Das Stasi-Problem der “Welt”
Wenn das Material wenig hergibt, kann man immer noch in der Überschrift so tun als ob. „Das Stasi-Problem der künftigen Linkspartei-Chefin“, schlagzeilt die Welt, und meint doch vor allem eine Akte über deren Ehemann Ronald. Um diese hat sich die Zeitung offenbar bei der Birthler-Behörde bemüht, um damit – ja, was eigentlich? Jedenfalls nicht, um der interessanten Frage nachzugehen, wie und unter welchen Umständen jemand wie Lötzsch, der 1957 im Gefolge einer SED-Kampagne gegen die „Schröder-Lucht-Gruppe“ (mehr hier) für drei Jahre wegen angeblicher Beihilfe zum Staatsverrat ins DDR-Gefängnis kam, nach seiner Entlassung eine Verpflichtungserklärung bei der Staatssicherheit unterschrieben hat und, jedenfalls nach Aktenlage, Kollegen ausspioniert haben soll. Das wäre mal eine Geschichte gewesen, eine allerdings, die nur mit der Fähigkeit zur differenzierten Betrachtung zu erzählen wäre; eine, die voraussetzt, dass man sich den Schaum vorm Mund erst einmal abwischt.
Es geht hier nicht um Verniedlichung oder um Empathie mit Leuten, die sich aus schlechten Gründen an Falschem beteiligten. Sondern um all die Anderen, um die spannende Frage, wie die DDR in diesem, ihr heutiges Bild so sehr dominierendem „Sektor“ wirklich funktioniert hat. Der sächsische Beauftragte für die Stasi-Unterlagen hat 2008 darauf hingewiesen, dass das MfS sich meist solche Menschen ausgesucht hat, „die eine gewisse Distanz zum politischen System erkennen ließen; denen sich auch Kritiker anvertrauen würden. Und diese sind dann, so sie nicht sofort einknickten, mehr oder weniger stark genötigt, oft auch richtiggehend erpresst und getäuscht worden, um einer Zusammenarbeit mit der Stasi zuzustimmen“. Auch im Fall Ronald Lötzsch? Das wäre mal eine interessante Perspektive gewesen, eine, welche die IMs nicht plakativ als böse Täter begreift, sondern nach den Bedingungen fragt, unter denen Menschen jenen Stasi-Zettel unterschrieben, der heute etwas Schwarz auf Weiß zu belegen meint, das in damaliger Wirklichkeit viele Grautöne kannte. Aber der Welt geht es ja gar nicht um Ronald Lötzsch, sondern um seine Frau Gesine, die im Mai zur Linken-Vorsitzenden gewählt werden soll, deren Haltung zur DDR das Blatt nicht goutiert und die sowieso in der falschen Partei ist. Man könnte fast sagen, das Blatt hat so etwas wie ein Stasi-Problem. (tos)
Dokumentiert: Erklärung von Gesine Lötzsch
„Birthler-Akten über meinen Ehemann
Nach Presseinformationen hat die Birthler-Behörde Akten über meinen Ehemann gefunden. Diese Akten liegen weder meinem Mann noch mir vor.
Ohne die Akten zu kennen, kann ich drei Dinge feststellen:
1.Im Rahmen des Prozesses gegen die sogenannte “Schröder-Lucht- Gruppe” wurde mein Mann 1957 zur Haft im Gefängnis der Staatssicherheit Bautzen II wegen angeblicher Beihilfe zum Staatsverrat verurteilt und war dort drei Jahre inhaftiert.
2.Ich habe nichts, was ich bisher über meinen Ehemann gesagt habe, zurückzunehmen.
3.Jedem Versuch, das Schicksal meines Mannes für durchsichtige Kampagnen zu missbrauchen, werde ich entgegentreten.”
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Der Tagesspiegel schreibt: In dem Blog „Lafontaines Linke“, der sich mit der Linkspartei befasst, zitierte der Journalist Tom Strohschneider aus einer Rede, die der sächsische Stasi-Landesbeauftragte Michael Beleites 2008 zur Rolle der Stasi-IM gehalten hatte. Demnach habe sich das MfS meist solche Menschen ausgesucht, „die eine gewisse Distanz zum politischen System erkennen ließen“. Oft seien diese „mehr oder weniger stark genötigt, oft auch richtiggehend erpresst und getäuscht worden, um einer Zusammenarbeit mit der Stasi zuzustimmen“. Zu untersuchen, ob das auch auf den Fall Lötzsch zutreffe, wäre „mal eine interessante Perspektive“ gewesen, so Strohschneider. Eine solche Geschichte aber sei „nur mit der Fähigkeit zur differenzierten Betrachtung zu erzählen“.
http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/Gesine-Loetzsch-Linke-Stasi;art122,3058941