Das Orakel Kajo
Man sollte meinen, die SPD habe angesichts der dramatischen Wahlumfragen genug mit sich selbst zu tun. Aber ihr Wahlkampfchef, der Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel, nimmt sich in einem Streitgespräch mit Linkspartei-Fraktionschef Gregor Gysi für den Tagesspiegel immerhin noch die Zeit für eine kühne Prognose. „Ich glaube nicht, dass die Partei Die Linke die nächsten 20 Jahre überleben wird“, orakelte Wassehövel. Kann sein, kann nicht sein. Vielleicht ist in 20 Jahren auch der Atlantik ausgetrocknet oder Kurt Krömer Bundespräsident. Aber nach allen jetzt greifbaren Kriterien steht erst einmal fest: Wenn es mit einer Partei rasant abwärts geht, dann mit der SPD. Die Verheerungen der Schröderschen Sozial- und Außenpolitik haben derart an der Substanz der Sozialdemokratie gezehrt, dass Parteienforscher ihr zunehmend das Attribut Volkspartei absprechen Bezeichnend ist, dass auch der als eine Art Wunderheiler zurückgeholte Parteivorsitzende Franz Müntefering, zu dessen engsten Vertrauten Wasserhövel gehört, nicht das Geringste an der Misere der SPD ändern kann. Den sagenumwobenen Münte-Effekt gibt es nicht mehr. Der Politologe Peter Lösche sagte jetzt der SPD eine 10 bis 15 Jahre lange Durststrecke voraus. Beinahe die Zeitspanne also, an deren Ende es laut Wasserhövel die Linke nicht mehr geben soll. Die Frage ist im Moment aber eher: Wie sieht nach dieser Frist die SPD aus?
Die einzige Chance, die Linke überflüssig zu machen, wäre ja eine wirklich soziale Politik, bei der August Bebel nicht wie in den letzten Jahren im Grabe rotieren muss. Das ist von der gegenwärtigen Parteiführung nicht zu erwarten, und deshalb läuft sie völlig zu Recht Gefahr, das schlechteste Bundestags-Wahlergebnis aller Zeiten einzufahren. Den bisherigen Tiefstwert von 28,8 Prozent aus dem Jahre 1953 haben die Sozialdemokraten in Umfragen schon ewig nicht mehr erreicht. Die Linkspartei dagegen ist auf dem Wege, das höchste Ergebnis einer Partei links von der SPD seit Gründung der Bundesrepublik einzufahren.
Kleiner Tipp an Wasserhövel: Unter Politikern und Politologen gilt eine Partei dann als dauerhafte politische Strömung, wenn sie zweimal hintereinander in den Bundestag gekommen ist. Das ist übrigens auch das Kriterium für die finanzielle Förderung einer parteinahen Stiftung durch den Bund. Angesichts der Vorgeschichte der PDS sowie der Tatsache, dass niemand an einem Wiedereinzug der Linkspartei in den Bundestag zweifelt, hat die Linke dieses Kriterium längst erfüllt. Kajo Wasserhövel kann sich in den nächsten Monaten selbst davon überzeugen: Er ist Direktkandidat für den Bundestag im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick und trifft dort auf – Mandatsinhaber Gregor Gysi. (wh)
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