Unter der Gürtellinie
Sie halten es für einen Rechercheerfolg: „Lafontaine hat Prostatakrebs“, meldet die Agentur und unterstreicht ihren Stolz auf die Exklusivität mit dem Satz: „Das erfuhr die Deutsche Presse Agentur dpa in Berlin am Mittwoch.“ Mit solchen Sätzen schmücken sich Medien, wenn sie schneller als die Konkurrenz etwas herausgefunden oder wenn sie eine Meinungsäußerung von einem Promi ergattert haben, die sonst vermeintlich noch niemand hatte. In jedem Falle erhofft man sich Zitierung anderswo und damit einen Imageeffekt. Mit beinahe vorwurfsvollem Unterton fügt die Agentur in der Meldung hinzu, Lafontaine habe „am Dienstag allgemein mitgeteilt, dass er an Krebs erkrankt sei“. Da muss eine Agentur, die auf ihrer Internetseite „brandaktuelle und vertiefende“ Informationen verspricht, natürlich nachhaken. Denn so geht’s natürlich nicht, dass Prominente irgendetwas für sich behalten. Und sei es ein Unterleibsproblem.
Da erinnert man sich an den Sommer 2005, als Bild nach Gregor Gysis Gehirnoperation auf der Titelseite ein großformatiges Röntgenbild und die selten dämliche Schlagzeile „Gysi zeigt sein Gehirn“ druckte. Gysi erwirkte dann eine Gegendarstellung, denn das Bild war ohne sein Einverständnis veröffentlicht worden. Zudem wurde danach darüber spekuliert, ob es überhaupt ein Bild aus Gysis Krankenakte oder aus irgendeinem Medizinlehrbuch war. Mal sehen, wer nach Lafontaines Operation als Erster aus der OP-Akte zitiert. Offensichtlich sind bei solchen Themen nicht mehr nur die einschlägigen Boulevardmedien im Rennen, sondern auch solche, die viele noch für seriös halten. (wh)
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