Alte Rechnungen

Lucy Redler will nun doch in die Linkspartei eintreten – prompt erheben frühere Chefmänner der Wahlalternative medienwirksamen Einspruch (etwa hier und hier). Dass es keine große Begeisterung über so ein Neumitglied gibt, lässt sich durchaus verstehen. Redler war die Frontfrau der widerspenstigen Berliner Wahlalternative, ließ niemals ein gutes Haar an der rot-roten Koalition in Berlin und trat folgerichtig im Herbst 2006 in Konkurrenz zur Linkspartei zu den Abgeordnetenhauswahlen an, scheiterte damit jedoch ebenso wie wenig später mit einer politischen Neugründung. Aber ist das alles auch ein Grund, ihr (und anderen) den Zutritt zu einer Partei zu verwehren, die immer gern die Monstranz des Pluralismus vor sich herträgt?

Mit ihrer Meinung zur Politik des Senates in der Hauptstadt stand und steht Redler schließlich keineswegs allein – im Gegenteil. Dass man die Bilanz des rot-roten Senats auch anders diskutieren kann, ja muss, ist eine andere Sache. Aber es war damals wie heute in der Partei völlig üblich, ja zeitweise sogar chic, den Regierungssozialisten mit größter Überzeugung Kapitulantentum gegenüber dem Schweinesystem vorzuwerfen.

Redler konnte das besonders gut. Sicher: Das Medieninteresse stand schon damals in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Bedeutung. Aber kann man das der Frau und ihren Mitstreitern vorwerfen? Wer glaubt, etwas zu sagen zu haben, stellt sich mit einem Plakat auf den Marktplatz und hofft, dass er dabei beobachtet wird. Lucy Redler wurde sogar sehr gern beobachtet (was auch mit den Gesetzen der veröffentlichten Meinung zu tun hat) – und all die arrivierten PDS-Landespolitiker und WASG-Gewerkschaftssekretäre taten schwer beleidigt, weil eine Mitzwanzigerin ihnen die Show stahl.

Dabei hatten sie oft genug selbst dafür gesorgt, dass die „rote Lucy” im Mittelpunkt stand – und tun es heute immer noch. Damals fiel Leuten, die gerade erst wegen ihrer Kritik an der Parteispitze aus der SPD ausgeschlossen worden waren und nun plötzlich selbst ganz oben saßen, nichts besseres ein, als juristisch gegen eine Kritikerin in den eigenen Reihen vorzugehen. Heute mach der Einspruchs zweier früherer WASG-Vorstände gegen den – eigentlich ja wenig aufregenden – Eintritt Redlers in die Linkspartei überhaupt erst interessant.

Redler hat ihre Entscheidung, in die Linke einzutreten, unter anderem damit begründet, dass diese Partei „bei Millionen Menschen Hoffnungen auf eine Politik jenseits des Sozialkahlschlags von SPD bis CDU,” wecke und die einzige sei, „die Hartz IV und die Rente mit 67 ablehnt und die Truppen aus Afghanistan abziehen will”. Deshalb wolle sie ihren Beitrag nunmehr innerhalb dieser Partei leisten – werde aber auch nicht auf Kritik verzichten.

Man hätte dies als eine Art Versöhnungsgeste verstehen können, als Zeichen eines Lernprozesses, mit dem eingeräumt wird, dass die Art und Weise früherer Auseinandersetzungen falsch war, in der Sache aber weiter Differenzen bestehen. Oder von mir aus kann man das Ganze auch als taktischen Kniff einer kleinen Polit-Gruppe ansehen, die es nun – wie andere Gruppen die mit dem Böse-Böse-Wort Trotzkismus etikettiert sind – vor lauter Erfolglosigkeit lieber in der Linkspartei versucht. Statt mit Souveränität darauf zu reagieren, kramen einige in der Linken nun alte Rechnungen hervor.

Was bleibt? Der Eindruck, dass man in einer Partei, in der sonst jeder pseudorevolutionäre Vorschlag auf Beifall hoffen kann und Kritiker von Regierungsbeteiligungen zu den Lieblingen zählen, nicht Mitglied sein soll, wenn man die Politik des rot-roten Senats kritisiert – und dabei Lucy Redler heißt.

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