Ohne jeden Beleg
Man soll ja nicht so viel auf Umfragen geben. Die Kritik an der Demoskopie ist chic geworden, über Fehlertoleranzen, Stichprobenprobleme und Hochrechnungspatzer weiß jeder etwas zu erzählen. Wie man politische Stimmungen besser ermitteln soll, das kann natürlich auch keiner sagen: durch Zählappelle, wöchentliche Abstimmungen? Oder soll man ganz darauf verzichten? Ein Lob der Befragungskunst schließt die Kritik am Umgang mit den Ergebnissen übrigens nicht aus: Das Politbarometer des CDU-Kanals ZDF erhebt regelmäßig, was die Leute von Politikern halten. Fraktions- und Parteichef der Linken haben sich dabei wenn auch auf niedrigem Niveau verbessert. Beim Koch-Fernsehen lautet der Zwischentitel trotzdem: “Gysi und Lafontaine im Minus”. Nach dem Bundesgeschäftsführer der Partei fragt die ZDF-Umfrage nicht, aber der kann zurzeit nicht auf Beliebtheit hoffen. Eine mediale Koalition aus stern.de und Junge Welt hat in Dietmar Bartsch den Königsmörder ausgemacht, wobei sich der gegen ihn gerichteten Vorwurf der Kolportage auf was stützt? Genau: auf Kolportage. Der 51-Jährige hat sich nun zu Wort gemeldet – auf Umwegen:
In der Jungen Welt erschien eine Gegendarstellung zu einem Beitrag, der zuerst im Bruderorgan stern.de veröffentlicht worden war. Dort selbst war die Reaktion von Bartsch – jedenfalls bis Samstagmorgen – offenbar noch nicht angekommen. Die Junge Welt hatte sich schon vor einigen Tagen wegen unfairer Bartsch-Kritik (mehr dazu hier) eine Erklärung aus dem Parteivorstand eingehandelt: “Da werden Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, Spekulationen und Gerüchte aneinandergereiht, Geschichten erfunden, böswillige Interpretationen geliefert.” Vielleicht hat sich die Linkspartei-Abgeordnete Ulla Jelpke, die der Jungen Welt eng verbunden ist, da an ihren eigenen Fall erinnert: Im September hatte der Spiegel ein Stück veröffentlicht, in dem die Autoren allerlei Ressentiments gegen die Linke aufboten. Die Frau von der Antikapitalistischen Linken stellte umgehend klar, dass da Behauptungen “ohne jeden Beleg” aufgestellt würden. Nun hat die 58-Jährige eine einstweilige Verfügung gegen den Spiegel erwirkt. Der “unseriöse Versuch” des Magazins, ihr zu schaden, so Jelpke, sei “zu durchsichtig und durchschaubar” gewesen. Alles nur kolportiert? Woher kennen wir das bloß? (tos)
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Ein Kommentar zu “Ohne jeden Beleg”