Rhetorikkurs, Teil 2

Als Gregor Gysi letzten Montag im Berliner Congress Centrum ans Rednerpult trat, begann er seinen Vortrag mit einem Scherz. Als letzter zu sprechen habe einen Nach- und einen Vorteil: Der Nachteil sei, dass schon alles gesagt wurde; der Vorteil, dass ihm niemand mehr widersprechen könne. Der Saal lachte und klatschte. Ja, der Gregor. Aber dann stellte sich heraus, dass es doch kein Scherz war, sondern beinharter Ernst. Denn es zeigte sich, dass Gysi, nachdem er wenige Tage zuvor Oskar Lafontaine am Krankenlager besucht hatte, doch etwas mitzuteilen hatte, was vor ihm Lothar Bisky gar nicht und Klaus Ernst höchstens andeutungsweise behandelt hatten: die Auseinandersetzung mit Dietmar Bartsch wegen vermeintlicher Illoyalität gegenüber Lafontaine. Und tatsächlich, widersprechen konnte niemand, auch nicht der Beschuldigte Bartsch, der das Ganze über sich ergehen lassen musste wie ein begossener Pudel. In dieser Situation hörte sich der Rechtsanwalt Gysi an wie ein Staatsanwalt.

Um die nach wie vor nicht stichhaltig bewiesenen Vorwürfe gegen Bartsch rankt sich seitdem eine heftige Debatte in der Linkspartei, die von der Führung nun mühsam gebändigt und beendet werden soll. Sie reißt deutlicher als die politische Konflikt über die Strategie der Linken, der dem ganzen Personalstreit wohl zu Grunde liegt, die Kluft zwischen Ost und West in der Partei auf. Und während sich nun die Landesvorsitzenden Ost für Bartsch ins Zeug legen und so offen wie wohl noch nie Gregor Gysi kritisieren, schweigen die Bundesvorsitzenden. Von Oskar Lafontaine könnte erstmals am Dienstag Abend beim Neujahrsampfang der Saar-Linken etwas zu hören sein, und auch Lothar Bisky, dem Vernehmen nach schwer frustriert über den Verlauf der Berliner Montags-Konferenz und die Folgen, ließ die ganze Woche nichts verlauten. Lediglich dem Spiegel knurrte er den bösen Satz hin, man habe sich große Mühe gegeben, den Stalinismus zu überwinden und wolle ihn nicht wieder durch die Hintertür einführen. Die nächsten Tage ist Bisky in Lateinamerika; er dürfte die Entfernung genießen.

Dass nun diejenigen, die sich an die Spitze der Bartsch-Kritik stellten, nach dem angekündigten Rückzug des Bundesgeschäftsführers in eine begütigende Tonlage verfallen, gibt dem ganzen Vorgang eine delikate Note. Gysi reagierte auf die Erklärung Bartschs mit dem Bekenntnis “Dietmar Bartsch war, ist und bleibt mein Freund”. Und Partei- und Fraktionsvize Klaus Ernst, der Tage zuvor erklärt hatte, es gebe mehrere, die das Amt des Bundesgeschäftsführers ausüben könnten, aber keinen, der Lafontaine ersetzen kann, kommentierte das eilige Asylangebot der SPD an Bartsch so: “Bevor Bartsch in die SPD geht, gewinnt Sigmar Gabriel einen Hundertmeterlauf.” Wer wollte es Bartsch verübeln, wenn ihn spätestens bei derart jovialen Beistands- und Treuebekundungen ein Gefühl der Demütigung beschleicht? (wh)

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3 Kommentare zu “Rhetorikkurs, Teil 2”

  1. Sascha Schlenzig sagt:

    Gregor Gysi hat Dietmar Bartsch vor seiner Rede mehrfach angeboten von sich aus seinen Rückzug anzukündigen. Gregor Gysi wurde von Dietmar Bartsch quasi genötigt, durch seine Rede den Druck auf seinen politischen Freund massiv zu erhöhen. Aus meiner Sicht hat Dietmar Bartsch kühl kalkuliert, schon seit Wochen. Wenn ich schon Anfang Dezember abschätzen konnte, wie der Konflikt ausgehen wird, warum konnte es nicht Dietmar Bartsch?! Er hätte Schlußfolgerungen ziehen sollen und damit die schädliche öffentliche Debatte abwenden können. Dietmar Bartsch ist politisch und strategisch genug, um die vor ihm liegenden Entwicklungen zu kalkulieren und daraus Schlußfolgerungen zu ziehen.

  2. Lesender Arbeiter sagt:

    @Sascha Schlenzig: Hat er das? Angeboten, von sich aus seinen Rückzug anzukündigen? Noch nie vorher davon gehört bisher. Gibts einen Beleg?

  3. wh sagt:

    nach allem, was man weiß, wurde nicht nur bartsch von gysis vorstoß an jenem montag überrascht, sondern auch (fast) alle anderen. beispielsweise bisky, immerhin parteivorsitzender. wo stand was anderes zu lesen?

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