Fast wie früher

Zum Jubiläum des Mauerfalls eine Stimme aus dem politischen Jenseits: Günter Schabowski, inzwischen 80 und längst ein unentbehrliches Requisit der gutbürgerlichen DDR-Schmähung, wird dieser Tage wieder auf allen Kanälen gesendet. Meistens sind es alte Filmsequenzen, neu zusammengeklebt. Der Tagesspiegel hat Schabowski erst dieser Tage befragt und sich von ihm nicht nur über Wende und DDR, sondern auch über die Linke allerhand Absonderlichkeiten erzählen lassen. Dass von den 2,3 Millionen SED-Mitgliedern noch rund 50.000 in der Linken sind, bedeutet für Schabowski, im Politbüro der 80er Jahre einer Klügeren, folgendes: Der große Teil, der weg ist, habe schnell begriffen, dass es nichts wird mit dem Sozialismus. Wer dagegen noch in der Linken ist, habe keinerlei Konsequenzen aus dem gescheiterten Sozialismus-Experiment gezogen.

Der Zuspruch für die Linke ist „Ausdruck für die Unvollkommenheit der Menschheit“. 30.000 bis 40.000 Mitglieder der Linken seien „noch Anhänger der SED“. Soweit die Sentenzen eines selbstgerechten Mannes, der sich seit Jahren gern als geläuterter Stichwortgeber der antikommunistischen Agitatoren vorführen lässt. Mann sollte es ihm nicht all zu sehr verübeln; schließlich glaubt er offensichtlich inzwischen sogar, dass er im November 1989 die Grenze aufgemacht habe, um die Spaltung zwischen Ost und West zu überwinden. Was allerdings bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass sich zwei Tagesspiegel-Interviewer, diesen ganzen Unsinn vorbeten lassen und kaum einmal einen zaghaften Einwand erheben. Etwa so eilfertig wie weiland die bravsten Parteijournalisten reihen sie Gefälligkeitsfragen aneinander und helfen Schabowski weiter, wo er einmal ein Klischee auslässt. („Wie viel SED steckt noch in der Linkspartei?“) Unter 24 Fragen nicht eine einzige kritische. Schabowski, der unter Honecker ja mal eine ganze Weile Chefredakteur des Neuen Deutschland war, wird das Gespräch gefallen haben. (wh)

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