Parteilich sein

„Unser Parteivorstand ist weder die junge Welt, noch das Neue Deutschland, geschweige denn der Spiegel oder Stern online“. Auch dieser Satz aus der Rede von Gregor Gysi hat einige Verbreitung gefunden – zum Beispiel über die zuerst genannte Zeitung. Der Fraktionschef hat mit seiner Formulierung andeuten wollen, dass die Linke sich ihre innerparteilichen Debatten nicht aus der Hand nehmen lassen soll – was ja meist passiert, wenn versucht wird, über die mediale Bande zu spielen: „Wir sind die Partei!“, warnte Gysi. Nun weiß auch der Fraktionschef, dass die Linke aus allerlei Strömungen und informellen Bündnissen besteht, die sich in vielen Fragen nicht grün sind und deren Streit in einer Öffentlichkeit stattfindet, die der Partei als Ganzes nicht gerade wohlgesonnen ist. Für „Mitglieder der Linkspartei“ müssten deshalb mindestens Springers Blätter und der Spiegel sowie Focus „für den parteiinternen Diskurs absolut tabu sein“, konnte man vor einiger Zeit auch in der jungen Welt lesen. Das Blatt selbst nimmt für sich in Anspruch, in diesen Konflikten parteilich sein zu dürfen.

Ein Problem? Das kommt darauf an. In der jungen Welt hatte eine bestimmte Lesart des Streits um Dietmar Bartsch zuerst den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Unter anderem mit der anonym weiterzitierten Behauptung, dass „die Falschinformationen, mit denen Lafontaine beschädigt werde, ausgerechnet vom Bundesgeschäftsführer an die Presse gespielt wurden“. Nun hat Gysi am Montag Bartsch zum Auslöser der Debatte erklärt, am Anfang des Ganzen habe ein Fehler des Bundesgeschäftsführers gestanden. Die junge Welt, die den Konflikt in den vergangenen Wochen mehr bearbeitet als begleitet hat, schrieb: „Hintergrund des Konflikts“ sei, dass Bartsch „einige Medien über eine angebliche Affäre des Partei- und Fraktionsvorsitzenden Oskar Lafontaine mit einer Bundestagsabgeordneten informiert haben“ soll. Durch beständige Wiederholung ist der Eindruck erweckt worden, genau das sei der Kern des Problems mit dem Bundesgeschäftsführer – so war nicht zuletzt der Tenor der offenen und an die Öffentlichkeit durchgestochenen Briefe der Bartsch-Kritiker, und irgendwann druckten es viele Zeitungen einfach nach. Doch von einem solchen Vorwurf war am Montag keineswegs die Rede und einen Beleg dafür hat auch noch niemand beigebracht.

Die Gerüchte sind weit älter und wer unter Journalistenkollegen fragt, bekommt zur Antwort, man habe von dieser angeblichen Affäre auch schon schon vor Jahren gehört. Gysi hatte zu den beiden „Fehlern“ Bartschs auf Nachfragen erklärt, der eine sei die im Spiegel zitierte Äußerung, nach der es „schon Anfang des Jahres (…) im engsten Führungskreis Diskussionen darüber“ gegeben habe, dass Lafontaine „nach der Wahl nicht mehr die Fraktion führen wird“. Ähnliches hatte er auch vorher schon öffentlich angedeutet, etwa im Neuen Deutschland. Bliebe am Ende als konkreter Vorhalt übrig, dass Bartsch ausgeplaudert habe, was ja auch viele längst wussten: Dass Oskar Lafontaine das Zentrum seines politischen Wirkens nicht im Karl-Liebknecht-Haus sah, weshalb der dortige Ko-Vorsitzenden-Schreibtisch leer geblieben sei. Ist das etwa der Skandal, der rechtfertigt, „Bartsch unter Beschuss“ zu nehmen, wie es in der Sprache der jungen Welt hieß? Natürlich geht es natürlich wie alle wissen um anderes – um Programmfragen, die Regierungsdebatte, die Machtarchitektur an der Spitze der Linkspartei, den Einfluss von Strömungen auf die Politik, offene Rechnungen aus alten Zeiten und so weiter. Eine von denen muss Bartsch nun offenbar bezahlen.

Unlängst wurde hier in einem Kommentar gefragt, warum der Blog nicht „Bartschs Linke“ heißt – offenbar, weil hier Fragen gestellt wurden, die nicht in die von einem Teil der Linkspartei angefeuerte Stimmung gegen den Bundesgeschäftsführer passte. Es klang ein wenig wie ein Vorwurf: parteilich zu sein. Nun ja, das hier ist nicht die Außenstelle von irgendwem. Wo es angebracht ist, wird auch hinter die ressentimentgeladene Kritik an der “Linken” in der Linkspartei geleuchtet. Am Wochenende etwa druckte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Text über die „Antiimperialistische Front“ – gemeint waren die so genannten Fundis, die die Außenpolitik der Linkspartei dominieren würden. In dem Text erfährt man viel über die Vergangenheit von Politikern, ein allgemeines Geraune über Stasi, Trotzki und „Gesinnungsfreunde“. Über außenpolitische Differenzen in der Linken erfährt man in dem Text nichts. (tos)

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3 Kommentare zu “Parteilich sein”

  1. Mathis Oberhof, Schildow b.Berlin sagt:

    Am Wochenende etwa druckte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Text über die „Antiimperialistische Front“ …….
    Sonst gibts bei Lafos-Linke immer jede Menge LINKS (engl) hier nicht?

  2. tos sagt:

    Gibt es doch – hier nachgereicht: Link. Es handelt sich aber um einen kostenpflichtigen Beitrag. Ich würde empfehlen, sich die zwei Euro zu sparen.

  3. Sascha Schlenzig sagt:

    Lieber Tom,

    für meinen Geschmack interpretierst du wieder zuviel in die ganze Sache hinein. Es ging und geht um das illoyale Verhalten von Bartsch und NICHT um die politischen Positionen, die Bartsch vertritt. Bartsch ist auch kein Bauernopfer für irgendwelche ungelösten Konflikt in meiner Partei. Diese Konflikte werden nicht durch den Nichtantritt von Bartsch gelöst, sondern nur durch politische Diskussion und harte politische Arbeit in der Gesellschaft.

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