Noch welche Weile?

Als sich Ende Januar das Institut Solidarische Moderne gründete,
haben die Initiatoren immer wieder darauf verwiesen, dass es nicht um tagespolitische Intervention geht. Sondern, so hat es jetzt noch einmal Andrea Ypsilanti formuliert, „dass wir uns Zeit nehmen sehr ausführlich über geschlossene Politikkonzepte zu diskutieren“. Die Gründung liegt jetzt knapp fünf Wochen zurück, von der medialen Aufmerksamkeit der ersten Tage ist nicht mehr viel geblieben und von einer Debatte über Konzepte kann ehrlicherweise auch nicht die Rede sein. Man hätte mehr erwartet. Am vergangenen Wochenende fand die erste Vorstandssitzung des Instituts statt, Sven Giegold von der Grünen freute sich über inzwischen 1.100 Mitglieder und über 5.000 Interessierte. Man wollte mehr erfahren. „Wir sind sehr bemüht, rasch eine funktionsfähige Organisation aufzubauen. Nach eigner Einschätzung haben wir den Anfang auch gut bewältigt, aber bis zur Behandlung von thematischen Sachfragen wird es noch eine Weile dauern“, heißt es auf der Institutsseite, die immer noch nicht den Anforderungen entspricht, die man an eine Diskursmaschine, eine Denkfabrik, eine politische Debattenplattform stellt. Man wünscht sich Besserung. Der Gründungsaufruf hat sieben Schwerpunkte genannt und dazu jede Menge offene Fragen aufgeführt. Preguntando caminamos, steht in dem Papier – aber eben nicht nur.

Wer sich Zeit nehmen will für Antworten, muss deshalb nicht darauf verzichten, die Debatte zu strukturieren. „Vernetzt im Denken, kollektiv im Handeln“, lautet ein Zitat aus dem ISM-Papier, und so hätte man sich vorstellen können, dass die Website des Instituts schon einmal Texte zusammenbringt, den bisherigen Stand der Diskussion darstellt, einen kommunikativen Raum absteckt, mit Zeitungen, Blogs, anderen Instituten verlinkt. Dem eigenen Anspruch gemäß könnte, ja müsste das in einer Weise geschehen, die schon „das Andere“ versucht: mit einem offenen Redaktionssystem, als sich fortentwickelnde Diskussion, gewissermaßen von unten nach oben. Wenn das „Sekretariat“ des Instituts derzeit nicht dazu in der Lage ist, wird es dafür Gründe geben. Ist es vielleicht den Gedanken wert, die Sache in selbstorganisierter Form trotzdem anzugehen, also gewissermaßen „ausgelagert“?

Die Facebook-Seite des Instituts ist bisher kein Ersatz. Dort wurde zwar eine bessere Vernetzung der Einzelinteressenten vorgeschlagen (“Links sammeln, uns ggf. gegenseitig verlinken etc.”), das aber bisher weitgehend ohne Erfolg. Die Diskussion der Gruppe mäandert ein wenig ziellos zwischen Selbstverständnis, Community-Regeln und Sachfragen hin und her. Hier gibt es ein “Gespräche” über eine Bürgerversicherung in der Gesundheitspolitik, dort wirbt jemand für sein Buch zur Allmählichen Revolution und da erinnert jemand an einen Crossover-Text aus Analyse & Kritik von 2007. Eine kleine Diskussion zur Kritik von Albrecht Müller auf den Nachdenkseiten.de, in der es um die Frage von Sprachduktus, dem Verhältnis von Wissenschaftlichkeit und Populärwirkung, sowie über  gesellschaftliche Komplexität und entsprechende Problemlösungen geht, findet man hier – mit Stephan Lessenich beteiligt sich hier immerhin einer der Autoren des Gründungsaufrufs.

Gerade weil die Initiatoren-Riege so umfangreich ist, wäre ein bisschen mehr Kommunikation dringend nötig. Mag sein, dass die Unterzeichner über Email-Listen miteinander vernetzt sind – ein Teil der “Basis”, also Interessierte und Mitglieder, fühlt sich derzeit offenbar schon ein wenig abgehängt: “Weder auf der Homepage des ISM noch hier ist eine fortlaufende Berichterstattung oder eine Zusammenfassung zu finden. Ist die Vorstandssitzung ausgefallen oder gab es so viele Ideen und Beschlüsse, daß die schriftliche Niederlegung quantitative Schwierigkeiten bereitet? Nicht sehr überzeugend”, gieß es auf Facebook Anfang dieser Woche. Die Informationen von der Vorstandssitzung seien ldiglich “einige dürre Knochen fürs hungrige Facebook-Volk”.

Ist die Ungeduld zu groß? Fehlt die Erkenntnis, dass große Dinge nun einmal Zeit brauchen? Oder ist es doch eher so, dass hier ein wenig die Vorbereitung gefehlt hat, und nun ein erster Schwung nicht genutzt werden kann? Die bekannt gewordene Terminplanung lässt das Institut Solidarische Moderne jedenfalls ein wenig als reformalternative Schnecke erscheinen: “Inhaltlich soll es für Studien, weitere Tagungen usw. ein Schwerpunktthema für die ganze nächste Zeit geben: Arbeit, ökologisch-soziale Transformation der Ökonomie & damit verbunden demekratischer Sozialstaat”, schreibt da Vorstandsmitglied Sven Giegold. “Wie wir das genauer machen, wird besprochen, auf der Klausurtagung des ISM-Vorstands im März.” Die erste ordentliche Mitgliederversammlung des Instituts-Vereins ist für Juni geplant und soll in Berlin. Anfang September wird es dann die “Summer Factory” zu bildungspolitischen Themen geben. (tos)

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3 Kommentare zu “Noch welche Weile?”

  1. wo kann ich sagt:

    “Dem eigenen Anspruch gemäß könnte, ja müsste das in einer Weise geschehen, die schon „das Andere“ versucht: mit einem offenen…” – was meinst du damit?

  2. tos sagt:

    @wo kann ich: Gemeint ist der begrüßenswerte Selbstanspruch des ISM, der im Gründungsaufruf zum Ausdruck kommt und unter anderem “die Selbstermächtigung der Menschen” und “die effektive Mitwirkung der BürgerInnen” als Ziel nennt. Wie man dies garantiert und organisiert ist nicht nur eine Frage mit Blick auf “eine andere Gesellschaft”, von der das ISM spricht, sondern auch für das Institut selbst. Eine selbstorganisierte Debatte über Ziele, Formen und so weiter sollte nicht unbedingt auf Facebook begrenzt bleiben, weil sich auf dieser Plattform nicht jeder tummeln möchte. Außerdem ist die Struktur dort nicht so gut geeignet wie zum Beispiel ein Wiki.

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