Die Sache mit dem Besen

Die Sache mit dem Besen

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Als Lothar Bisky neulich vom Spiegel gefragt wurde, ob 20 Jahre nach dem Sonderparteitag der SED eine große Jubiläumsparty stattfinden werde, beschied der Linken-Chef knapp: „Eine Jubelfeier gibt es nicht.“ Im Januar soll lediglich ein kleiner Empfang mit Aktiven von damals stattfinden. Einer wird nicht fehlen dürfen: Gregor Gysi. Der Fraktionschef war am 9. Dezember 1989 zum SED-Vorsitzenden geworden, eine Woche später gab sich die Partei den Zusatz PDS. Ein Bild von damals ist bis heute in Erinnerung geblieben: Gysi mit einem riesigen Besen. Das Symbol war leicht verständlich. Doch wie kam es dazu? Und wo steht der Feger heute?

Im Archiv Demokratischer Sozialismus der parteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. Schon vor fünf Jahren, als eine Konferenz zur PDS-Geschichte von einer kleinen Ausstellung begleitet wurde, konnte man den in der Tat enormen Besen dort besichtigen. Gysi hatte das gute Stück beim Sonderparteitag 1989 von einer Freitaler Lehrerin im Faltenrock überreicht bekommen, nachdem er von den mehr als 2.700 Delegierten mit über 95 Prozent zum Vorsitzenden gekürt worden war. Auf einem der Fotos blickt der nicht gerade hoch aufgeschossene Gysi lachend auf die über ihm schwebenden schwarze Doppel-Quaste.

Der Besen stammte aus dem Reinigungsarsenal der Dynamo-Sporthalle in Hohenschönhausen, wo der Parteitag an zwei Wochenenden stattfand. „Die Verpflegung war schlecht, der Qualm und die Enge in den Gängen unerträglich, die Wahlgänge quälend lang“, liest man in den Aufzeichnungen des Physikers Max Klein, der als 38-Jähriger am Sonderparteitag teilnahm und einige Impressionen noch im Dezember 1989 notierte – sie wurden erst zehn Jahre später in der Utopie kreativ veröffentlicht. „Ein kleines Mädchen hinter mir hatte die Idee, Gregor Gysi den Besen zu schenken, den sie aus dem Gang besorgte, sehr viel war improvisiert.“

Im Prinzip ja, aber. Improvisiert war die Besen-Aktion auf jeden Fall und ein kleines Mädchen spielte auch eine Rolle. In der Erinnerung von Klaus Höpcke, der stellvertretender DDR-Kulturminister war und dem Arbeitsausschuss angehörte, welcher den Sonderparteitag vorbereitete, war es allerdings der Chirurg Frank Rauhut aus Königs Wusterhausen, der den Besen mit Hilfe einer älteren Dame besorgte. Die Idee dazu hatte eine junge Delegierte aus Potsdam – es ging einerseits darum, das übliche Blumen-Ritual nebst kleinem Mädchen zu vermeiden, und andererseits um ein Symbol des politischen Neuanfangs.

Das „große Saubermachen“, zu dem Gysi bei der Besenübergabe aufgefordert worden sein soll, stieß aus zeitgenössischer Perspektive auf großen Beifall. Später kamen auch kritische Stimmen dazu. Das symbolische „Reinemachen“ als Teil der politischen Erneuerung der PDS – es hatte auch noch eine andere Seite. Posierte nicht auch der Kommunisten-Hasser McCarthy einst mit einem großen Reisigfeger vor dem Capitol in Washington? Und war nicht auch Stalin 1927 ein Stahlbesen überreicht worden? Daran dachten im Dezember 1989 die wenigsten. Die Stimmung auf dem Sonderparteitag war emotional, und nicht nur dort: Korruption und Karrieristen, autoritäre Parteistrukturen und ideologische Hüte von vorgestern – all das sollte nun raus. Wie erfolgreich die PDS damit war, steht auf einem anderen Blatt.
(tos, Foto: Mittelstädt/Bundesarchiv)

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Ein Kommentar zu “Die Sache mit dem Besen”

  1. Dr. Frank Rauhut sagt:

    Eure Schilderung ist im wesentlichen korrekt. Die alte Dame war eine Reinigungskraft. Sie verriet mir, daß der große Saalbesen hinter dem Transparent auf der Bühne stehen müßte. Es gelang gerade noch rechtzeitig, die Staubflocken zu entfernen. Übergeben hat den Besen eine kleine Lehrerin, die zuvor einen mit viel Beifall bedachten Diskussionsbeitrag gehalten hatte. Die Idee hatte eine Delegierte der Volkspolizeibezirksverwaltung Potsdam.
    Ich bin politisch aktiv gegen Nazis in Königswusterhausen.
    No pasaran
    Frank Rauhut

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