Frankfurter Glashaus
Es kommt immer noch vor, dass ein Medienunternehmen dem anderen glaubt vorwerfen zu müssen, es halte sich nicht an die Spielregeln journalistischer Objektivität. An die angebliche Überparteilichkeit glaubt ja kein Mensch mehr, weshalb der drohende Zeigefinger schnell im trockenen Winde der Interessenverlautbarung verdorrt. In Sachen hessische Koalition zum Beispiel wusste jeder: die Frankfurter Rundschau besorgt das Geschäft der SPD-Führung in Berlin, Zeitungen wie Neues Deutschland und Junge Welt waren einer linken Regierungsbeteiligung in dem Maße gewogen, wie die verschiedenen Strömungen innerhalb der Linkspartei, denen sie als Quasi-Sprachrohre dienen. Und die Frankfurter Allgemeine war so etwas wie das Zentralorgan der Ypsilanti-Gegner. Wann immer es geboten erschien, veröffentlichte das Blatt die Bedenken der Konzerne, intonierte das Lied von der „Lüge”, mit der die SPD-Frau vom Wahlkampfversprechen zum Koalitionsversuch geschwenkt sei, führte fragwürdige DDR-Experten gegen die „SED-Nachfolgepartei” ins Rennen und so weiter. Wer sich einen Überblick verschaffen will, gibt hier einfach mal den Suchbegriff „Ypsilanti” ein. Noch am Montag erschien die Zeitung für Deutschland mit einem letzten Warnruf an die Sozialdemokraten, am Donnerstag meldeten drei der vier „Abweichler” dann exklusiv in der Frankfurter Allgemeinen Vollzug. Wenn aber jemand einmal nicht das Anti-Ypsilanti-Krakele mitmacht, entdeckt die Zeitung Parteijournalismus und beklagt eine „Verdorbenheit der Kommentierung”. So etwa am Beispiel des Hessischen Rundfunks, der sich in den Tagen nach dem Putsch der vier „ die gnadenlose Sprache der düpierten Genossen zu eigen” gemacht habe, wie es heißt. Die FAZ macht daraus sogar eine kleine Kampagne, drei Beiträge in Folge bis heute (etwa hier und hier) erschienen auf der Medienseite – dort also, wo seit jeher gegen öffentlich-rechtliche Sender zu Felde gezogen wird. Man dürfe schon erwarten, dass die Journalisten des HR die Torpedierung einer Koalition „mit einer gewissen Distanz und Klarheit zu schildern wissen – und nicht wie Frontberichterstatter im Schützengraben”, schreibt die FAZ und legt die Latte dabei für sich selbst unerreichbar hoch. Ohne diese bigotte Medienschelte war uns das alte Zentralorgan (West) doch irgendwie lieber.
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