung in Ost und West entspricht. Formuliert im Frühjahr 1990, machte er über Konkret, die Weltbühne und den Spiegel die Runde – wurde dann aber von jener Zeitung, in der Reents heute Chefredakteur ist, im Bierernst ertränkt. „Deutschland wiederum zu teilen, diesmal freiwillig, wäre die schlechteste Lösung“, beschied das gerade gewendete Neue Deutschland mit erhobenem Zeigefinger, „ein demokratischer, friedfertiger Rechtsstaat, der nicht den Stempel der Intoleranz gegenüber Andersdenkenden trägt, ist allemal vorzuziehen.“

Als ob es damals noch eine Alternative zum Vorziehen gegeben hätte. Dann doch lieber auf Traumreise nach Nordanien, jene „freie und bunte Republik irgendwo am Rande“, die „kein Militär gegen irgendjemand, dafür Asyl für alle hätte“. Und in der ein Film wie Die Grenze sicher das große Gelächter jener hervorgerufen hätte, die es besser wissen.
(tos, Foto: Weblog.al)

Drucken Drucken

Kommentiere:

| Kommentare werden moderiert |