Lafontaines Comeback
Das Rampenlicht treibt ja nicht nur das Gute im Menschen hervor, sondern auch Eitelkeiten und Rollenspiele und Selbstüberschätzungen.
Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über Politiker
Peter Glotz hatte es geahnt. Ein Oskar Lafontaine zieht sich nicht einfach so aus allem zurück, wird nicht einfach so Privatier. »Er war der Klassenprimus. Die Klasse tuschelt jetzt«, schrieb Glotz, der mal als linker Sozialdemokrat galt, später eher die konservative Flanke der SPD besetzte und inzwischen verstorben ist, kurz nach Lafontaines Rücktritt in der »Woche«. Und jetzt? »Bleibt nur die Frage, ob Oskar spurlos verschwindet oder irgendwo wieder auftaucht. Für eine gänzlich neue Karriere ist er zu alt. Für die Rolle des Zausels hinterm Berg ist er zu jung. Wie wird er auf die Hoffnungen antworten, die noch immer auf ihn gerichtet sind?«
Lafontaine antwortet, in dem er in die Politik zurückkehrt. Es wird eine Weile dauern, bis er wieder ganz oben mitspielt. Ein ehemaliger SPD-Vorsitzender und Finanzminister sorgt aber auch auf kleineren Bühnen für mehr Aufsehen als viele andere. Es ist Ende April 1999, in Riegelsberg sitzt in einer schmucklosen Mehrzweckhalle der Landesparteitag der Saar-SPD zusammen. Oskar Lafontaine ist ein einfacher Delegierter des Ortsvereins St. Johann, die sozialdemokratische Zeitrechnung zeigt 44 Tage nach Oskar an. Aber der Saarländer muss nicht irgendwo hinten in den Reihen der Namenlosen Platz nehmen. Oskars Platz ist auf dem Podium, daran hat sein Rücktritt nichts geändert. Auch wenn ihm diesen mancher der SPD-Genossen übel nimmt. »Im Stich gelassen« habe er die Partei, sagt einer der Delegierten. Karl-Heinz Blessing, der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer, sieht das anders. Lafontaine habe viel für das Saarland und die Sozialdemokratie getan, »mehr als die Partei für ihn«.
Als der politische Privatmann mit einiger Verspätung in Riegelsberg den Saal betritt, rennen ein paar Genossen aufgeregt durch die Reihen – »Er kommt!« Lafontaine setzt sich auf seinen Platz im Präsidium und hört erst einmal den anderen zu. Reinhard Klimmt, der ihm im Ministerpräsidentenamt beerbt hat, nennt »den Oskar« ein »politisches Schwergewicht«, dessen Stimme »auch überregional gehört wird«. Klimmt wird als Spitzenkandidat der SPD in den Wahlkampf zur Landtagswahl ziehen, seine Botschaft: Lafontaine ist zurück, er wird der Partei helfen, er wird sich dabei aber nicht verstellen. Auch Gerhard Schröder wird ihn nicht überhören können. Dann geht Lafontaine ans Mikrofon und verspricht Klimmt seine volle Unterstützung. Es ist nicht die Art von Rede, die man von Lafontaine gewöhnt ist. Der heimliche Anführer der Saar-SPD setzt auf Spannung. Es scheint, Lafontaine ist nur gekommen, um seinen nächsten Auftritt anzukündigen – am 1. Mai im Deutsch-Französischen Garten in Saarbrücken. Dann will er mehr erzählen. Die Themen Jugoslawienkrieg und Arbeitslosigkeit streift er nur kurz. »Wer interessiert ist, meine Auffassung dazu kennenzulernen, ist herzlich eingeladen.«
In Saarbrücken herrscht Gedränge. Es ist der 1. Mai und hier, wo die SPD stark und an Siege gewöhnt ist, steht die Kundgebung am Tag der Arbeit ganz oben im sozialdemokratischen Festkalender. Viele sind wohl auch gekommen, »weil de Oskar wieda amol red’t«. Lafontaine spricht über den Krieg im Kosovo, rechnet der Nato und der »Clinton-Administration« Fehler vor. »Ich fordere die Verantwortlichen auf, darauf hinzuwirken, dass die Bombardierung eingestellt wird«, sagt Lafontaine. Vor der Bühne hält jemand ein Plakat in die Höhe. Darauf ein Bild von Schröder mit angemaltem Hitlerbärtchen und der Parole »Schröder muss weg!«. Lafontaine distanziert sich von dem Vergleich. Im Bierzelt spielt die »Gruppe Rastlos«. Lafontaine kommt auch auf die Bundesregierung zu sprechen, die Abrechnung, auf die so viele, vor allem die Medien gewartet haben, bleibt jedoch aus. Es sind die kleinen Nebenbemerkungen, die den Konflikt, der im März zum Rücktritt geführt hat, wieder aufleben lassen. »Alle reden von Lohnzurückhaltung«, sagt Lafontaine, selbst in der SPD und beim DGB werde das »nachgeplappert«. »Aber warum redet kaum jemand von Gewinnzurückhaltung?« 12 000 Mai-Besucher klatschen laut. »Schön hat er gesprochen«, sagt später eine Frau mit ÖTV-Fähnchen. »Aber warum er zurückgetreten ist, hat er nicht gesagt.« Man muss warten können, meint eine andere. »Du wirst sehen, der red’t wieder.«
Zuerst aber reden andere. Und sie reden viel – zum Beispiel gegenüber den Medien. Der »Spiegel« widmet Lafontaine in den Wochen nach dem Rücktritt immer wieder mal eine Geschichte und kann dabei stets prominente SPD-Leute zitieren, »einen Vorständler« oder jemanden aus »der Führungsspitze«. Anonym selbstverständlich, aber dass hier gezielt durchgesteckt wird, ist kaum zu übersehen. Der Saarländer taucht denn auch stets »unverblümt« auf, ist »eine Belastung«, jemand, der verschlagen eine »giftige Botschaft« für seine Partei bereithält, ein »Schlossgespenst«, das »das Spiel mit der Angst, die die Genossen umtreibt«, genieße. Ausführlich widmet man sich den Einkommensverhältnissen des Ex-Ministers – auch »Spiegel«-Leser können Neid entwickeln. Die Geschichte von einem Auftritt beim »1. Genusssymposium« in Zürich im Herbst, bei dem Lafontaine gegen einen angeblich sechsstelligen Betrag vor Wirtschaftsleuten über »Lebensart und Politik« plauderte, taucht im »Spiegel« gleich zweimal innerhalb weniger Wochen auf. Sie soll belegen, dass sich der »Politpensionär« jetzt »als Unterhaltungskünstler vom Geldadel beschäftigen« lässt.
Es liegt vielleicht auch an Lafontaine selbst, an seiner über Monate andauernden Weigerung, sich zu erklären, klar zu machen, wie es im März zum Rücktritt kommen konnte, vielleicht sogar kommen musste. Die leere Stelle haben andere besetzt, mit Mutmaßungen und mitunter auch mit Bedacht. Schließlich ist auch ein zurückgetretener Lafontaine kein Leichtgewicht. In der SPD gibt es einige, die Grund zur Sorge haben, dass der Saarländer den Finger auf die Wunde legt und die Krise der Sozialdemokratie, die nicht nur eine an den Wahlurnen ist, sondern eine politische, mit einem Gegenentwurf zu Schröders Kurs grell an den Himmel der Öffentlichkeit malt. Deshalb wird nun Vorsorge getroffen, schließlich ist bekannt, dass Oskar Lafontaine die Zeit nach seinem Rücktritt genutzt hat, ein Buch zu schreiben. Eine Abrechnung, wie viele erwartet haben? Abseits der großen politischen Bühnen wird manche Männer-Rivalität autobiografisch fortgesetzt: in den Buchläden. Und das ist dann wiederum ein Thema für die Medien – alle erwarten Geheimnisse, Rivalitäten. Vor allem Kanzler-Autobiografien sind bestsellerträchtig. SPD-Mann Willy Brandt soll mit seinen 1989 erschienenen Erinnerungen – 250 000 Mal verkauft – 1,3 Millionen Euro verdient haben. Sein Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) brachte es auf 600 000 Exemplare. Lafontaine war kein Kanzler – aber hatten sie ihn nicht alle zum »Schattenmann« Schröders erklärt?
Am 13. Oktober 1999 kommen 450 Journalisten und über 30 Kamerateams zur Buchmesse nach Frankfurt, um sich »Das Herz schlägt links«, das neueste Werk des ein halbes Jahr zuvor abgetretenen SPD-Chefs und Finanzministers, anzuschauen. Es ist nach Vorabveröffentlichungen, einigen Interviews und einem exklusiven Liveauftritt im Fernsehen der erste Auftritt Lafontaines vor unsortierten Medienvertretern seit der Demission im März. Die »Berliner Zeitung« beobachtet zwei Kollegen aus den USA, die angesichts des Auflaufs sogar meinen, Günther Grass auf dem Podium erkannt zu haben. Eben jener Nobelpreisträger hat kurz zuvor Lafontaine öffentlich die Freundschaft gekündigt und dem Saarländer geraten: »Halt’s Maul! Trink deinen Rotwein, fahr in die Ferien, such dir eine sinnvolle Beschäftigung.« Der Verlag, in dem später auch »Die Wut wächst« erschien, war sich dennoch sicher, dass sich Lafontaine besser verkaufen würde als Grass-Literatur. Econs Chef Christian Strasser blieb damals gelassen, weil er wusste, dass die schon vor dem eigentlichen Erscheinungstermin verkaufte Auflage von 140 000 Stück auf jeden Fall »mehr ist, als Grass hinkriegt« – und das sei dann »auch ein Stück sozialer Gerechtigkeit für den Buchhandel«.
Auf der Buchmesse werden rund 600 Exemplare des Buches geklaut. Bei den Medien kommt der 317-Seiten-Wälzer dagegen nicht so gut an. Man wetterte über den Besserwisser, Amokläufer und Egomanen. Die erste Reihe der SPD hat vorsorglich beschlossen, sich zunächst gar nicht öffentlich zu Lafontaines Buch zu äußern. Das besorgt das SPD-Blatt »Frankfurter Rundschau«, das pflichtschuldig vom »Saarbrücker Kettensägenmassaker« schreibt. Und auch wenn der Kabarettist Dieter Hildebrandt das Buch »so spannend wie die Stromrechnung« findet, gibt es auch positive Reaktionen – in der Linken. In der »tageszeitung« lobt Stefan Reinecke Lafontaine für »eine realpolitische, linke Alternative: eher pazifistisch gesonnen, vor allem aber darauf bedacht, den politischen Raum vor feindlichen Übernahmeversuchen der Wirtschaft zu schützen«. Das Buch sei passagenweise »eine Streitschrift gegen das Modernisierungsgefasel, hinter dem stets eine Kapitulationsforderung an die Politik steht«. Markus Schubert meint im selben Blatt, »Lafontaines Sicht der Dinge« sei »viel plausibler« als »Schröders Optik«. Ganz große Begeisterung wollte dennoch nicht aufkommen. Joachim Bischoff vom »Sozialismus« entdeckt »Zweifel und Widersprüche« und vermisst die Bewegung. Gesellschaftliche Besserung sei nicht wie von Lafontaine skizziert durch eine »autoritäre Operation weniger Politprofis« zu erreichen.
Am Verkaufserfolg ändert die öffentliche Debatte wenig – im Gegenteil. In der Pockinger Buchhandlung »Nickel und Spitzenberger« sind schon am ersten Verkaufstag im Herbst 1999 alle zehn georderten Exemplare verkauft. »Dass der Verkauf so gut anläuft, hat uns schon überrascht«, freut sich die Verkäuferin Elisabeth Ruhhammer. Weniger Freude dürfte damals beim SPD-nahen Dietz Verlag aufgekommen sein, mit dem Lafontaine ursprünglich verhandelt haben soll. J.H.W. Dietz Chef Heiner Lindner fühlte sich seinerzeit hintergangen. Lafontaine habe auf das Angebot eines Garantiehonorars von 570 000 Mark mündlich zugesagt – dann aber doch bei Econ unterschrieben. Der damals zum Springer-Konzern gehörende Verlag soll 400 000 Euro an Lafontaine gezahlt haben. Lindner zeigt sich frustriert: »Er hat sich skrupellos, zeitweise unehrlich, auf jeden Fall geldgierig verhalten.« Lafontaines Herz schlage »link«. Und auch der Hanser-Verleger Michael Krüger will schon im Frühjahr 1999 mit Lafontaine verhandelt haben, dann aber vom Saarländer mit der Bemerkung abgekanzelt worden sein, es sei doch egal, wo das Buch erscheine, bekommen werde es sowieso nur der mit dem höchsten Angebot.
Es sind auch solche Anekdoten, die, nachdem »Das Herz schlägt links« erscheint, die Medien in ein psychoanalytisches Proseminar verwandeln. Was ist dieses Buch? Die Abrechnung eines Gekränkten? Ein publizistischer Amoklauf ohne Rücksicht auf die eigenen Verdienste? Das Werk eines Verräters – oder doch eher das eines Verratenen? Experten wie der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer sind gefragte Leute in diesen Tagen. Das Buch sei »aus dem frischen Affekt heraus geschrieben«, es fehle dem Ganzen die Verarbeitung. Lafontaine »müsste sich in seine Gegenspieler einfühlen, statt eine parteiische Darstellung zu liefern, in der er seine eigene Verstrickung und Verantwortung überhaupt nicht sieht«, so Schmidbauer wenige Tage vor dem Verkaufsstart des Buches. Dass das auch etwas mit dem Geschäft zu tun hat, das Politiker betreiben, weiß Schmidbauer. »Das Rampenlicht treibt ja nicht nur das Gute im Menschen hervor, sondern auch Eitelkeiten und Rollenspiele und Selbstüberschätzungen.«
Was auch die Reaktion jener früheren Weggefährten des Saarländers verständlich macht, die nun Gift und Galle spucken. Und mit ihnen eine Schar von Fachleuten, die nichts zum Buch zu sagen haben, aber viele Mutmaßungen über den Gemütszustand seines Autors anstellen. Jede Menge »Etiketten aus der Neurosenpathologie werden präsentiert«, beklagt angesichts dessen Horst-Eberhard Richter, damals Chef des Frankfurter Sigmund Freud Instituts, und sieht es gar nicht gern, wenn Lafontaine nun »ungebeten zum Patienten« wird, mit dessen Argumenten – das ist der Trick an der Sache – man sich denn auch gar nicht mehr ernsthaft beschäftigen muss. »Andere kennen Lafontaines Gefühle genauso, unterdrücken sie aber in sich«, sagt Schmidbauer. »Jeder, der in einem höheren Amt steht, entwertet und schlecht gemacht wird, hat wahrscheinlich Lust, alles hinzuschmeißen. Aber keiner will das zugeben.«
Lafontaine hat es getan. Ganz weit hinten in »Das Herz schlägt links«, eingeklemmt zwischen zwei Kapiteln über den Kosovo-Krieg und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, hat der Saarländer ein paar Gedanken zur Mediengesellschaft aufgeschrieben – die man auch als Selbstkritik lesen kann. Die Medien, heißt es da, »verändern aber nicht nur unsere Wahrnehmung, sie beeinflussen nicht nur unsere Entscheidungen, sondern sie formen auch die Akteure, die in den Medien auftreten«. Lafontaine ist einer davon, nur die Rolle hat sich ein wenig geändert seit dem Rücktritt im März 1999. Nach einer kleinen Pause ist er nun wieder auf allen Kanälen. Und Lafontaine weiß, was das bedeutet: »Die ständige Medienpräsenz führt zu narzisstischen Verhaltensweisen.«
Man kann die Reaktionen auf Lafontaines Buch auch als Ausdruck jener großen Kränkung verstehen, die die SPD in diesem »Superwahljahr« 1999 erfahren musste. Vor allem in den ersten Wochen jenes Herbstes, in dem »Das Herz schlägt links« erscheint, lassen die Wähler die Sozialdemokratie spüren, was sie von der Politik Schröders halten. Brandenburg, Saarland, Thüringen, Sachsen, Berlin – wo immer ein Urnengang ansteht, verliert die SPD an Zustimmung. Schon bei der Europawahl Mitte Juni 1999 büßten die Sozialdemokraten drei Millionen Stimmen ein und sackten bei sechs von insgesamt acht Landtagswahlen in diesem Jahr ab. Viele meinen in dieser Zeit, Lafontaine gehe es umso besser, je schlechter sich die SPD präsentiert. Doch was nützt dem Saarländer eine schwache Partei, wenn er doch stets behauptet, eine Rückkehr zu sozialdemokratischer Politik sei weiter möglich.
Die immer wieder aufgeworfene Frage, ob Lafontaine »seine Rückkehr als Anführer der deutschen Linken« plane, erscheint zwar aus dem Rückblick außerordentlich prophetisch. Doch damals, in den Jahren nach seinem Rücktritt, will Lafontaine die SPD nicht verlassen. Er will nur eine andere Partei. Das Problem: Er hat kaum Bündnispartner für seinen Plan. Die Wähler wenden sich zwar enttäuscht von der Sozialdemokratie ab. Aber innerhalb des Apparats gilt Lafontaine den »Linken« als Deserteur und den »Rechten« als Verräter. Selbst im Saarland gehen Freunde auf Distanz. Aus Sorge, er könne zu einer Belastung im Landtagswahlkampf im Herbst 1999 werden, wird auf Wahlplakaten sein Konterfei neben Ministerpräsident Klimmt gegen ein Bild von Gerhard Schröder ausgetauscht.
Ende der 90er Jahre taucht dann aber plötzlich eine Bewegung auf, zu der Lafontaine bestens zu passen scheint. 1998 gründet sich in Frankreich die Association pour une taxation des transactions financières pour l’aide aux citoyens (Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger) – kurz : Attac. Ausgangspunkt war 1997 ein Text in »Le Monde Diplomatique« unter der Überschrift »Entwaffnet die Märkte«. »Der Wirbelsturm, der die asiatischen Geldmärkte verwüstet, bedroht die ganze Welt«, schreibt darin Chefredakteur Ignacio Ramonet. »Die Globalisierung des Anlagekapitals schafft universelle Unsicherheit. Sie verhöhnt nationale Grenzen und schwächt die Macht der Staaten, ihren Bürgern die Demokratie und das Glück zu sichern.« Das ist Lafontaines Thema, Regulierung auf internationaler Ebene – daran ist er als Finanzminister 1999 gescheitert, doch seine Botschaft, so kann er es auch verstehen, die ist angekommen.
Bald gibt es auch erste Ortsvereine in der Bundesrepublik, das Netzwerk avanciert schnell zum Hoffnungsträger einer neuen Politik, die nicht direkt links ist, geschweige denn sozialistisch und die abseits der ausgetretenen Pfade der Parteipolitik nach Wegen der politischen Partizipation sucht. Die Gegenveranstaltungen zu den Weltwirtschaftsgipfeln der Jahre 1999 und 2001verschaffen der Bewegung schnell Zulauf. Nach Seattle und Genua ist das Phänomen in aller Munde: die neuen Globalisierungskritiker. Viele junge Leute sind dabei; was Ende der 60er die Neue Linke und in den 80ern die Friedensbewegung war, ist jetzt Attac. Selbstverständlich zieht das Netzwerk auch jene Reste der Linken an, die als Spontis ebenso scheiterten wie als Parteikommunisten und die nun nach einer neuen Heimat suchen. Ein bunter Haufen, politisch nicht festzulegen, organisatorisch ohne richtiges Zentrum. Lafontaine passt hierher – und andererseits auch wieder überhaupt nicht.
Ende Oktober 2001 hat Attac zu einem Perspektivenkongress nach Berlin geladen. Gewerkschafter sind dabei, Sozialverbände, Theologen, linksliberale Intellektuelle. Peter Wahl, der im Attac-Koordinierungskreis etwas gleicher ist als andere, hatte schon zu Jahresbeginn bei Lafontaine angefragt, ob er sich die Teilnahme an einem solchen Kongress vorstellen könnte. Selbstverständlich gab es auch Bedenken: Der Saarländer ist – auch ohne Parteichef zu sein – ein bekannter Sozialdemokrat, und Attac versucht vor allem in den Anfangsjahren, strikte Distanz zu Parteien zu wahren. Außerdem ist Lafontaine ein Sonderfall, ein Polarisierer. »Wir haben kein Interesse daran, von einer Person solch politischer Prominenz vereinnahmt zu werden«, sagt Peter Wahl. Doch eine andere Chance haben die Globalisierungskritiker auch nicht.
Das Bündnis politisch Namenloser kann von Lafontaine durchaus profitieren – und tut es auch. »Wir hatten das ganz starke Gefühl«, sagt Wahl, »dass dieser Kongress den Durchbruch bringen musste, sonst könnten wir das Projekt vergessen.« Fast 3 000 Menschen kommen am 20. und 21. Oktober 2001 in die Technische Universität Berlin, auch viele Journalisten und jede Menge Kamerateams. Auf einem Podium sitzt Oskar Lafontaine im feinen Anzug, sagt, dass er hier nur als »ein einfacher Unterstützer« auftritt und doch trauen wieder viele dem Frieden nicht. In der »tageszeitung« fragt man sich, ob das alles hier nicht doch nur eine Gelegenheit ist, die »es möglich macht, über längst verstaubt geglaubte Anliegen wieder diskutieren zu dürfen? Oder versucht da ein abgehalftertes Politross geschickt, wieder in die Arena einzulaufen? Attac gewissermaßen als Boden, auf dem sich prima Kapriolen schlagen lassen?« Oskar Lafontaine gibt darauf im Mai 2002 seine Antwort, das zweite Buch nach dem Rücktritt von 1999 kommt auf den Markt: »Die Wut wächst«. Wieder ist die SPD in einer schwierigen Situation, die Umfragewerte zeigen die Partei bei knapp über 30 Prozent und bis zu den Bundestagswahlen sind es nur noch ein paar Monate. Lafontaines neuestes Werk bekommt in einer solchen Lage unweigerlich den Charakter einer Wahlempfehlung. Nicht weil er sich für eine Partei ausspricht, sondern weil er sie alle auf dem falschen Weg sieht. Wo die Linke sei, werde er »oft mit aggressivem Unterton gefragt« – die SPD fällt Lafontaine dabei nicht mehr ein.
Für seine Weggefährten von einst hat der Saarländer nur beißenden Spott übrig, er schreibt von »Orientierungslosigkeit und Opportunismus«, davon, dass die Rede vom Ende des sozialdemokratischen Zeitalters eine Legende ist. »Und die Modernisierer sind eifrig dabei, den Sozialstaat zu demontieren, der den Zusammenhalt der demokratischen Gesellschaft garantiert. Sie wirken wie unfreiwillige Handlanger und Trottel des Neoliberalismus.« In der Bundesrepublik würden sich inzwischen »alle Parteien in der Mitte auf die Füße« treten, »nur die kleine PDS ist ein bisschen links und rackert sich im Osten ab«. Eine echte Wahlempfehlung ist auch das nicht. Lob bekommen in seinem neuen Buch eigentlich nur die Globalisierungskritiker: »Am Beginn des Jahres 2002 versammelte sich die Rechte auf dem World Economic Forum in New York, während die Linke im brasilianischen Porto Alegre tagte.« Das Programm von Attac und Co. nennt Lafontaine »überzeugend«. Und als ob er seinen Kritikern gleich einen bestimmten Wind aus den Segeln nehmen wollte: Es gehe nicht um einen »linksradikalen Antikapitalismus«, sondern »um die Rettung der Demokratie«.
Seit Januar 2001 müht sich der Saarländer noch an einer anderen Front ums demokratische Gemeinwesen: ausgerechnet in der »Bild«. Zusammen mit dem CSU-Mann Peter Gauweiler publiziert der einstige SPD-Chef in jenem Blatt, das nicht unmaßgeblich seine Demission mit herbeigeschrieben hatte. Mancher mag das als wahre Größe ansehen, andere finden das im günstigsten Fall unsympathisch. Gibt es eine Ausrede für eine Kolumne bei dem Springer-Blatt, das Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke auf dem Gewissen hat? Der Saarländer braucht dafür keine Rechtfertigung, er sieht sich auf einer Mission. Auf die von der Krawallredaktion selbst gestellte Frage »Ist Bild zu mächtig?«, antwortet er: »Mächtig ist eine Boulevardzeitung nur, wenn sie Stimme des Volks ist.« Und Lafontaine sieht sich als das Mundwerkzeug jener Mehrheit, deren Interessen von einer regierenden Minderheit missachtet werden. Abgesehen davon, erreicht der einstige SPD-Vorsitzende via »Bild« im Jahr 2001 fast vier Millionen Leser, kann den »Medienkanzler« Schröder auf dessen ureigenem Terrain angehen.
Lafontaine spielt gern auf der populistischen Klaviatur, am liebsten, wenn es um Themen geht, die direkt etwas mit seiner politischen Karriere zu tun haben und mit seiner Kritik an der SPD von Gerhard Schröder: »Ist der Kanzler auf dem richtigen Weg?« fragt »Bild« – und die Antwort Lafontaines fällt nicht überraschend aus. Drei Jahre wird er der Doppelkolumne treu bleiben – und dann, 2004, noch einmal solo verlängern. Schlagzeilen macht der »Bild«-Autor Lafontaine dabei selten. Ende 2002 allerdings lässt einer seiner kurzen Texte mächtige Aufregung entstehen. »Ist Schröder schon am Ende?« lautet das Thema der Kolumne am 18. November 2002. Lafontaine zieht eine ebenso kurze wie vernichtende Bilanz des rot-grünen Regierungsbündnisses, das gerade für eine zweite Legislatur gewählt wurde. »Rentenlüge, Steuerlüge und Haushaltslüge«, kanzelt Lafontaine im Stakkato des Boulevards Schröder ab, »die neoliberale Wirtschaftspolitik ist am Ende«. Und dann zieht er einen Vergleich: »Es ist so, als wäre Heinrich Brüning wiederauferstanden, jener Reichskanzler, der mit seiner Sparpolitik Massenarbeitslosigkeit verursachte und Hitler den Weg bereitete.«
In der SPD hat man jetzt von Lafontaine endgültig die Nase voll. »Es reicht«, lässt Schröder durch seine Frau Doris mitteilen – verbunden mit der Aufforderung, der einstige Vorsitzende solle seine Partei jetzt besser verlassen. SPD-Generalsekretär Olaf Scholz spricht von einer »fürchterlichen Entgleisung«, der Saarländer habe sich nun »endgültig selbst disqualifiziert«. Niemand in der Partei nehme auch nur »noch ein Stück Brot« von Lafontaine, er sei auf Parteiveranstaltungen nicht mehr willkommen. Zwar stimmen nicht alle in den Chor ein, vor allem im Saarland hält man es für übertrieben, sich »gleich die Parteibücher um die Ohren zu werfen«, wie es der dortige SPD-Landeschef ausdrückt. Doch die Kritik an Lafontaine ist längst nicht mehr nur eine enttäuschte Absage gegenüber einem als fahnenflüchtig angesehenen Mitstreiter.
Von Lafontaine sind inzwischen viele Spitzengenossen nur noch genervt. Die ständigen Sticheleien aus einer Position heraus, in der man mangels Verantwortung gar keine Fehler machen kann, das Missionarische an Lafontaines Korrekturversuchen am Kurs des alten Dampfers SPD – all das ist vielen lästig. Zumal auch Gerhard Schröder auf Gefolgschaft besteht und den wenigen leisen Versuchen der innerparteilichen Dissidenz seine Basta-Politik entgegenhält. Beide – der Kanzler und Lafontaine – funktionieren ein bisschen nach der Logik »Wer nicht für mich ist, ist gegen mich«. Der Apparat der SPD hat sich mehrheitlich für Schröder entschieden. Und langsam entscheidet sich Lafontaine nun gegen die SPD.
Man kann das Comeback Oskar Lafontaines nach seinem Rücktritt im Frühjahr 1999 in drei Phasen einteilen, drei Abschnitte einer Entfernung des ehemaligen Parteivorsitzenden von der SPD, die sich auch in den seither erschienenen drei Büchern des Saarländers niedergeschlagen haben. Am Anfang war es ein Kampf um die Partei, der Versuch Lafontaines, den Richtungsstreit in der SPD für sich zu entscheiden – aus zugegebenermaßen ungünstiger Position heraus. Schröder hatte die Macht, sein Gegenspieler nur ein paar mehr oder weniger erfolgreiche Bücher. Als Lafontaine im Herbst 1999 das Vorwort zu seinem Erfolgstitel »Das Herz schlägt links« diktierte, war er noch »der Auffassung, dass der Hinweis deutlich genug sei und die eigene Partei und die Anhänger der SPD sich durchaus ihren Reim darauf machen könnten«. Lafontaine wollte klarmachen, dass die sozialdemokratische Partei »ihre Seele nicht verkaufen« dürfe, die Seele jedenfalls, wie sie der Saarländer sehen wollte. »Es geht mir um den fundamentalen Richtungsstreit in der SPD«, einen Konflikt, den Lafontaine mit der Zeit des Mannheimer Parteitags von 1995 vergleicht, womit er sich gleich selbst als Retter der Sozialdemokratie ins Spiel bringt. Auch damals schon sei es darum gegangen, ob die SPD »sich dem neoliberalen Zeitgeist unterwirft«. Dann kam Lafontaine und redete Rudolf Scharping aus dem Rennen. »Die SPD als die große linke Volkspartei ist aufgerufen«, das ist keine Feststellung, sondern ein Angebot Lafontaines aus der publizistischen Lauerstellung, »ihren Weg erneut zu bestimmen.«
Vier Jahre später setzte Oskar Lafontaine schon kaum mehr auf die SPD und zeigte sich auf der Suche nach einem Ort für »das Sozialdemokratische«, das er aus der Partei Gerhard Schröders vertrieben sah. Die Formel, die 2003 in »Die Wut wächst« aufgestellt wird, lautet schlicht: Sozialdemokratische Politik ist links, die Linke aber ist nicht mehr die SPD. Auch die PDS war damals für Oskar Lafontaine nur »ein bisschen links«; er schaute nach Porto Alegre.
Das Bekenntnis zu Attac und Co. mag aus dem globalisierungskritischen Furor zu erklären sein, der das zweite Buch seit Lafontaines Rücktritt prägt. Richtig wohl war dem Saarländer bei der Vorstellung allerdings nicht, dass die weiterhin aktuellen Ideen des »sozialdemokratischen Zeitalters« ihre alleinige organisatorische Entsprechung in einem losen und politisch bunten Netzwerk finden könnten. Nach fast 40 Jahren Parteipolitik konnte und wollte sich Lafontaine nicht plötzlich völlig auf eine »Bildungsbewegung mit Aktionscharakter und Expertise« einlassen, wie sich Attac selbst bezeichnete. Also lag der Gedanke, dass sich »das Sozialdemokratische« unter Umständen eine neue parteipolitische Hülle suchen müssten, dann auch nahe. »Wenn die Gesellschaft sich erneuern soll«, schrieb Lafontaine 2003, »kommen die politischen Parteien wieder ins Spiel.«
Die Abkoppelung des Sozialdemokraten Lafontaine von der SPD verlief selbstverständlich nicht geradlinig und ohne Zögern. Loyalität und die Hoffnung, Erfolge als Schwungmasse zu nutzen, um eventuell doch noch beim Kampf um den Kurs der SPD Boden gut zu machen, haben Lafontaine auch weit nach 1999 immer wieder mit dem Gedanken der Rückkehr spielen lassen. Im Januar 2003 zum Beispiel, als er auf dem Neujahrsempfang der SPD-Fraktion im Stadtparlament von Saarbrücken vor den Genossen redet und denen Hoffnung für die Landtagswahl 2004 macht: »Wir können an der Saar wieder Mehrheitspartei werden, wenn wir nur zusammenstehen.« Was dann eben auch heißen sollte, dass man einen wie Oskar Lafontaine nicht ins Abseits stellt. Mancher hatte sogar gemutmaßt, der alte Ministerpräsident könne der neue Spitzenkandidat werden.
Die SPD-Linke war von der Rückkehr-Aussicht selbstverständlich angetan. »Ein erfolgreicher Kämpfer wie Lafontaine tut der SPD gut«, meinte damals Fraktionsvize Ludwig Stiegler, der frühere Parteichef sei »herzlich eingeladen, in der SPD und für die SPD wieder zu kämpfen«. Andere zeigten wenig Begeisterung über die Pläne des Saarländers. »Wenn Oskar Lafontaine der SPD wirklich helfen will«, donnerte Franz Müntefering, »gibt es dazu eine Möglichkeit: Er muss ganz einfach in der Öffentlichkeit den Mund halten.« Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im saarländischen Landtag, Armin Lang, sah die Sache damals eher pragmatisch: »Es war klug, Oskar Lafontaine wieder einzubinden. Bei Oskars Naturell war das präventiv gedacht. Aber die eigentliche Motivation war, alle Kräfte der Partei zu bündeln. Viele Stammwähler sagen: Lafontaine vertritt unsere Positionen und unsere Interessen.«
Man kann darüber spekulieren, ob Lafontaine damals nur deshalb nicht Spitzenkandidat geworden ist, weil die Chancen für eine Rückeroberung des Saarlandes durch die SPD selbst mit ihm an der Spitze sehr gering gewesen wären. Ein Jahr vor der Wahl lag die SPD im Herbst 2003 bei 33 Prozent, die CDU von Ministerpräsident Müller stand bei 54 Prozent. »Oskar wird nicht kandidieren, wenn er keine gute Chance sieht, die Wahl zu gewinnen. Dafür ist er einfach zu feige«, ließ sich damals ein altgedienter Sozialdemokrat zitieren. Und der Parteienforscher Peter Lösche spekulierte zwölf Monate vor dem Urnengang, »die Genossen, die Oskar ins Wahllokal holt, werden ausgeglichen durch die, die den Verrat noch nicht verdaut haben«. Ein Jahr später, im Oktober 2004, erlebte die saarländische Sozialdemokratie dann auch eine ihrer schwersten Wahlniederlagen.
Es mag ebenso denkbar sein, dass das Auftauchen der Wahlalternative auf der politischen Bühne Lafontaine von einer Spitzenkandidatur abgehalten hat – vorausgesetzt immer, die SPD hätte ihn überhaupt aufgestellt. Im März 2004, ein halbes Jahr vor der Landtagswahl im Saarland, sagte er der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«, dass es »zwangsläufig« sei, dass eine neue linke Partei entstehe, »wenn die SPD ihre Politik nicht ändert«. Mitmachen wollte Lafontaine damals zwar noch nicht: »Ich mache Wahlkampf für die SPD an der Saar.« Aber die Möglichkeit, dass eine Partei links der SPD erfolgreich sein könnte, die war plötzlich da. Eine Chance, die der Stratege Lafontaine, der »das Sozialdemokratische« in der SPD – zumindest in der Bundespartei – ohnehin nicht mehr aufgehoben sah, nicht ohne weiteres übersehen haben dürfte.
Der Ablösungsprozess Lafontaines von der SPD ist erst im Jahr 2005 abgeschlossen. Im März, also noch vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, bei der die Wahlalternative ihre erste Bewährungsprobe bestehen sollte, erscheint sein drittes Buch nach dem Rücktritt als Finanzminister und SPD-Vorsitzender: »Politik für alle«. Es ist ein langer Winter in Berlin und vor der Bundespressekonferenz fliehen an diesem Freitag Lafontaine und Horst Seehofer aus einem schwarzen Volvo durch das Schneegestöber. Der CSU-Mann wird die »Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft« präsentieren, Lafontaine wird später an diesem Vormittag auch noch Gregor Gysi und Heiner Geißler nennen, »die mich unterstützen«. Vier ältere Herren auf der Suche nach einer besseren Welt. Und wie sie sich gleichen – jedenfalls biografisch. Seehofer hat wie Lafontaine seine Ämter aufgegeben, weil er sich in der Partei beim Thema Gesundheitsreform nicht durchsetzen konnte. Auch Gysi hat Erfahrung mit Rücktritten und einen unstillbaren Drang zurück auf die große Bühne zu kommen. Geißler hat damals gegenüber Helmut Kohl in einem innerparteilichen Machtkampf nachgeben müssen. Seehofer und Lafontaine machen Witzchen, der CSU-Mann nennt den Noch-SPD-Mann den »Sozial-Breshnew der alten Republik«.
Mehr noch als je zuvor präsentiert sich der Saarländer in »Politik für alle« als Volkes Stimme – auch in einem ganz wörtlichen Sinne. Schon in der Einleitung drängeln sich »die Empörung des Volkes«, »die Stimmung des Volkes«, »der Protest des Volkes«. Man kann das Buch nicht nur deshalb einen populistischen Wurf nennen. »Wie lange lässt es sich das Volk noch gefallen, dass eine wohlhabende Minderheit ihm auf der Nase herumtanzt?«, fragt Lafontaine, enttäuscht davon, dass sich der Herbst der Montagsdemonstrationen nicht in den Winter verlängern ließ. »Es schien, als hätten sich die Bürger erneut damit abgefunden, den Gürtel enger zu schnallen, während die oberen Zehntausend Partys feiern.« Mit dem Projekt Wahlalternative, vom Linksbündnis mit der PDS war zu dieser Zeit noch nicht die Rede, sah Lafontaine nun aber eine Alternative zum »Eintopf des Neoliberalismus«, jener Suppe also, die »SPD, CDU/CSU, FDP und Grüne« der Bevölkerung zum Auslöffeln servierten. »Die Mehrheit des Volkes« lehne dies jedoch ab – weshalb nun für Sozialdemokraten die Stunde der Entscheidung gekommen sei. Lafontaine will nun nicht mehr die SPD auf einen anderen, alten Kurs bringen. Er will auch nicht mehr darauf warten, dass eine globalisierungskritische Bewegung wie Attac irgendwann einmal mehr ist als eben nur eine bestimmte Erscheinungsform neuer sozialer Bewegungen. Die PDS, die »mittlerweile ein sozialdemokratisches Programm hat«, hat Lafontaine
zwar nicht vergessen. Doch die Sozialisten aus dem Osten, das weiß man auch im Saarland, haben »in Westdeutschland ein Glaubwürdigkeitsproblem«. Und so wirbt Lafontaine für eine neue Partei – und deren Markenzeichen soll eine »Politik für alle« sein. Zumindest für fast alle.
»Sozialdemokratische Loyalität ist keine Vereinsmeierei«, polterte damals schon der einstige SPD-Chef und fordert Genossen wie Gewerkschafter zum Aufstand auf. »Ein wirklicher Sozialdemokrat« müsse sich »gegen diese Regierung stellen«, eine Regierung unter unwirklicher sozialdemokratischer Führung. Immer jedoch gab es bei Lafontaine noch einen klitzekleinen Notausgang, einen Nebensatz, der meist mit »Wenn« begann und oft mit »die SPD Schröders Kurs verlässt« endete. Aber echte Hoffnungen, dass diese SPD wieder zu seiner SPD werden könne, machte sich der Saarländer Anfang 2005 wohl nicht mehr. »Das Sozialdemokratische«, so wie es Lafontaine versteht, ist zu diesem Zeitpunkt längst in eine andere Hülle übergegangen: die Wahlalternative. »Die Programmdebatte der neuen Partei läuft zwar noch«, schreibt Lafontaine damals, »aber ihre führenden Köpfe, Gewerkschafter und SPD-Mitglieder, halten an den politischen Zielen und Inhalten fest, die die SPD vor Schröders Politikwechsel vertreten hat.«
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