Peter und Horst
Ehrlicher oder peinlicher? Peter Sodann sorgte tagelang für Schlagzeilen. An einer Seite des medialen Gummibandes zerrte das Gros der Zeitungen und Sender, an der anderen die Linke: Je heftiger der Bundespräsidenten-Kandidat wegen seiner Äußerungen kritisiert wurde, desto solidarischer zeigte sich die Führung der Partei, die ihn ins Rennen geschickt hat. Das kann man als Lehre aus der verpatzten Aufstellung zur Bundestagswahl 2005 ansehen, über die Sodann sagt, er habe sich auch von der Linkspartei im Stich gelassen gefühlt. Für Diskussionen über Zweck und Zustandekommen der Nominierung bleibt allerdings wenig Spielraum. Allenfalls für demonstrative Nichtäußerungen, die das Solidaritätsgebot nicht verletzten, mit denen man aber doch eine eigene Meinung signalisieren kann. Zum Beispiel hier, wo man lesen kann, was einige Genossen vom pragmatischen Flügel der Linkspartei zu Sodann sagen – bzw. eben nicht sagen. Man mag über den Ex-Schauspieler, seine immergleiche Antworten und das ganze Nominierungsgeschehen den Kopf schütteln – eines aber ist doch interessant: Da gibt es einen Bundespräsidenten, der in der schwersten Finanzkrise kaum ein Wort hervorbringt – wenn doch einmal, dann sagt der ehemalige Sparkassendirektor höchstens, der Bankenbranche stünde „mehr Selbstkritik” gut an. Und da gibt es einen völlig chancenlosen Kandidaten für das Bundespräsidentenamt, der mit zwei, drei Sätzen über Tage im Zentrum der öffentlichen Diskussion steht. Was hat Peter Sodann, was Horst Köhler nicht hat?
Sodann hat, erstens, die Medien auf seiner Seite – auch wenn es nicht so aussieht. Wo aber das vermeintlich Skandalöse mehr gilt als das Erwartbare, bekommt man mit der Idee, Josef Ackermann für seine Taten als Bankmanager zu verhaften, eine Schlagzeile. Der Vorschlag von Köhler, eine Konferenz mit dem Ziel zu veranstalten, einen „internationalen Ordnungsrahmen für die globale Ökonomie” zu schaffen, darf froh sein, überhaupt zitiert zu werden.
Sodann entspricht, zweitens, nicht dem Bild, das man sich von Politikern macht – weshalb viele besonders gern hinschauen. Wo andere staatstragend daherreden, plaudert der Sachse jenseits jeden Protokolls und macht schlechte Witze. Das muss kein Vorteil sein, immerhin hat es schon Kurt Beck das Genick gebrochen, dem die Journaille weder Herkunft noch Frisur verziehen hat. Es garantiert aber Aufmerksamkeit: „Aus Ehrlicher wird peinlicher”, schrieb jetzt eine Zeitung und mokierte sich über das brabbelnd, altväterliche Auftreten Sodanns. Das Blatt, das muss dazu gesagt werden, steht der SPD nahe und hat ein eigenes Pferd im Präsidenten-Rennen.
Sodann bringt, drittens, Störpotenzial in einem verlängerten Kalten Krieg mit. Viele können nicht verstehen, dass ein Mann für die Linkspartei antritt, der in der DDR aus politischen Gründen im Gefängnis saß. Auch dass macht ihn für die Medien so interessant. Die Nachfrage, warum Sodann es trotzdem tut, wird inzwischen immer öfter zum Vorwurf. Zumal nach seinen Äußerungen zur Verfassung der Bundesrepublik: „Deutschland fehlt es ein ganzes Stück zur Demokratie”, findet Sodann, und meint damit, dass es zwar formal wenig an den Grundlagen des Gemeinwesens auszusetzen gebe, die realexistierende Demokratie aber das Versprechen nach sozialer Gerechtigkeit wegen der in ihr fortbestehenden Kräfteverhältnisse nicht einzulösen vermag. Wer möchte da widersprechen?
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