Wieder die Stasi-Karte

Man kann darauf wetten: Jedesmal kurz vor einer halbwegs wichtigen Wahl kommt der Spiegel wieder mit einer schlimmen Stasi-Geschichte über Gregor Gysi. Nach Lockerungsübungen über eine Sekretärin von Bodo Ramelow kommt das Hamburger Magazin nun richtig zur Sache: Am Donnerstag Nachmittag schickte der einschlägig bekannte Autor Peter Wensierski ein zwei Seiten langes Fax an den Chef der Linksfraktion im Bundestag, in dem er bis spätestens Freitag 10 Uhr Antwort auf elf (mit allen Unterfragen 19) Fragen zu Gysis Tätigkeit als Rechtsanwalt in der DDR verlangte. Er brauche die Auskünfte für einen “aktuellen Artikel”, der offenbar am Montag in der Endphase des Wahlkampfs erscheinen soll. Mal abgesehen davon, dass das Schreiben mit dem 17. September 1989 datiert ist und das Fax die Datumszeile “05-JAN-1996 04:25″ trägt, würde der Fragenkatalog jedem Ermittlungsrichter und auch einer hochnotpeinlichen Befragung alle Ehre machen. Etwa: “Von wann bis wann genau waren Sie Parteisekretär, welche Parteihochschule haben Sie besucht?” – “Warum haben Sie nach Ihren Auslandsreisen nach Paris, Istanbul, London, Wien, München, Saarbrücken und wiederholt West-Berlin Berichte an das Justizministerium bzw. an das ZK berichtet?” – “Warum und von welchem Geld erhielten Sie 1988 über West-Berlin und GENEX einen Ford-Orion?” – “Warum wurden Sie im November 1983 bis 1989 Fördermitglied des BFC Dynamo?” Und so weiter. Als Gysi kurz zuvor ein Gespräch mit den beiden Spiegel-Chefredakteuren hatte, war von einem solchen Fragenkatalog keine Rede. In einer Antwort an Wensierski schreibt Gysi, ihm sei klar gewesen, dass der Journalist noch versuchen werde, gegen die Linkspartei in den Wahlkampf einzugreifen.

Mit Blick auf die kurze Frist zur Beantwortung stellt Gysi fest, dass Wensierski mit einer ausführlichen Antwort “nicht gerechnet” habe und der Artikel nach seiner Kenntnis “schon seit längerer Zeit fertig ist”. Immerhin geht Gysi trotzdem auf die Fragen ein – allerdings weniger für den Spiegel-Mann als vielmehr für die Öffentlichkeit, denn der Links-Politiker ging in die Offensive und schickte sowohl die Anfrage als auch seine Reaktion am Freitag an diverse Redaktionen. Unter anderem teilt er mit, dass er nie auf einer Parteihochschule war und “selbstverständlich” verpflichtet war, von Dienstreisen, zumal in den Westen, dem Justizministerium zu berichten. Mit einem Offizier der Berliner MfS-Verwaltung habe er nur ein einziges Mal gesprochen – als er Vorsitzender des Rechtsanwaltskollegiums wurde. “Daraufhin habe ich entschieden, dass mein Stellvertreter, nämlich Rechtsanwalt de Maizière, künftig mit ihm Gespräche zu führen hat und ich nicht mehr.”

Gysi wirft Wensierski vor, in seinem “Hass gegen mich absolut blind” zu sein und stellt fest: “Da Sie von der DDR keine Ahnung haben, können Sie sich das Leben dort ohnehin nicht vorstellen. Ich bin auch sicher, dass meine Antworten Sie nicht interessieren. Sie werden trotzdem voller Gift und Galle schreiben.” Mal sehen, ob er dem Spiegel mit dieser Nummer die Schau gestohlen hat oder ob wir die Story am Montag dennoch lesen dürfen. Nachtrag 19.9. Der Artikel ist inzwischen bei Spiegel online erschienen.

Ach ja: der Ford Orion. Das Geld dafür, so Gysi, stamme aus einer Erbschaft von einer Großmutter, die in Paris gelebt hat. “Wenn Sie die Autos der DDR näher kennengelernt hätten, hätten Sie vielleicht sogar Verständnis dafür entwickelt, dass mir der Ford besser gefiel.” Hätte er gewusst, wie schnell die Wende kommt, so Gysi, hätte er das Geld behalten und anderweitig verwendet. “Aber weder Sie noch ein anderer hat mir verraten, dass eine solche Wende bevorsteht.” (wh)

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2 Kommentare zu “Wieder die Stasi-Karte”

  1. R. Nitschke sagt:

    Im Westen nix neues?

    Diese seit 20 Jahren die politische Auseinandersetzung vernebelnden Anschuldigungen, Unterstellungen,… können sehr gut offensiv gewendet werden und gleichfalls gegen die Nachrichtendienste der BRD und die 30-jährige regierungsamtliche Praxis
    ins “Feld geführt” werden.

    Andreas von Bülow schreibt in seinem Klassiker “Im Namen des Staates” 1998 (S.9–14):
    “Auf die nahezu systematische Nutzung der über Kontinente hinweg vernetzten organisierten Kriminalität durch östliche wie westliche Geheimdienste wäre ich nie gestoßen, hätte nicht die Bundesregierung in den Jahren nach der deutschen Vereinigung alles darangesetzt, den Untersuchungsausschuß des Bundestages zur Aufklärung des Bereiches Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des MfS-Obersten Schalck-Golodkowski in seiner Arbeit auf Sachverhalte einzugrenzen, die dem Ansehen der Ost-, nicht jedoch der Westseite schädlich waren. … genehm war nur, was die östliche Seite belastete. Waren westliche Partner beteiligt, stockte die Aufklärung. …Eine Rückhaltlose Aufklärung hätte peinlich werden können. …Eine umfassende Bestandsaufnahme auch im Hinblick auf die verschwundenen Vermögen war offenbar nicht gewünscht. …
    Die strafrechtliche Aufarbeitung ist von einer kaum noch zu überbietenden Unfähigkeit und Unwilligkeit der politisch Verantwortlichen gekennzeichnet, …

    Herausgekommen ist letztlich ein erschreckendes Gemälde der systematischen operativen Verschränkung geheimdienstlicher Operationen mit der weltweiten organisierten Kriminalität, dem Drogenhandel, aber auch dem Terrorismus….
    Es geht insbesondere um die Mittel und Methoden, mit denen es gelingt, gegnerische wie befreundete Staaten und Gesellschaften verdeckt, das heißt weder von innen noch von außen auf Anhieb erkennbar, im gewünschten Sinne zu steuern. …
    Geheimdienste geben der Allgemeinheit, aber auch den Parlamenten nur selten Gründe für ihr Handeln an, sie pflegen sich nicht zu rechtfertigen und umgeben ihr Tun oft mit einem Schleier der Falschinformation und Täuschung. Es fruchtet folglich nicht, mit ihnen in einen Dialog treten zu wollen.”

    Deshalb fordert Die Linke:

    1. Die Offenlegung der BND-, Verfassungsschutz-, BKA- Arbeitsergebnisse im Zusammenhang mit den Terrorfällen der 1970ziger bis 1990ziger Jahre in der BRD und
    2. der Zugang zu den Behörden – Akten für die zeitgeschichtliche und juristische Aufarbeitung

    Mein Kommentar(bereits veröffentlicht, passt hier ebenfalls:)

    http://www.linke-bildung-kultur.de/?p=953#comment-35383

    Beste Grüße
    R. Nitschke

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