Löcher im Gedächtnis

In diesen Tagen ist das Erinnern groß in Mode, nicht nur bei Auslandsreisen der Kanzlerin. Am interessantesten sind natürlich die Erinnerungslücken. Weil die Linke eine aufwändige Rekonstruktion der Demonstration vom 4. November 1989 betrieben hat, wurde ihr die Vereinnahmung der Bürgerrechtsproteste gegen die SED-Herrschaft vorgeworfen. Beispielsweise von Vera Lengsfeld, früher SED, später Grüne Ost, dann Bündnis 90/Grüne-West, inzwischen längst CDU. Was Lengsfeld übersieht: Die Großdemo vom 4. November 89 war keineswegs eine Aktion der DDR-Bürgerrechtler, sondern sie kam aus der Mitte der Gesellschaft. Darunter Linke mit und ohne SED-Parteibuch, Gewerkschafter, Künstler. Auch Leute wie Marianne Birthler waren dabei, Gregor Gysi sagte am Mittwoch, die Kundgebung wäre ohne die Bürgerbewegung nicht möglich gewesen; aber das, was man heute unter DDR-Opposition versteht, war nicht der Kern der Organisatoren.

Die Linke und die Rosa-Luxemburg-Stiftung hatten diverse Einladungen für ihre Veranstaltung zum 20-Jahres-Gedenken verschickt und sich manche Absage eingehandelt. Christa Wolf und Christoph Hein wollten nicht; Gründe wurden bei ihnen nicht publik. Marianne Birthler erklärte in einem Brief, der auf der Veranstaltung verlesen wurde, mit Gysi könne sie sich keinen fruchtbaren und ehrlichen Dialog vorstellen. Das ist wohl die Fortsetzung ihres Kleinkriegs gegen Gysi wegen dessen angeblicher MfS-Zuarbeit, die sich zwar nicht beweisen lässt, auf der Birthler aber gern beharren möchte. Teilgenommen haben dagegen u.a. die Theologen und Sozialdemokraten Friedrich Schorlemmer und Konrad Elmer, die Schauspielerinnen Johanna Schall und Annekathrin Bürger, der Dokumentarfilmer Joachim Tschirner und der einstige LDPD-Vorsitzende Manfred Gerlach.

Gysi liegt sicher nicht falsch mit seiner Vermutung, hätte die Linke sich nicht des Themas 4. November angenommen, wäre ihr Geschichtsvergessenheit vorgeworfen worden. Ansonsten hat übrigens keine Partei oder Stiftung die damalige Demo für irgendetwas zum Anlass genommen.

Erst unlängst hatte Brandenburgs CDU-Vorsitzende Johanna Wanka die Entscheidung der Landes-SPD für Rot-Rot und gegen die Fortsetzung von Rot-Schwarz als Verrat an den Menschen von 1989 bezeichnet. Mit den Erben der Verantwortlichen der DDR an einen Regierungstisch zu gehen, sei für sie menschlich enttäuschend, so Wanka. Mit wem hatte denn Platzeck bisher am Tisch gesessen? Nicht mit den Erben der allzeit treuen Blockpartei CDU, die sich dann ruckartig wendete und geräuschlos von der Kohl-CDU geschluckt wurde – Mitglieder, Finanzen, Immobilien? (wh)

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2 Kommentare zu “Löcher im Gedächtnis”

  1. Glamypunk sagt:

    Ich kenn sogar Leute, die Stasioffiziere waren und mitgelaufen sind ganz im Gegensatz zu Frau Merkel.

  2. spa sagt:

    wenn ich das richtig verstanden habe, wurde die 4. november-demonstration von gysi bei den behörden angemeldet – im auftrag von künstlern am DT oder so ähnlich

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