Feindbild Bartsch
Wenn man eine Lehre ziehen wollte aus der medialen Kampagne gegen Oskar Lafontaine, dann wäre es wohl diese: Vorsicht vor anonymen Informationen! Selbstverständlich braucht Journalismus auch und gerade jene Quellen, die ungenannt bleiben müssen, weil es sonst für die gefährlich werden könnte, welche etwas preisgeben, das sonst nicht an die Öffentlichkeit kommen würde. Aber was bringt Kritik an der Durchstecherei, wenn man sie selbst betreibt? Die Junge Welt hat, und das mit guten Gründen, den Versuch gegeißelt, den Linken-Chef mit „Geflüster“ über angebliche Affären und dergleichen fertigzumachen. Sie tut es jedoch selbst – nur geht es diesmal gegen Dietmar Bartsch. In der Ausgabe vom Donnerstag wird behauptet, die Kampagne gegen Lafontaine werde vom Bundesgeschäftsführer der Partei „orchestriert“. Das Blatt stützt sich dabei auf die „Spitze der Linksfraktion im Bundestag“ – nennt aber weder Ross noch Reiter. Die Zeitung, die sich eben noch gegen politisch motivierte Spickerei wendet, tut also nichts anderes.
Im Aufmacher heißt es zudem mit Verweis auf die Ostsee-Zeitung, Bartsch rufe „indirekt gar dazu auf, munter über Lafontaines Privatleben zu spekulieren und damit den Chef zu demontieren“. Nun kann man da viel herauslesen, aber einen „indirekten Aufruf“? Es gehört schon einiges dazu, den indirekt wiedergegebenen Satz, ein Zusammenhang zwischen Lafontaines Verzicht auf den Fraktionsvorsitz im Bundestag Anfang Oktober und der jetzigen Krebserkrankung habe Bartsch ausgeschlossen, als Konterkarierung der Krebserklärung Lafontaines zu deuten. Es ist im Übrigen nicht die erste Attacke gegen den Bundesgeschäftsführer, der betont hat, er übe dieses Amt gern aus, der aber zweifellos und nicht zu Unrecht zu den möglichen Nachfolgern Lafontaines auf dem Parteivorsitz gehört. Schon im Juni hatte die Junge Welt ein Interview mit Albrecht Müller gebracht, einem ehemaligen SPD-Wahlkampfchef, der Bartsch frontal anging: „Die Linkspartei hat eindeutig einen falschen Wahlkampf gemacht, sie wollte sich wohl lieb Kind bei den konservativen Medien machen.“ Der Vorstand, den Müller nach eigenen Worten nicht einmal kennt, habe dabei versagt, die Frontleute der Partei, darunter Lafontaine, offensiv zu unterstützen. Bartsch, so die Quintessenz, habe nicht den Mut gehabt, als „Ausputzer“ sich mit „diesen Medien anzulegen“.
Wessen Spiel spielt hier eigentlich die Junge Welt? Wer steckt hinter dem Vorwurf, es gehe bei der angeblich aus der Linken gesteuerten Kampagne gegen Lafontaine „um die Ur-Sehnsucht Bundesgermaniens, die Linke insgesamt endlich zu marginalisieren“? Hans Peter Schütz hat auf stern.de zu recht beklagt, dass es der Spiegel und anderen unterließen, die angebliche Affäre Wagenknecht-Lafontaine auszurecherchieren. Aber hat denn die Junge Welt ausrecherchiert, wer die Gerüchte über Lafontaines Privatleben in die Welt gesetzt hat und warum? War es wirklich Bartsch? Spielt eine Rolle, dass der Mann beim Konkurrenzblatt Neues Deutschland einst Geschäftsführer war? Man erfährt es nicht. Das ist das Problem. Andrea Ypsilanti hat sich unlängst in einem Interview mit dem Freitag darüber beklagt, dass es in der SPD typisch sei, „mit dem Zitat eines anonymen Kronzeugen (…) über die Medien Stimmung“ zu machen. Es ist in diesem Fall, in dem es um den innerlinken Konflikt zwischen „Linken“ und „Realos“ geht, nicht anders. (tos)
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“Aber hat denn die Junge Welt ausrecherchiert, wer die Gerüchte über Lafontaines Privatleben in die Welt gesetzt hat und warum?”
Das Geflüster kam aus der Fraktion und genau deshalb wird auch klar, weshalb die JW den Namen des Mitgliedes der Fraktionspitze nicht preisgeben kann.
Und wenn das Konkurrenzblatt (ach wirklich?) ND dabei ins Spiel gebracht wird, dann doch bitte mit dem Artikel “Gysi weist Ramelow zurecht”. Man kann sich ja durchaus über Ausschluss dem Namen nähern. Falls dies interessant sein sollte.
Ist es aber nicht. Wem nützt es? Wer nützt es aus? Die Fragen sind interessant. Das hat die JW offensichtlich erkannt.
trotzdem ist es prinzipiell unanständig, aus der deckung der anonymität leute öffentlich anzugehen, egal, um wen es geht. und zeitungen, die das mitmachen, haben auch ein problem – oder ein gezieltes interesse.