Die schwierigsten Zeiten
Es war im Frühjahr 2006, ein kleines Besprechungszimmer im Karl-Liebknecht-Haus, drei Journalisten und zwei Männer: Ulrich Maurer, damals Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag, und Dietmar Bartsch, Bundesgeschäftsführer der Linkspartei. Die war im Herbst zuvor zwar schon gemeinsam mit der Wahlalternative ins Parlament eingezogen, die Fusion zur neuen Linken lag aber noch einiger Querelen und mehr als ein Jahr entfernt. Die WASG stritt seinerzeit über die Pläne für eine Konkurrenz-Kandidatur des Berliner Landesverbandes bei den Abgeordnetenhauswahlen. Das war der Rahmen für ein Gespräch, das damals im Neuen Deutschland erschien und hier passagenweise, teils gekürzt noch einmal veröffentlicht wird, weil es überaus aktuell klingt. Ost-West-Konflikte, die Sorge, von den anderen dominiert zu werden, die unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen, der Wunsch nach echter Vereinigung – alles Themen, die jetzt auch im Streit um die politische und personelle Aufstellung der Nach-Lafontaine-Ära mir großer Verve debattiert werden. Die Überschrift damals: „Die schwierigsten Zeiten kommen noch“. Inzwischen sind sie angebrochen.
Sie klangen schon zuversichtlicher.
Ulrich Maurer: Ich habe immer gesagt: Die neue linke Partei kommt. Meine Wetten bin ich jederzeit bereit, zu erneuern. Dass das einfach wird, hat niemand behauptet.
Aber Sie haben mit weniger Schwierigkeiten gerechnet?
Dietmar Bartsch: Die schwierigsten Zeiten kommen erst noch. Die Meinungen darüber, wie eine neue Linke aussehen wird, gehen weit auseinander. Aber es gibt selbstverständlich Grenzen.
Ulrich Maurer: Ich habe mir beide Organisationen einfacher vorgestellt. Die westdeutsche Linke besteht aus Strömungen – irgendwie unter einem Dach, locker und lose, und dann strömt es so dahin. Viele Leute merken erst jetzt, was es heißt, eine Partei zu sein. Es ist kein Ausdruck von Basisdemokratie, wenn jeder Landesverband macht, was er will.
Dietmar Bartsch: Es gibt auch eine historische Verantwortung. Mit ausreichender Distanz wird die Formierung der neuen Linken einmal neu bewertet werden. Deshalb: Spielen darf man mit dieser Chance nicht.
Wo ist die Grenze zwischen Spiel und notwendiger Debatte?
Dietmar Bartsch: Es ist klar, dass engagierte Menschen diese Partei nach ihren Vorstellungen gestalten wollen. Das ist legitim. Aber dann müssen Mehrheiten entscheiden.
Ulrich Maurer: Mein – vielleicht sehr sozialdemokratisches – Verständnis von politischer Führung ist, dass diese in jeder Situation für das eintreten muss, was sie politisch will. Ich habe immer gehofft, dass ich bei der PDS auf richtige Preußen treffe, auf eisenharte Kader. Wenn es wild wird, bekommst du ja richtig Sehnsucht danach.
Dietmar Bartsch: Wir fangen nicht bei Null an. Aber es wäre doch schlimm, wenn es in der Linken keine Auseinandersetzungen um Inhalte geben würde. Es gibt gemeinsame Wurzeln, das ist schon eine ganze Menge. Die Ausgangspunkte sind in ihrer Verschiedenheit ein großer Gewinn.
Ulrich Maurer: Die Politik der PDS war lange stark davon motiviert, in den Zeiten des Systemwechsels unter völlig neuen Bedingungen zu agieren. Das wird im Westen oft leichtfertig ignoriert. Aber vieles muss vor diesem Hintergrund verstanden werden: Selbstbehauptung der nicht gewollten Ostdeutschen. Die Linkspartei muss aber jetzt begreifen, dass sie keine regionale Erscheinung mehr ist. Wir reden jetzt über eine bundesweite Kraft. Wenn wir gut sind, sagen die Leute: Ihr seid die einzige gesamtdeutsche Partei, in der nicht der eine den anderen übernommen hat.
Wie viele in der Linkspartei haben denn schon begriffen, eine gesamtdeutsche Partei zu sein?
Dietmar Bartsch: Wir haben in den neunziger Jahren gesagt, damit wir im Westen Erfolg haben, wählen wir möglichst viele Wessis in Vorstände. Das hat nicht geklappt. Aber ich sage auch: Wenn wir das Haus einer gesamtdeutschen Linken bauen wollen, kann die PDS nicht nur als Steinbruch betrachtet werden. Die Partei hat einiges geleistet, das jetzt nicht untergehen darf.
Ulrich Maurer: Die Sache ist ja ganz lustig: Bei der WASG fürchten einige, von der neoliberalen PDS überrannt zu werden und umgekehrt besteht in der PDS die Befürchtung, Sozialdemokraten aus dem Westen übernehmen das Ruder. Aber im Ernst: Es gibt erstmalig die Chance, eine Vereinigung hinzukriegen, die nicht als Kolonialismus erfahren wird.
aus: Neues Deutschland vom 29./30. April 2006, Seite 3 (tos)
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