Bewegungsmelder

Sigmar Gabriel hat offensichtlich die eine oder andere Lektion aus dem Wahldebakel der SPD gelernt. Beispielsweise redet er öffentlich über die Option einer rot-rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen nach der Landtagswahl im nächsten Frühjahr. Natürlich ist er nicht Feuer und Flamme dafür; er stellt Bedingungen. Aber er zieht es in Erwägung; nicht zuletzt wohl auch mit Blick auf die Entwicklungen bis zur nächsten Bundestagswahl. Damit ist er der erste SPD-Chef, der die rot-rote bzw. rot-rot-grüne Option nicht nur taktisch, sondern strategisch ernst nimmt – außer vielleicht Oskar Lafontaine. Doch in den 90ern, als Lafontaine SPD-Vorsitzender war, litt die PDS im Westen und damit zwangsläufig im Bundesmaßstab an eklatanter Schwäche. Nur im Osten war sie damals ein Machtfaktor. Gabriel denkt nun nach der Schröder-Müntefering-Steinmeier-Ära um. Seine Bedingungen sind teils ernst gemeint, teils Rhetorik im Parteienpoker. Er fordert die NRW-Linke beispielsweise auf, von ihren „Verstaatlichungsorgien“ Abstand zu nehmen – die es freilich in dieser Form gar nicht gibt. Aber er sieht Bewegung. Die Linke müsse ihr Programm so weit verändern, dass man wieder über Inhalte reden könne – eine Forderung, die wohl auf NRW wie auf die Bundesebene gemünzt ist.

Dass die nordrhein-westfälische SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft Gabriel mit der Bemerkung widerspricht, die Linke in ihrem Land sei derzeit weder regierungs- noch koalitionsfähig, ist nicht der große Widerspruch zwischen Land und Bund, als der er in manchen Medien dargestellt wird. Sowohl Gabriel als auch Kraft wollen eine Mehrheit jenseits von Schwarz-Gelb, und beide wissen, dass diese Mehrheit nach gegenwärtiger Lage ohne die Linke nicht zu erreichen sein wird. Infratest dimap ermittelte kürzlich ein 49:46 von Rot-Rot-Grün gegen Schwarz-Gelb; bei Forsa stand es dagegen 50:46 für die derzeitige Regierung. Das Rennen ist offen.

Immerhin hat Katharina Schwabedissen, Landeschefin der Linken, ihrer SPD-Kollegin Kraft umgehend ein Gespräch über mögliche inhaltliche Übereinstimmungen angeboten: Abschaffung der Studiengebühren, Bildungsreform, soziale Regulierung der Energiemärkte (also das, was Gabriel Verstaatlichungsorgie nennt), Sicherung der Kommunalfinanzen. Das könnte ein Anfang für die Erfüllung von Gabriels Wunsch sein – über Inhalte zu reden. In der Tat, da ist Bewegung drin. Oder besser: Da könnte Bewegung drin sein. Wenn beide Seiten mitmachen. Man sollte in Düsseldorf einen Bewegungsmelder installieren. (wh)

Drucken Drucken

3 Kommentare zu “Bewegungsmelder”

  1. Curacao sagt:

    Habt ihr denn schon einmal die Grünen gefragt, ob die auch wollen? Was passiert, wenn man sich zu früh über ein rot-rot-grünes Bündnis freut, ist im Saarland zu betrachten.

  2. wh sagt:

    Wir freuen uns nicht zu früh drauf, nehmen aber zur kenntnis, dass die nrw-grünen von dem ziel einer mehrheit jenseits von schwarz-gelb reden. kann natürlich sein, dass sie hoffen, es geht ohne die linke. fakt ist doch aber, dass die entscheidende annäherung für ein linksbündnis zwischen spd und linker stattfinden müsste.

Kommentiere:

| Kommentare werden moderiert |